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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-06-27 · Heft 26 (27.6.1919) · p. Seite 284

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 26 (27.6.1919)
Date
1919-06-27
Page
Seite 284 (sequence 8)
Language
German
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— 284 Hunderte von Faurilien vvrgcfnnden, die nur von einem Teller Suppe pro Tag leben, die sic von den öffentlichen Küchen erhalten. Die Suppe besteht aus Kartoffeln, Hafergrütze und etwas Fett. Für 500 Portionen Suppe werden 5 Pfund Fleisch verwendet. Gewöhnlich stellt sich die Mutter oder ein Mitglied der Familie um 12 Uhr, manchmal schon eine Stunde früher, an, um die Suppe für die ganze Familie zu holen. Passiert es, daß die Suppe verteilt wird, bevor sie an die Reihe kommt, oder falls das Kind, welches nach der Suppe geschickt wird, nicht zurückkomint, so bleibt die ganze Familie bis am nächsten Tag ohne Essen. An einem Platze fand ich eine Amerikanerin mit vier Kindern, die vor dem Kriege nach Polen kam, wo sie erkrankte und daher mit den Kindern dort bleiben mußte. Der Mann ist wohlhabend in New Jork, kann aber der Familie nicht helfen. Um 6 Uhr abends, als ich sie fand, hatten sie seit dem vorigen Mittag noch nichts gegessen. Die Mutter konnte nicht nach der Küche gehen untz ein zehnjähriges Mädchen lag fieberkrank. In der Familie befand sich auch ein fünfjähriges Kind, das seit 36 Stunden nichts gegessen hatte. Ich habe Hunderte von Kindern und Erwachsenen in der fürchterlichsten Winterkälte barfuß gesehen und die wenigen Kleidungsstücke, die sie anhatten, waren zerrissene Fetzen: die ganze Erscheinung so schrecklich, wie man j sie in Amerika sich nicht mal vorstellen kann. Krankheiten wie Allszehrung, Tuberkulose, Bauchtyphns usw. wüten überall und wir haben Hunderte von Kindern gesehen im Alter von 8, 0 und 10 Jahren, die -inan zufolge der Unterernährung ans den Händen tragen muß. Wie mir Dr. Goldflaum in Warschau erklärte, ist dies eine neue Krankheit. Durch die Unterernährung werden die Knochen ganz weich lind biegen sich, wodlirch die Kinder eine Art Entengang bekommen. Die Sterblichkeit der Juden in Warschau hat laut Statistik in den letzten Jahren um 150 bis 200 Prozent zugenommen. Am schlimmsten ist es, daß die ökonomische Lage immer ärger ivird. Arbeit gibt es jetzt zwar etwas mehr, aber die große Fahl Vvil Kleinhändlern und Angestellten, welche sich früher anständig ernähren konnten, ist jetzt brotlos und in einer ungeheuer verzweifelten Lage. Die Inden der neutralen Länder haben gar keinen Begriff. loie bedauernswert lind wie groß das Elend unserer Brüder im Osten ist. So habe ich zum Beispiel in zahlreichen Häusern Warschaus gesehen, daß die Leute keine Leintücher in den Betten haben, weil man dieselben für die Leichname gebraucht hat: so groß war die Anzahl der Sterbefälle. In vielen Anstalten wlirde mir gesagt, die Not sei jetzt nicht mehr so groß, lveil es fast keine Leidende mehr gibt, da die meisten gestochen sind. Es ist keine Seltenheit, Kinder von 8 bis 10 Jahre» nachts um 12 Uhr auf den Straßen herumirren zu sehen, die niemandem gehören, da Bater und Mutter und Geschwister gestorben sind. Bon Pinsk nach Warschau kam zu uns ein Junge von 13 Jahren, dessen Vater in Amerika ist und dessen Mutter und Illjähriger Bruder gestorben sind. Er muß nun für drei noch kleinere Geschwister sorgen. Unter anderem sah ich 18 Personen in einem kalten und schmutzigen Loch beisammen wohnen, in welchem man in Amerika nicht einmal einen Hund wohnen lassen würde. Ich fahre jetzt nach Paris, wo sich die Vorsteher unserer Komitees befinden, ilin ihnen Bericht zu erstatten, und von dort nach Amerika, um zu beraten, was zu tun ist. Wir glauben nicht, daß die amerikanischen Juden allein die Lage wesentlich verbessern werden können. Es wird nötig sein, daß alle Juden der Welt, die nur etwas