Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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286 - Pflichten wie stets zuvor. So ist er mitten im Schaffen als Held auf dein Felde der Arbeit gebliebem. Seinem letzten Wilnsche entsprechend, durfte ihm an seinem Sarge kein Nachruf, keine Trauerrede gehalten werden. Schlicht wie sein ganzes Leben war sein Heinigang zur letzten Ruhestätte. Aber das Werk feiner -Hände verkündet laut, was er hinieden geleistet hat, und in den Herzen seiner Schüler und seiner Mitarbeiter wird dem väterlichen Erzieher, dem edlen Lehrer, dem warmherzigen Führer und Freunde stets ein leuchtendes, segensreiches Andenken bewahrt sein. JFrrifnbrirf. Von S. Aschner. m Schabuot 'herum wird es für mich gewöhnlich Zeit, den Staub Berlins von mir abzuschütteln und in Sonnenglanz und Blütenduft, wenn auch nur für wenige Tage, den alten Adam auszuziehen. Heuer führte mich der Weg über Breslau nach Bad Salzbrunn. Wie sehr man dort noch in alten, unwahrscheinlichen Zeiten lebt, sieht man daraus, daß die Kellner noch freies Trinkgeld erhalten. „Eine Bewegung zu fester Regelung ist noch erst im Gange", versicherte mir ein kundiger Thebaner, und wird wohl bei dem geruhsamen Gang der Breslauer noch lange „im Gange" sein, wenn man bei uns schon wieder zur alten Sitte zurückgekehrt sein wird. Die Stadt ist äußerlich unverändert, wenn auch inzwischen die Geschichte, besonders die von Schlesien selbst, einen gewaltigen Sprung nach vorwärts — oder eher nach rückwärts — getan hat. Welche Erinnerungen wecken allein das schmucklose Schloß und der Exerzierplatz! „Ach wie anders, anders war es da!" Welch dramatischer Gegensatz: Die Schweidnitzer Straße, flankiert von den ehrwürdigen beiden gotischen Kirchen, 1813 und 1919! Auch das religiöse Leben schläft und schlummert nicht. Am 12. d. M. sprach in der Gesellschaft der Freunde ein uns Berlinern wohl vertrauter Vertreter des liberalen Gedankens, B. Kellermann, über „Die Zukunstskraft des religiös-liberalen Judentums". Eine Sehenswürdigkeit ganz besonderer Art ist der alte „Gute Ort" in der Lohestraße. Dort befinden sich, in der Eingangswand eingelassen, drei mittelalterliche Grabsteine (Heller Sandstein) des ältesten jüdischen Friedhofs, R. Ehajim ha Levi, 1246 gestorben, Simon den Isaak, am 1. Februar 1345 erschlagen (typisches Judenschicksal zur Zeit des Schwarzen Todes). Der älteste ist der R. Davids „mit der süßen Stimme", also des ersten Vorgängers Cerinis, vom Jahre 1203. Ueber dessen Auffindung hat vor einem Jahr die „A. Z. d. I." berichtet. Ich möchte diese Notiz ergänzen durch eine authentische Wiedergabe des ganzen Tertes, der sich durch seine schräg und flach eingehauenen Lettern sehr primitiv abhebt von den beiden jüngeren, namentlich dem von 1345: rcxö pan ra? nn miDp "12 D’W fpioir m1?» "vs riSS rotsn ’J’ed njsn 28 irnnb v'«' Jifii D'ai’s rnn-ix riSii Ferdinand Lassalle (1825—1864) ruht bekanntlich auch dort in einem Erbbegräbnis an der Wand; jjp eint sich hier in der gleichmachenden Stätte des Todes — schon ein altes deutsches Gedicht bezeichnet den Tod als den größten und einzigsten sozialen „Ebenaere" oder Gleichmacher älteste und jüngste Vergangenheit. Herrlich ruht, ein Wahrzeichen alter deutscher Herrlichkeit, das alte spätgotische Rathalls auf dem Ring, umgeben von vornehmen alten Häusern neben allermodernsten, worunter sich das Warenhaus von Barasch durch bizarren, klobigen Ungeschmack (Kurfürstendammstil) unliebsam auszeichnet. Wir haben, wenige deutsche