Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- Seite 282 (sequence 6)
- Language
- German
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282 Der Pogrom in Krakau. Berlin, 16. Juni. Wie von einem heute ans Krakau hier eingetrosfeuen Allgenzellgen der dortigen blutigen Vorgänge vvnr 6. d. M. bestätigt lvird, beläuft sich die Zahl der Verwundeten auf 100. Ein Jude namens Huttmaun wurde ersck)ossen. 300 Geschäfte wurden geplündert. Der Sachschaden beträgt 100 Millionen . Kronen. Polnische Arbeiter gegen die Juden. , Warschau, im Juni. Wie sehr der Judenhaß auch unter den polnischen sozialistischen Arbeitern grassiert, geht aus nachstehender Bekanntmachung dxs polnischen Professionellen Vereins der Bahnarbeiter der Republik Polen, Kreis lltasielsk-Lowicz, hervor, in der es heißt: „Der Verein beschloß, daß gemäß einer voll den Arbeitern des Kreises Nasielsk-Lowicz sowie von sämtlichen Bahnarbeitern des Kronlandes gefaßten Entschließung Juden zllr Bahllarbeit nicht zugelassen werden dürfen. Der Vorsitzende (Name uilleserlich). Der Sekretär (Name unleserlich). Pogrome in Warschau und Chelem. (Nt e l düng ans L t o cf h o t mJ In der Warschauer Vorstadt Pragn ereigneten sich in letzter Zeit wiederholt II ober fälle auf die Juden und Plünderungen der jüdischen Geschäfte. Am 4. Juni veranstalteten Loldaten und Zivilisten eine Razzia auf Juden, wobei Loldaten init Revolvern auf die Juden schossen. Soldaten der Haller-Armee beteiligten sich stark an diesen Exzessen. 30 Juden wurden schwer verletzt. Aehnliche Exzesse brachen auch in Ehelem aus, wobei Militär und Miliz ein Einschreiten verweigerten. NMehrere Juden wurden getötet und viele verwundet. Die jüdischen Geschäfte wurden ausgeplündert. Bezüglich des Pogroms in Krakau veröffentlicht die polnische Presse tendenziöse Berichte, in denen sie die Lache so darzustellen versucht, als ob es sich hier um Zusammenstöße mit den Bolschewisten hantelte, die von Deutschen und Juden unterstützt lvurden. Wie erlogen diese Behauptungen sind, bestätigt auch die Tatsache, daß die im jüdischen Viertel vorgenouunenen Haussuchungen nach Waffen und Munition nichts die Juden Belastendes ergeben haben. Der Schlitz der jüdischen Bevölkerung ist noch imlner ein ungenügender. M i l i t ü r i s ch e r A n t i s e m i t i s m u s? W a r s ch a u , 16. Juni. (Lpezialbericht d. K. f. d. £5.) Die hiesigen Militärbehörden erließen dieser Tage lvegen der sich häufenden Spionagefälle eine strenge Verwarnung an die Bevölkerung. Das gibt ocr antisemitischen Presse Gelegenheit, einen neuen Hetzseldzng gegen die Juden einzuleiten. Die Ntilitärlvocheirschrift „Liberum Velo" veröffentlicht einen gehässigen Artikel über die Juden in der polnischen Armee, und im Anschluß an diesen Artikel erneuert die „Dwa Grosze" die in gewissen polnischen Kreisen laut gewordene Forderung nach Absonderung der jüdischen Heerespflichtigen in besonderen jüdischen Abteilungen. „Die feindliche Haltung der Juden gegenüber dein polnischen Militär und das Vorhandensein einer internationalen jüdischen Lrganis^ioil, von der Grünbaum im ..Sejm" sprach, „meint die „Dwa Grosze", „heische eine besonders vorsichtige Haltung der Militärmacht den Juden gegenüber." Als Minimatforderung erklärt dieses Blatt die Nichtzulassung von Inden zu jenen Remtern, die die Möglichkeit zur Auskundschaftung von Kriegsgeheimnissen bieten. „Die Militärbehörden müßten es sich überlegen, ob es nicht besser wäre, besondere jüdische Abteilungen aufzustellen', als sie auf die gesamte Armee zu verteilen." Tie Bestattung der £ -p f <c x von Eze n ft o ch a n. Czensto ch a u , 10. Juni. (Spezialbericht d. K. f. d. £.) Tie Beerdigung der „Heiligen" von Ezenstochau, die am Freitag stattfand, bot ein ergreifendes Bild. Ter Zug nahm feinen Ausgang vom Städtischen Krankenhaus in der Zweiten Allee, wo der ermordete Arzt Mosche Nossvmvicz aufgebahrt war: von dvrt ging der Leichenwagen ' nach dem jüdischen Krankenhaus, wo die anderen Leichen abgeholt und nach dem jüdischen Friedhof übergeführt lourden. Gemäß einenr Gemeindebeschluß