Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- Seite 281 (sequence 5)
- Language
- German
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Demokraten die Aufasiung für zutreffend erklärt, datz die Regierung nach wie vor ermächtigt bleibt, den Friedens- Vertrag zn unterzeichnen. Der Hergang in der Sitzung war der, datz Ministerpräsident Bauer dem Hause den Borschlag des ganzen Kabinetts unterbreitete, bedingungslos zu unterzeichnen. Das Haus schlotz sich diesem Vorschlag in einfacher Abstimmung mit großer Mehrheit an. Berlin, 23. Juni. (W. T. B.) Der Gesandte v. Hantel hat im Aufträge der Reichsregierung heute nachmittag 4.40 Uhr folgende Note an die Bevollmächtigten der alliierten und assoziierten Regierungen übersandt: „Die Regierung der Deutschen Republik hat aus der letzten Mitteilung der alliierten und asioziierten Regierungen ersehen, daß sie entschlosien sind, von Deutschland auch die Annahme derjenigen Friedensbedingungen mit äußerster Gewalt zu erzwingen, die, ohne cim materielle Bedeutung zu besitzen, den Zweck verfolgen, dem deutschen Volke seine Ehre zu nehmen. Durch einen Gewaltakt wird die Ehre des deutschen Volkes nicht berührt. Sie nach nutzen hin zu verteidigen, fehlt dem deutschen Volke nach den entsetzlichen Leiden der letzten Jahre jedes Mittel. Der übermächtigen Gewalt weichend, und ohne damit ihre Auffassung über die unerhörte Ungerechtigkeit der Friedensbedingungen aufzugeben, erklärt deshalb die Regierung der Deutschen Republik, -atz sie bereit ist, die von den alliierten und asioziierten Regierungen auferlegten Friedensbedingungen anzunehmen und zu unterzeichnen." m D i e jüdische Bevölkerung Frankreichs wird durch die Juden iw Elsaß-Lothringen eine starke ziffernmäßige Zunahme erfahren, die als eine Stärkung der jüdischen Bedeutung ist. Vor 1870 galten die elsässiscken! Juden bei den französischen Israeliten als eine rückschrittliche Masse, die nicht genügend von der „Civilisation fran<;*aise“ beleckt war. Die französischen Juden fühlten sich gegenüber den vielfach aus dem Osten zrlgewanderten elsässischen Juden mit Stolz als Eingeborene. Sie führen ihren Ursprung auf die ersten jüdischen Bewohner Galliens zurück, den Sohn des jüdischen Königs Hero'des des Großen, Archelaos, der mit seinem Gefolge von. Augustus nach Gallien, dem damaligen „Sibirien" Roms, verbannt wurde. Archelaos fiedelte sich in der heutigen Dauphine an, wo also im ersten Jahrhundert der gewöhnlichen Zeitrechnung Juden in Frankreich wohnten. Das französische Judentum bat aber noch einen zweiten König in seinem Stammbaum. Etwa, ein halbes Jahrhundert später als A r ch e l a o s wurde der Tetrarch H e r o d e § AntiPas von Caligula nach Frankreich verbannt. Seine Frau, die Prinzessin! H e r o d i a s, die Enkelin Herodes' I., folgte ihm mit ihren Kindern in die Verbannung nach der Stadt Lyon, wo sie beide starben. Wenn auch nach obigen historischen Untersuchungen 'das französische Judentum stolz auf seine Abstammung sein kann, so weiß jedoch die Volkstradition den Ursprung eines Teils der Jüdenheit Frankreichs von weniger großem „Jichus" abzuleiten. Die Ueberlieferung erzählt, daß mehrere römische Legionäre, die unter den Mauern Jerusalems kämpften, jüdische Mädchen mit sich schleppten und diese ehelichten. Als „Militäranwärter" erhielten sie dann Wohnsitze in den Provinzen, des Rheins, das ist Elsaß-Lothringen und Südfrankreich, angewiesen. * „Dr. Bloch s Wochenschrift" (Nummer 23) 'entnehmen wir folgende sehr bemerkenswerte Ausführungen, die einen lehrreichen Beitrag zur Zeitgeschichte bilden: Dep^Meralismus in der alten Monarchie ivar in den letzten Jahren meistens ein schäbiger Geselle. Er hatte nur den Namen, aber Leine Gesinnung, wollte von den Juden nichts wissen und schien immerfort zu sagen: „Ich bin von den Juden gewählt und kann daher nicht öffentlich als Antisemit auftreten. Aber ich kann sie noch weniger leiden als ihr." Die Juden waren immer zu bedauern, daß sie auf diese Partei angewiesen waren. Nun haben die alten Erben der schäbigen Gesinnung, die Spekulanten auf jüdisches