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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-06-27 · Heft 26 (27.6.1919) · p. Seite 287

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 26 (27.6.1919)
Date
1919-06-27
Page
Seite 287 (sequence 11)
Language
German
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— 287 Aeurs aus drm „Jüdischen Verlag". in erhebliches Interesse für jüdische Bücher macht sich immer mehr geltend; jüdische Fragen stehen im Vordergrund unseres Interesses, eine Auseinandersetzung mit ihnen wird zum unausbleiblichen Bedürfnis! Die Forderung der „Jüdischen Volksgemeinde" wird von zionistischer Seite mit Nachdruck erhoben; hier orientiert ausgezeichnet die Schrift von E. Simonsohn. Manchen seiner Forderungen, wie z. B. der nach Abschaffung der mit Recht in Verruf gekommenen Sporteln der Rabbiner (Kasualiens, wird man aus vollem Herzen zustimmen können, bei anderen wieder wird man das Utopische gleich dem Verfasser selbst stärker empfinden. Unstreitig gebührt der Schrift das Verdienst. auf manchen Mißstand in unserem Gemeindeloben hingewiesen zu haben. Das Problem der Umgestaltung unserer Gemeindeverfassung wird ja nicht mehr zur Ruhe kommen, und eine neue Basis wird dafür gesucht werden müssen. — „Die drei Forderungen des jüdischen Volkes", die Nachum Goldmann aufstellt, sind nicht neu und der Mehrzahl der deutschen Juden schon aus seiner Vortragstätigkeit bekannt. Im Rahmen einer kurzen Besprechung ist eine Auseinandersetzung mit ihnen nicht möglich: deshalb seien sie hier nur kurz genannt' Es ist die Palästinaforderung, die Forderung der nationalen Autonomie und schließlich die Forderung der Gleichberechtigung. Besonders die zweite dieser Forderungen ist die heiß umstrittenste, sie greift am tiefsten in das Leben der westeuropäischen Juden ein. - Im Anschluß hieran wird man mit besonders großem Interesse das lesen, was Richard Lichtheim über den „Aufbau des jüdischen Palästina" zu sagen hat, denn jetzt scheint ja der Augenblick nicht mehr fern zu sein, wo das Kolonifationswerk wird im großen in Angriff genommen werden. Lichtheim unterschätzt nicht die großen Schwierigkeiten, die sich der Ausführung des Planes noch entgegenstellen und die es nicht zulassen werden, schon bald so viele Juden dort anzusiedeln, wie es im Interesse der in Not und Elend lebenden jüdischen Volksteile wünschenswert wäre. Eine neue Auflage des „Judenstaates" von Theodor Herzl wird man mit Freude begrüßen. Heute ist jene Schrift schon historisch geworden, aber von ihr ist doch der Anstoß zu einer Bewegung ausgegangen, deren ' Bedeutung niemand mehr verkennen kann. — Warm und aufs innerste mitfühlend schlug Herzls Herz für die Leiden feiner Stammesgenossen. Ein kleines Büchlein über „Golus, Zion und Romantik" stellt Sch. Gorclik zusammen: „Plaudereien im Cafe", „am See", „nach Sonnenuntergang", die sich immer um die Fragen drehen, die überall da, wo bewußt-jüdische Menschen miteinander sprechend zum Thema genommen werden. Eine tiefdringende Aufsatzreihe, der wir zum Schluß gedenken wollen, stellt Hugo Bergmann in seinem Buche „Jawno und Jerusalem" zusammen. Wir begrüßen in ihm besonders die Einstellung auf das Religiöse, das doch nun einmal das Wesen des Judentums ist. — Aus allen den augeführten Schriften aber gewinnen wir die beglückende Erkenntnis, wie lebendig unser Judentum ist und bleiben wird. Dr. Willy Cohn. Last Scheins Tod. Von Josef Patai. ahrelang, schon vor seinem Tode, konnte er nur mit J großer Anstrengung seine Seele zurückhalten, daß sie nicht hinaufsliege in die Halle der Seelen. So oft er zu beten ansing und die Flügel seiner Seele sich in die Höhe schwingen