Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- Seite 283 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- 283 l nie resst n befriedigen, indessen tragen sie damit eine gerechte und schöne Sache 31t Grabe. Die polnischen Sozialisten müßten ihre ganze Kraft daran setzen, um noch jetzt, im letzten Augenblicke, die verwundeten Herzen der breiten jüdischen Massen zuberuhigen, um ste zu überzeugen, daß. außer der Kaste, die eine Wolfspolitik treibt, q noch große polnische Volks-massen vorhanden sind, die ein ans tiefes gegenseitiges Vertrauen a-usgebautes Zusammenwirken wünschen." General Haller gegen die Judenverfolgungen. Lublin, 8. Juni. (Spezialbericht d. K. f. d. O.) Infolge der nnaushörlichen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung erließ General Haller folgenden Tagesbefehl an die Armee: Soldaten! Es gelangen zu mir Klagen der jüdischen Bevölkerung, daß die polnischen Soldaten eine Haltung gegen die jüdische Bevölkerung ein nehmen, die mit der Ehre und dem Heldentum des Polnischen Soldaten unvereinbar ist. Sie mißhandeln, quälen unb verwunden die Wehrlosen und vernichten dabei ihre ganze Habe. Derartige Taten sind des polnischen Soldaten unwürdig, der der heiligen Sache dient. Ich werbe alle Schuldigen an den gegen irgendeinen Teil der Bevölkerung gerichteten Verfolgungen streng bestrafen unb dem Feldgericht überlveisen. Der Polnische Soldat muß sich immer durch lehre gute Führung auszeichnen. Der polnische Soldat muß jedent Bürger des polnischen Staates, welcher Nationalität innb« Religion er auch angehören möge/die gebührende Achtung und Freundlichkeit entgegenbringen. Jeder Soldat muß immer und überall die Erinnerung an einen Kämpfer zurücklasstn, der der großen Sache ergeben und von einem Gedanken beseelt ist: dem Ausbau' des Vaterlandes. Vorstehender Befehl soll in allen mir unterstehenden Abteilungen zur Verlesung gelangen. goz. General Hall e r. * Die Protestbewegung in England. Anläßlich der neuen Judenpogrome fand in London -eine von 150 Organisationen beschickte jüdische Konferenz statt, die von dem Poale-Zion und dem Jüdischen Nationalen Arbeiterrat organisiert um*. An der Konferenz beteiligten sich Vertreter der Gewerkschaften, der Spnagogenoraanisationen, der Unterstützungsvereine, der Kriegshilfstomitees, der Zionisten, Poale-Zion, Misrachi n. a. m. Allgemein wurde die Notwendigkeit betont, außerordentliche Schritte zu unternehmen, unt der Pogrombewegung in den polnischen Gebieten und in anderen Ländern, die die jüdische Bevölkerung mit dein Untergang bedrohen, entgegenzuwi rken. Die Konferenz beschloß u. a. die Veranstaltung eines jüdischen Trauertages aller Juden Englands, sowie womöglich eine allgemeine jüdische Protestbewegung. Es wurde ein Komitee unt der Aufgabe eingesetzt, eine permanente Aktion gegen die Pogrome zu führen. Eine neue Tagung des Amerikanisch-jüdischen Kongresses. Die Exekutive des Amerikanisch-jüdischen Kongresses beabsichtigt, in nächster Zeit den Kongreß zu einer neuen Tagung zusammentreten zu lassen, und zwar hauptsächlich, zur Beratung der Mittet und Wege zur Bekämpfung der Judenpogrome, die die amerikanischen Juden als die größte Katastrophe 'in der jüdischen Geschichte erkannt haben. Brandmarkung der Pogrome durch den amerikanischen Senat. Dem Jüdischen Preßbureau in Stockholm wird aus Paris gedral)tet: Die Judenpogrome' in Polen, Galizien und anderen Ländern erfuhren im Senat in Washington von verschiedenen Seiten die schärfste Verurteilung. Der Senat faßte einstimmig folgende Resolution: „Der Senat ersucht das Staatsdepartement, dem Präsidenten Wilson die Bitte zu übermitteln, mit den Friedensdelegierten jener Länder, wo Pogrome und Massaker stattfinden, zu konferieren und ihnen zu sagen, daß der Senat und das Volk