Geld und jüdische Stimmen, wieder einen Versuch gemacht, zur Geltung zu kommen, und siud bei den Wahlen in die Nationalversammlung mit großem Lärm aufgetreten. Man erinnert sich noch, welche Reklame die sogenannten bürgerlichen Demokraten gemacht, wieviel Millionen sie Hinausgelvorsen haben. Trotzdem sie nun die Plakatwünde bombardierten und die Straßen mit Mugzetteln pflasterten, vermochten sie mit diesem riesigen Aufwand doch nur ein winziges Ergebnis, zu erzielen. Die Partei, die eine politische Eintagsfliege war, vermochte auch nur wieder eine Eintagsfliege hervorzubringen, bcn Abgeordneten -f? rifbnrann, welcher der Sohn eines getauften Juden ist und doch letzthin durch seine Stimme den Antisemiten zu einem Sieg verholfen hat. Der schmähliche Durchfall hat nun bei den bürgerlichen Demokraten einen unauslöschlichen Rachedurst hervorgerufen. Jemand muß dafür büßen, daß sie von der Wählerschaft verlassen wurden. Wer ist nun in Deutsch-Oesterreich zum Büßen da, wer ist für solche Zwecke am leichtesten bei der Hand? Die Juden natürlich. Denen nmß man es zeigen, denen muß ntnn es beweisen. Tie bürgerlichen Demokraten hätten sagen können: „Ich weiß, daß unsere Partei noch zu jung ist, daß Nur uns durch unsere Geldverschwendung verdächtig gemacht.haben, daß wir der Wählerschaft nichts Geistiges und Politisches zu bieten hatten. Aber an unserer Gesinnung ändert sich natürlich nichts und Nur werden schon bei der nächsten Gelegenheit beweisen, daß wir etwas bedeuten und Erfolge erreichen werden." Was tut aber statt dessen die Partei, die so viele Geldmittel hat? Sie zeigt sich als eine Seifenblase, die plötzlich in einer anderen Farbe schillert. Die antisenntischen Großdeutschen haben etwas zu bieten — vielleicht Mandate oder Stellen. Also rasch die Juden wegwerfen und zu den Antisemiten übergehen. Dieser Weg ins Abscheuliche wurde mit folgender Erklärung gepflastert: „Die Wahlen in die Nationalversammlung und insbesondere in die Wiener Gemeindevertretung haben jedoch den Beweis erbracht, daß das Bestreben der bürgerlich-demokratischen Partei leider nicht auf fruchtbaren Boden gefallen ist, sondern es hat sich die überraschende Tatsache eingestellt, daß insbesondere die Mehrheit des jüdischen Teiles der Wählerschaft, dem in «der bürgerlich-demokratischen Partei die politische Mitarbeit im breitesten Maße gewährleistet Uwrden war, einerseits durch die Erstarkung der jüdischnationalen Bewegung, andersl.'its durch ihre Stimmenabgabe für die Sozialdemokraten. eine freiheitlich bürgerliche Partei zu unterstützen, überhaupt nicht die Absicht hatte. Die bürgerlich-demokratische Partei plant den Zusammenschluß aller ehrlich freiheitlichen und nationalen Parteigruppen ganz Deutsch-Lesterreichs und hat zu diesem Zwecke ihre frühere Organi«- saticm mngestattet. um unter Wahrung der kulturellen und sozialpoliti'schen Grundsätze der überwiegenden Mehrheit der Partei als „Deutsche dt rbei t sge me ins chaft" ein Zuiaurmengeh?u mit der Hauptorganisativn der Nationalen, nämlich dem Deutschnationalen Verein für Oesterreich, zu ermöglichen." m Also mit den Worten: Die Juden haben uns nicht auf Kommando gewählt, wir brauchen also unseren Geschäftsliberalismus nicht und kehren in die antisemitische Heimat unserer Gefühle zurück. Die Akten über eine solche Partei sind wohl geschlossen. * Heber die Pogrome in Polen liegen wieder verschiedene Nachrichten vor, die wir der Reihe nach hier folgen lassen: Die Opfer de s Wilnaer P o g r o m s. Berlin, 17. Juni (Spezialbericht d. K. f. d. OI. Ein heute aus Wilna hier eingetroffeuer Augenzeuge des dort Ende April st-attgefuudenen Pogroms, eine deutsche Militärperson, berichtet, daß die endgültige Zähl der von der Wilnaer jüdischen Beerdigungskommission registrierten Toten 1650 beträgt. Es wird jedoch von 2000 Toten gesprochen, da viele vermißt werden. Er bestätigt in vollem Umfange die Angaben des seinerzeit im K. s. d. O. abgedruckten Berichtes und schildert die Lage der Wilnaer und darüber hinaus der gesamten litauischen Inden unter polnischer Herrschaft als grauenvoll.