Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- Seite 285 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229416--74979-3287460- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
285 Stellung der Schule unter Aufsicht der Herzoglichen Oberfchulkommission und die Verleihung der Berechtigung des Abschlußexamens an der Schule selber. Tachau gewann so schnell das Vertrauen der staatlichen Behörden, daß sie ihm bei all seinen Plänen mit der größten Bereitwilligkeit entgegenkamen. Es ist für die weitere Entwicklung der Schule vom größten Segen gewesen, daß Tachaus Persönlichkeit von allen höheren Stellen, mit denen er zu tun hatte, so hoch bewertet und geschätzt wurde. Tachau erneute und ergänzte die Lehrkräfte der Schule und verstand es, sich einen Stab von Mitarbeitern zu schaffen, die mit ihm eines Herzens und eines Sinnes willig ihre Kräfte in den Dienst des neuen Aufbaues der Schule stellten. Es ist bezeichnend für die Harmonie zwischen ihm und dem Lehrerkollegium, >daß fast gar kein Wechsel unter seiner Leitung einj trat. Schreiber dieses erinnert sich noch des Erstaunens mehrerer Mitglieder der Reichsfchulkommifsion, die die Anstalt besichtigten, als sie von einzelnen Mitgliedern des Kollegiums hörten, wie lange sic schon an der Schule wirkten. Gar bald war der gute Ruf der Schule wieder hergestellt und vom Jnlande und Auslande strömten ihr Schüler zu. Die alten in der Stadt gelegenen Räume eriviesen sich als zu klein und unzweckmäßig. Dem neuen, lebendigen Geist, der in die, Samsonschule eingezogen war, mußte auch eine neue . Behausung geschaffen werden. Der rührigen Tatkraft Tachaus gelang es. alle Schwierigkeiten zu besiegen, und im Jahre 1896 konnte der Neubau der Schule draußen vor der Stadt am Walde bezogen werden. Mit siebzig Schülern 'hatte Tachau die Samsonschule übernommen, mit hundert siedelte er in das neue Heim über, und gar bald wurde die Höchstzahl 150 erreicht. Die neue Schule ist kein Prunkbau, sondern einfach und schlicht gehakten, wie es dem Wesen Tachaus entsprach, aber in allem zweckentsprechend, hell, luftig und gesund. Nun, da alle Vorbedingungen für ein gedeihliches Wirken erfüllt waren, ein fester Lehrplan, ein einheitliches Lehrerkollegium, alle nötigen Schul- und Wohnräume und ein großer Spielplatz mit einer Turnhalle geschaffen waren, folgten Jahre ruhiger, stetiger Arbeit. Als Erzieher, als Lehrer, als Leiter in allem war Tachau vorbildlich. Der Grundzug seines Wesens, aus dem sich alle seine Gedanken und Handlungen entwickelten, war Pflichttreue und Arbeitsamkeit. Er stellte die höchsten Anforderungen an sich selbst. Er war morgens der erste am Platze, und spät abends, wenn schon alles im Hause ruhte, saß er noch am Schreibtisch. Den ganzen Tag war sein Zimmer geöffnet für seine Zöglinge, und jedes ihrer Anliegen, alle ihre kleinen Sorgen und Leiden fanden bei ihm liebevolles Verständnis und väterliche Fürsorge. Er ersetzte ihnen tatsächlich die fernen Eltern, und die Schüler wußten, daß sie keinen besseren Freund und Vertreter ihrer Interessen hatten als ihn. Deshalb war ihr Vertrauen zu ihm unbegrenzt. Als Lehrer zeichnete ihn ein besonderes Lehrgeschick und ein feinsinniges Verständnis der Kinderseele aus. Besonders am Herzen lag ihm die Vertiefung des jüdischen Religionsunterrichts, und in den ersten Jahren seiner Tätigkeit