der Vereinigten Staaten von Amerika die Exzesse und Metzeleien, denen die jüdischen Männer, Frauen und Kinder wegen ihres Glaubens ausgesetzt sind, aufs tiefste beklagen." Die ökonomische Loge der Inden in Kaien. er Vertreter des amerikanischen „Joint Distribution Committee" und Mitglied der nach Polen entsandten Kommission, Herr Bernhard H 0 r w i ch , hat auf seiner Durchreise nach Paris dem Vertreter der Jüdischen Preßzentrale in Zürich über die wirtschaftliche Lage der Juden in Polen folgende beachtenswerte Einzelheiten mitgeteilt: In Amerika sammeln drei verschiedene Komitees Gelder für die durch den Krieg in Not geratenen Juden Europas. Das „American Jewish Relief Committee" sammelt unter den ganz reichen Juden, das „Central Relief Committee" unter dem Mittelstand und das „Peoples Relief Committee" unter den Arbeitern. Sodann gibt es noch ein viertes Komitee, das Berteilungskomitee, welches „Joint Distribution Committee" heißt. Die drei ersten Komitees bringen die Gelder dem Verteilungskomitee. Seit dem Krieg wurden 25 Millionen Dollar gesammelt. Vor vier Monaten wurde eine Kommission von zwölf Mitgliedern gewählt, welche sich nach verschiedenen europäischen Ländern 'begaben, mit das gesammelte Geld ztl verteilen. Ich bin vom Central Relief Committee gewählt worden, tun mit noch zwei Herren nach Polen ztl gehen. Die Namen dev weiteren zwei Mitglieder sind Isidor Hershfield (Vertreter des Peoples Relief Committee) und B. Zuckermann. In Warschau haben wir ein Bureau eröffnet. Wir haben zwei Schiffe mit Lebensmitteln mitgebracht, d. h. ein Schiff ist mit trns angekommen, das andere kam später nach. Weitere Schifsssendungen werden folgen. Die ersten zwei Schiffe enthielten zirka 10 000 Tonnen Mehl, kondensierte Milch, Pflanzenöl usw., ferner Schuhe und Kleidungsstücke. Wir haben in Warschau 75 Verteiltlngsstellen errichtet, von wo die Sachen verteilt werden an all diejenigen Notleidenden, die sich eingeschrieben haben. Als ich Warschau verließ, waren es zirka 135 000 Personen, die sich ,registriert hatten. Wir stellten i00 Kontrolleure, meistens Studenten, an ttnd jede Familie wurde kontrolliert, ob sie wirklich hilfsbedürftig sei; speziell während der Osterfeiertage haben wir zirka 136 000 Personen rituell verpflegt. Ferner haben wir 25 Milchverkaufsstellen für Kinder in Warschau eröffnet, desgleichen in anderen Städten der Provinz, wo ein großes Glas kondensierte Milch, vermischt mit Wasser, an Kinder für 10 Pfennig abgegeben wird. Kinder, die rein und sauber kommen, erhalten die Milch gratis. In Warschatt gibt es ungefähr 350 000 Juden. Wir stellten folgendes fest: 25 Prozent davon hungern, 25 Prozent können nicht ohne Hilfe existieren, 35 Prozent, d. h. die Mittelklasse, die Kleinhändler und Arbeiter, die Arbeit haben, vegetieren, aber sie müssen sich abquälen, und 15 Prozent gehören der wohlhabenden Klasse an. Der Bericht der Gemeindevorsteher lautet ungefähr: 135 000 Personen müssen im Durchschnitt mit 1 Mark pro Tag unterstützt werden, das macht monatlich ungefähr 4A Millionen Mark. Sie erhalten von Amerika zirka VA Millionen Mark monatlich. Das übrige müssen sie selbst aufbringen. Einer der Hauptfehler, den wir dort vorfanden, ist, daß die Juden für wohltätige Zwecke nicht vereinigt sind. Sie sind in Gruppen geteilt; jede Gruppe sorgt nur für ihre eigene Anstalt, aber nicht für die anderen, was Zwistigkeiten und Uneinigkeit verursacht. Wir habein. nun drei Personen, die die Verhältnisse gut kennen, damit betraut, die verschiedenen Gruppert, zu vereinigen. Die ökonomische Lage m Warschau ist ungeheuer traurig. Täglich sterben Leute an Unterernährung. Außerhalb Warschaus ist die Lage noch viel schlimmer. In der Provinz unb in den kleinen Dörfern ist man absolut hilflos. Ich habe