vermögend sind, eine internationale Organisation schaffen und folgende zwei Hauptzwecke durchführen: 1. Momentane Hilfe für die Hungrigen, 2. konstruktive Arbeit in die Wege zu leiten, um die Notdürftigen aus eigene Füße zu stellen, damit sie nicht mehr auf Almosen angewiesen seien. Dazu wird man Hunderte von Millionen Dollar brauchen. Meines Erachtens wird man große Anleihen machen müssen, um dieses Elend etwas zu mildern. Man kann mit Armen und Reichen, Unwissenden und Gebildeten sprechen, alle sind ganz verzweifelt und hoffnungslos. In Litauen und Weißrußland, soweit uns Berichte zukommen, ist die Lage gerade so schlecht, wenn nicht noch schlimmer. Dort ist überhaupt nichts zu bekommen. Ich glaube auch nicht, daß große Massen in den nächsten Jahren die Möglichkeit haben wevden auszuwandsvn. Amerika wird die Einwanderung sehr beschränken und Palästina kann in den nächsten Jahren höchstens 150 000 Personen aufnehmen. Das Problem ist sehr schwierig und es muß in den Ländern gelöst werden, in denen die Juden sich jetzt befinden. Augenblicklich herrschen Mißverständnisse zwischen der christlichen und der jüdischen Bevölkerung in Polen, aber ich hoffe, daß allmählich auch diese Frage gelöst werden wird. * * * Ludwig Cschsns Lebrn und Wirken. Von Dr. W o l f s d o r f (Wolfenbüttel). Cu dw i g T a cha u , über dessen am 17. Mai d. I. erfolgtes Ableben an dieser Stelle schon berichtet wurde, war der Sohn eines hannoverschen Eisenbahnbeamten in Uelzen. Sein Vater war Vorsteher der Eisenbahngüterexpedition. Er selbst pflegte nicht ohne Stolz zu erzählen, daß sein Vater einer der ersten Juden gewesen sei, der nach zwölfjähriger soldatischer Dienstzeit mit dem Zivilversorgungsschein entlassen worden war. Es ist wohl nicht ohne Einfluß auf den Knaben und Jüngling gewesen, daß er in einem Elternhause anfwnchs, wo der preußische Beamtengcist im alten guten Sinne mit seiner Pflichttreue, seiner Pünktlichkeit, seiner Einfachhen, gepaart m'.t echtjüdischem Familiensinne, herrschte. Ludwig Dachau ist später selbst das Vorbild eines jüdischen Beamten geworden. Nach privater Vorbereitung besuchte er von Obertertia an das Gymnasium in Hannover und bezog 1877 die Universität Göttingen, um klassische Philologie und Deutsch zu studieren. Nebenher trieb er auch eifrig jüdische und hebräische Studien. Nach Ablegung des Staatseramens ging er Ostern 1881 an das Philantropin, die Realschule der israelitischen Religionsgemeinde FranIHurt.a. M„ die damals unter der Leitung Bärwalds stand, zur Ableistung des Probejahres. Hier blieb er als wissenschaftlicher Hilfslehrer und später als ordentlicher Lehrer bis zum Jahre 1888. Im Juli 1888 berief ihn die Administration des Samsonschen Legatenfonds als Direktor an die Samsonschule in Wolfenbüttel. Als Dreißigjähriger übernahm er eine Aufgabe, der von nun an sein ganzes Leben gewidmet war. Er wäre wohl der Mann gewesen, auch über seinen Wirkungskreis hinaus eine bedeutende Rolle in der Welt, besonders in der Jildenheit, zu spielen, aber fast ängstlich mied er alles, was außerhalb des Rahmens der Samsonschule lag. Ihr allein galt sein ganzes Wirken und Streben, ihr widmete er all seine Kräfte, all sein reiches Können. Es war keine leichte Ausgabe, die ihm gestellt war. Die altehrwürdige Samsonschule, die unter den beiden Ehrenbergs einen guten Ruf unter den deutschen Juden genossen hatte, war nicht mit der Zeit fortgeschritten, und die inneren und äußeren Verhältnisse der Schule bedurften dringend einer Neuordnung. Mit großer Umsicht, zielbewußt und sicher ging Tachau ans Werk. Zunächst nahm er die Umwandlung der Schule, die bis dahin eine Art gehobene Bürgerschule gewesen war, die die Schüler für die Ablegung des einjährigen Examens vor der Kommission vorbereitete, in eine sechsklassige Realschule vor und erwirkte von der braunschweigischen Regierung die

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