wurden keine Trauerreden gehalten. Der Leichenzug machte den Eindruck einer stummen Demonstration. Der Bahre der Märtyrer folgte die gesamte jüdische Bevölkerung der Stadt. Ungeachtet der Anordnung, daß Frauen und Kinder der Beerdigung Fernbleiben müßten, nahmen Tausende von Frauen und Kindern an dem Zuge teil. Alte Geschäfte waren geschlossen; sie blieben es bis Ende der „Schiwa" (der sieben vorgeschriebenen Trauertage). Der Leichenzug machte auch auf die christliche Bevölkerung einen erschütternden Eindruck. Ergreifend war das Bild der Leichtverwundeten, die mit verbundenen Köpfen vollzählig den Bahren folgten. 9fc Der Czerrstocharrer Pogrom im polnischen Landtage. Die jüdischen Abgeordneten Hartglas, Thon und Genossen brachten rm polnischen Landtag einen Antrag, den Judenpogrom in Ezenstochau betreffend, ein. Im Anträge werden die Vorgänge in Ezenstochau w-ie folgt geschildert: „Am. 27. Mai wurde ein Polnischer. Soldat durch eine unbekannte Person am> Kopse leicht verletzt. Inder Stadt wurde darauf das Gerückt verbreitet, die Juden hätten einen Offizier der Haller-Armee ermordet. Troß dem die Polizei indem Hause, ans dem der Schuß ae^allen Win soll, eine Hanssucku'Ng vornahm, welche die Grundlosigkeit dieser Gerückte eraab. wurden die in diesem Hause arbeitenden Juden mißhandelt. Der iü'discke Feldscher Nasanow itsch, der in Beolei tu na von Pal i u steu den Verletzten zu Hilfe eilte, wurde von der Menge ltnb den Hallerschen Truvpen ermordet. Es wurden nock vier andere Juden totoeschlagen und 30 Juden, darunter Trauen tmb Kinder, verwundet. J>m Antraa wird darauf hingdwiesen. daß der Vogrom von den Polnischen Lokalzeitungen „Goniee Ezenftockowsky" und „Kurjer Ezcnstochowsky", die eine ununterbrochene fystematiscke Judenhetze betrieben, vorbereitet war. Tie Tatsache, daß alle Ans schrei tunoen gegen die Juden unbestraft bleiben, erweckt bet der jüdischen Bevölkerung den Eindruck, daß die Juden jeden Rechtsschutzes entbehren, was Mord und Raub zur Folge habe. Der Antraa fordert: 1. Energische Unterdrückung der Pogromagitation und Einstellung der Erzesse der Soldaten und 2. die Brandmarkung der judenfeindlichen Exzesse, welche Anarchie und Unordnung tut Lande verbreiten. Der Antrag untrbe mit allen, gegen die jüdischen und sozialistischen Stimmen abgelehnt. Es wurde ein Antrag Osiecki angenommen, die Ereignisse in Ezenstochau zu „untersuchen". Der Warsckmnr sozialisiische „Robotnik" verössenttichw einen längeren Artikel über den Czenstockauer Pogrom, inbeut er sämkliche Angaben des oben erwähnten Tringlichkeitsantrages bestätigte. O Förderung der polnisch-rumänischen Judenpolitik durch Frankreich. Der Pariser Korrespondent der „Morning Post" meldet, daß Elemeneeau und die französischen Diplomaten im allgemeinen ihre volle Aufmerksamkeit dem» polntsch--rttmänifd*eit Protest gegen' die Bestimmungen des Friedensoertrages, welche den Schutz der Juden durch den Völkerbund versehen, schenken. Frankreich befürchte, falls die Inden die Jnterventien des Völkerbundes au rufen würden, die Deutschen rnt Elsaß da.s gleiche tun würden. Der polnische Widerstand gegen die Sicherstellung der jüdischen nationalen Rechte durch den Friedensvertrag wird, nach Mitteilungen des Korrespondenten, immer heftiger. * Stimmen gegen die Pogrome. „D i e P o g r o m e un d d t e Lit a u i s ch e F r a g e." Unter dieser Ueberschrifit veröffentlicht der Warschauer „Robotnik" (sozialistisch) einen Aufsatz, in dem 'die Politik der Nationaldemvkratie den Juden gegenüber scharf verurteilt und der Befürchtung Ausdruck gegeben lvird, daß diese Politik dazu' führen könnte, daß sich die litauischen Juden mit den Litauern und Weißrussen verbinden und bei einer Volksabstt'Utmnng gegen die Vereinigung mit Polen entscheiden könnten. „Die Geschichte", heißt es in diesem Artikel lveiter, „wird ein strenges Urteil fällen über die Pogrome und die Männer, die, statt die Sympathie der estländischen Juden für die Polen zu gewinnen:, ihre in unserer Mitte lebenden Brüder peinigen. Möglich, daß sie damit die kleinbürg erlichen Partei-