wollten, ward er immer durch den Wunsch beherrscht, daß ei; durch die zehn Sphären bis zur höchsten zur Krone aufsteige, daß er sich wieder vereine mit seiner Urquelle: mit der göttlichen Glorie, die seine Seele am Anfang der Zeiten ausgestrahlt hat. Und da brach sein Körper zusammen, und die Getreuen sahen erschrocken das Zucken des reinen Körpers des Zaddik; sie hoben ihn auf und legten ihn auf das Bett. Bald kam er aber zu sich, richtete sich auf und erzählte mit zitternder Stimme, welche Visionen er gesehen, während seine Seele in den Höhen wandelte . . . Einmal riß sich seine Seele schier ganz vvnr Körper los. Es war Jvmkippurnacht. Der Zaddik wollte — trotzdem er kränkelte — das Kolnidregebet wie jedesmal auch jetzt selbst vorbeten, weil er sah, daß das Urteil, das oben über die Kinder Israel gefällt werden sollte, streng und erbarmungslos geblieben. und das mußte verhindert werden. Kaum betete er aber einige Sätze, kaum versuchte er seine Gedanken mit der ersten Sphäre zu verbinden, zog das Unendliche seine Seele schon an sich, und sie flog hoch, immer höher und höher und als sie vor jene Halle kam. hörte sie, wie die Seelen vor Freride, vor Jubel zitternd einander zuflüsterten: „Der Baal Schem kommt, der Baal Schein wird auch unter uns sein!" Die reine Seele flog aber weiter, höher und höher, daß sie sich in den Strahlen der glänzenden Krone auflöse . . . Da tönte aber vom Laub des Baumes des Lebens aus dem Vogelnest ein Lied ihm entgegen — es war das Seelenlied des Messias — es zog die Seele des Baäl Schem an sich, und wie sie ankam. teilte es ihr mit, daß das Urteil gemildert wird, daß die Stunde ihres Ueberfiedelns noch nicht geschlagen. Sie ziehe nur zurück zur Erde, verbreite ihre Lehre, die seclenreinigenden heiligen Geheimnisse, denn die Erlösung wird nicht zur Wahrheit, solange sich nicht alle Seelen gereinigt haben. Und seine Seele fügte sich, der Baal Schein kam zurück und setzte mit kaum vernehmbarer Stimme das Kolnidre fort. Und die Getreuen wußten, der Baal Schein durfte am Tage der Versöhnung nicht sterben, er war ja ohne Sünden , . . Am dritten Tage bei der ersten Mahlzeit des Sabbats sprach Baal Schem über die Vereinigung der Seele mit Gott, welche eine viel größere Wonne sei als die Vereinigung der Braut mit dem Bräutigam . . . Wer wußte nicht, daß er. dieses Geheimnis damals dort oben erfahren . . . Seine Seele mußte noch einige Monate auf Erden verbringen; diese Monate aber waren voller Fruchtbarkeit und Gnade. Der Zaddik verließ nicht mehr seine Stube, und die Getreuen standen stets um ihn und lauschten seinen Worten. Die ganze Woche hindurch sprach er nur sehr wenig, bei der dritten Mahlzeit des Sabbats aber, zurzeit der Abenddämmerung, da weder Tag noch Nacht war, offenbarte er immer neue heilige Geheimnisse. Glücklich war, der dieselben hören konnte. „Voll ist die Erde mit seinem Ruhme", sagt die Schrift. „Alles ist voll mit Gott und Gott ist in allem, sogar im bösen Begehren, in der frevelhaften Tat. Die Sünde schmerzt ihn aber, und dieser Schmerz ist das Leiden der Schechina. Er ist aber nicht immer bemerkbar, er verheimlicht sich oft. Sehet ihr, draußen ist es schon kalt, die Blätter sind abgefallen, die Blumen sind verwelkt, die Vögel sind verstummt, der kleine Bach ist gefroren, denn der König hat sich verborgen, sein Hof ist weggezogen und mit ihm die Freude, die Lustigkeit und das Licht. Er kann sich aber nur vor den Bäumen, Blumen, Vögeln, vor dem kleinen Bach verbergen, die keinen Gedanken haben, der Mensch kann ihn aber stets vor seine Seele zaubern, er faßt ihn in seinem Geist, und was in Gedanken lebt, das ist

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