Stadthäuser, die damit konkurrieren könnten und die so viel Geschichte beredt und stolz verkünden wie dieses, wenige, an denen so wie hier die Generationen still und fleißig fortgebaut hätten. Eigentlich ist es noch heute nicht fertig, und Gegenwart und Zukunft werden ihre Jahresringe um diesen ragenden deutschen Eichbaum anlegen müssen; nur in Mandern und dem nordöstlichsten Frankreich findet man kongeniale Bauten, ragende Bürgerkronen der alten Städte- Und dieses Rathaus sah vor kurzem die imposante Protestversammlung der Schlesier gegen die polnischen Großmachtsgelüste, die, verwirklicht, den Ruin der schönen, reinen, tüchtigen Stadt bedeuten würden, die schon unter Herzog Heinrich IV., dem Minnesänger (1270 bis 1290), gut deutsch war und 1813 den höchsten vaterländischen Ruhm erntete, wo sie zeitweilig beim Losbruch her Freiheitskriege die Rolle von Berlin spielte lind das Herz Deutschlands in ihr schlug und stürmte. — Salzbrunn ist von Kllrgästen überflutet. Kein Wunder, da nach der letzten Schveckenszeit alle Welt erholungsbedürftig im höchsten Maße geworden ist. Ach, dieses Waldrauschen, der alte Hochgesang der Natur, der das Herz gefangen hält und uns wie ein Bad reinigt und stählt! Dieser süße Blumenduft. Rosen und Flieder und Kastanien! Wie schön bist du, Mutter Deutschland! Wie lieben wir dich erst, wenn dein Wald wie -ein duftiger, wallender Mantel uns umfängt! Denn der Wald, das bist bu; da schlägt dein Herz, da duftet deine reine, große, starke Seele! Da lugen mit großen versonnenen Rehaugen deine Märchen, da quillt wie lauterer Waldborn dein Lied, da hausen die Riesenschatten deiner Sagen, und dort webt das erhabene Geheimnis deiner Geschichte! Denn du, du bist ewig wie dein Wald, heilig unberührt wie dein Gebirg', das sich, vom Waldbranden uwflutet, hebt und senkt wie ein kochend übervolles Herz. — Jüdisches Leben ist, sieht man von Kriegsgewinnlers und Kompagnie ab, wenig zu spüren iw Bade. Die wenigen jüdischen Restaurants sind nicht übermäßig beansprucht, obgleich namentlich Breslauer, eine alte bekannte Firma, vielleicht infolge ihrer etwas peripherischen Lage recht Gutes bietet. Auf dem Bahnhof fiel mir bei Erwartung des Heimzuges ein christliches Ehepaar' auf, er vierschrötig, parvenüartig, sie semmelblond, brunhildenhaftes Embonpoint, mit ungeheurem Bukett m der Hand. Unterwegs, in Niedersalzbrunn, beim Umsteigen gab es gewaltigen Lärm bei der Tür zum Stationsvorsteher. Wer war der Schreier? Natürlich dieses musterhafte, streng arische Ehepaar. Das Weibchen erklärte in zeternder Entrüstung, sie sei halbtot vor Ohnmacht gewesen, alle Eier seien zerschlagen worden, selbst die Kinder hätten auf sie losgeschlagen. Wer? Die Juden natürlich. Sie seien in ein Eoupe gestiegen, wo lauter jüdische Herrschaften mit ihren Kindern saßen und, als ihr Gatte im Eifer des Gefechts das Wort „Judenjungens" aussprach, sei alles, Männer, Weiber, Kinder, über sie hergefallen, und ihr Mann sei halbtot geschlagen worden. „Die Uebermacht war zu groß", entschuldigte sich der tapfere Teutone. Ter Stationsvorsteher und die anderen Beamten reagierten auf diese Jeremiaden — durch homerisches Gelächter. „Daß so was unter feinen Herrschaften vorkommt!", meinte einer. Ein biederer Soldat erklärte belustigt: „Welch ein Blödsinn! Vor Gott sind wir doch alle gleich und in diesen schweren Zeiten besonders!" Wie schön, daß die Weisheit Nathans doch schon tiefer in unseren: gesunden» Volk wurzelt, als manchem alldeutschen Arier lieb sein möchte!