hat er ein gut Teil Arbeitskraft aus die Schaffung nötiger Hilfsbücher verwandt. Früchte dieser Arbeit! sind das „Biblische Lesebuch" und die von allen jüdischen Religionslehrern geschätzte „Einführung in die Propheten". Dieselbe Sorgfalt widmete er dem deutschen Unterricht und veröffentlichte als Ergebnis langjähriger Unterrichtserfahrung „Erläuterungen zu Schillers Wilhelm Tell", die von den Fachlehrern des Deutschen als besonders erschöpfend und ergiebig bezeichnet werden. Mt demselben warmen Herzen und pädagogischen Feinsinn, wie als Lehrer den Schülern, trat Tachau seinen Mitarbeitern entgegen. Er ließ einem jeden Lehrer so weit wie möglich freien Spielraum im Unterricht, so daß alle mit Lust und Liebe uneingeengt von schematischen Fesseln sich ihrer Arbeit hiugeben konnten. Jüngeren Kollegen stand er unermüdlich mit dem Schatze seiner reichen Erfahrung zur Seite. Im Verkehr war er. von einer aufrichtigen, sich stets gleichbleibenden Liebenswürdigkeit, immer bereit, jedem, der an ihn herantrat, mit Rat und Tat zu Helsen. Er, der sich selber nicht genug mit Arbeit belasten konnte, war stets besorgt, anderen die Arbeit zu erleichtern und seine Lehrer durch Einstellung neuer Kräfte zu entasten. Nicht minder am Herzen lag ihm, die materielle Stellung seiner Lehrer zu heben und zu festigen. Er ruhte nicht, bis er es erreicht hatte, daß die Administration der Schule ihre Beamten mit denen der staatlichen Anstalten des Herzogtums Braunschweig vollständig gleichstellte. Und cs war ihm selber einer der glücklichsten Augenblicke seines Lebens, als er seinen Kollegen die Mitteilung machen konnte, daß nunmehr für ihre materiellen Bedürfnisse so weit wie möglich gesorgt sei. Sv hat Tachau, getragen von der Liebe und dem Vertrauen seiner Mitarbeiter, über dreißig Jahre au der Samsonschule gewirkt. Diele Generationen von Zöglingen haben unter seiner Leitung ihre Ausbildung fürs Leben empfangen, und alle haben voll Dankbarkeit und Verehrung an dem Manne gehangen, der der Schützer ihrer Kindheit, der Führer ihrer Jugend war. Gern kehrten sie nach Jahren noch an den Ort ihrer Schülerzeit zurück, um ihm noch einmal ins Auge blicken und die Hand drücken zu können. Ganz besonders zeigte sich die Begeisterung der ehemaligen Schüler für ihren Lehrer bei seinem sechzigsten Geburtstage. Obgleich er jede Feier abgelehnt hatte, ließen sie es sich nicht nehmen, ihm eine künstlerisch ausgeführte Adresse und ein größeres Kapital für eine „Ludwig-Tachau-Stiftung" zu überreichen. Auch sonst hat es ihm an äußere Anerkennung seiner Verdienste nicht gefehlt, Orden und Titel hat ihm die Vorgesetzte Behörde nach Gebühr gespendet. Aber er legte in seiner Einfachheit und Bescheidenheit für sich keinen Wert auf diese äußeren Zeichen, höchstens freuten sie ihn des Ansehens der Schule wegen. Für ihn lag aller Lohn, alle Befriedigung nur in der Arbeit, und selbst als den einst so starken Körper schwere Krankheit immer siecher machte, als durch den Tod seines hochbegabten ältesten Sohnes, der sich in der medizinischen Welt schon einen guten Namen erworben hatte, schwerer Herzenskummer seine Seele hart niederbeugte, da hielt er sich trotzdem mit eiserner Energie aufrecht und erfüllte alle seine Professor Dr. Ludwig Tachau Direktor der Samsonschule in Wolsenbüttel geb. I. Februar 1858, gest. 17. Mai 1819.