Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- Seite 280 (sequence 4)
- Language
- German
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- -— 2kM aber mit voller Kraft burchgeführte Speziala»ifgaben sich eine größere Popularität zu erringen wußten. Ein Schicksalsruf, aus der Revolution geboren und eine Umwälzung aller religiösen Organisationen in Deutschland verkündend, hallt dem D. I. G. B. bei seinem Eintritt in den neuen Lebensabschnitt entgegen: „Trennung von Kirche und Staat!" Tie beiden herrschenden Kirchen, bisher mit dem Staate verbunden und von ihm die Kraftquellen ihrer organisatorischen Entfaltung entlehnend, sehen sich plötzlich auf die Selbsthilfe, auf den freiwilligen Zusammenschluß angewiesen. Wir Juden haben uns schon vor fünfzig Jahren auf diesen Weg begeben, und was wir auf ihm erstrebt und erreicht haben, ist vorstehend geschildert worden. Wir können die bisherige Marschrichtung Leibehalten, aber die Ausrüstung muß neuzeitlich ergänzt worden. Von alters her waren die Religionsgemeinden, die jetzt Relig-ionsgesellschaften heißen sollen, die Träger des jüdischen Lebens. Sie sollen es nach unserem Wunsche bleiben; trotzdem die Zwangszugehörigkeit fortsällt, müssen sic einen Ersatz schassen durch volkstümliche Erweiterung der Mitgliederrechte und durch Erhöhung und Ausdehnung ihrer Leistungen. Durch das erster« soll die Absplitterung der religiösen Minderheiten verhütet werden; die letztere ist zu erreichen durch Einbeziehung einer Reihe von Aufgaben, die vorher neben der Gemeinde durch selbständige Vereine ausgeführt wurden. Was von den einzelnen (Gemeinden gilt, das gilt von ihrem Bunde, dem D. I. G. B., in erhöhtem Maße. Es ist hier nicht der Ort, ein ins einzelne gehendes Programm für die „Religionsgesellschaften" und ihren Bund auszustellen, vielmehr ist diese Aufgabe der erste Punkt in dem Arbeitsprogramm, das der Rechtskommission obliegt und die damit hervortreten wird, sobald die Verhältnisse sich übersichtlicher gestaltet haben werden. Das eine dürfte sicher sein, daß es erforderlich ist, von der gewonnenen Freiheit Gebrauch zu machen durch Einführung eines demokratischen Wahlrechts einerseits, der Uebernahme der von anderen Körperschaften bisher übernommenen Ausgaben anderseits, insbesondere der politischen Vertretung nach innen und außen, der literarischen Abwehr, der Zentralisierung dem sozialen und kulturellen Bestrebungen: alles Aufgaben, die, wie wir gesehen haben, vom D. I. G. B. zuerst m Angriff genommen und später anderen Körperschaften überlassen worden sind. Die Forderung des Tages an die deutsche Juidenheit lautet, wie ein hervorragender Sachverstänbiger sich in einem bemerkenswerten Aufsatz zur Frage der Trennung von Kirche und Staat ausgedrückt hat: Konzentration und Dezentralisation, d. h. Zusammenfassung aller lebenswichtigen Gebiete in einer Zentraltörperschaft und ihre selbständige Tnrchjührnng in besonderen Abteiliiugen. Diese Bcrschinelzung hat selbstverständlich im Interesse Der großen Sache sich friedlich und sremidschafrlich zu vollziehen. Daß der Bund sich zu einem tauglichen Wcrtzeiig der gewaltigen Aufgaben entwickelt hat, das verdanken wir den trefflichen Männern, die als Mitarbeiter der leitenden Persönlichkeiten in der Stille ein halbes Jahrhundert lang an seiner Entwicklung gearbeitet haben. Ihre unvergänglichen Verdienste zu würdigen, sei einem besonderen Artikel überlassen. Vorwärts schreitend, breitet sich ein weiter, viel umfassender Horizont aus. Vergangenheit und Zukunft berühren sich, verschincizen sich, und ivenn »vir die Stimimma, die ein Rückblick aus die Gründungszeit eriveckte, in ein Schiller-Wort zusammenfaßten, das wehmütig von besseren Zeiten und edleren Menschen erzählte, so tröstet uns der Schluß der Ansangsstrophe desselben LiedeS an die Freunde: Wir, wir leben! Unser sind die Stllnden, Und der Lebende hat recht! Auch diese tiefe Aeußerung deutschen Geistes mutet echt jüdisch an, »vie sich ja deutsch u n d i s r a e l i t i s ch im höchsten Sinne der beiden Worte, trotz aller Trübungen durch kleine Geister, so gut vertragen. Auf jüdisch würde es heißen: „Lau ornuss, ki och jo!" „Ich sterbe nicht, ich lebe!" Dies der Hoffnungsgruß an den in der Stille sein Jubiläum begehenden Deutsch-Jsraelitischen Gemeinde-Bund. Er stirbt nicht, er lebt! Glück aus! L’eliajini! Sir Woche. Berlin, 23. Juni. ach dem Rücktritt Scheidemanns und der Unbildung des Reichskabi-netts (dem, nebenbei bemerkt, jetzt kein einziger Jude oder Judenabkömmling als Mitglied angehört) bestand in den letzten Tagen iläum noch ein Zweifel, daß die Deutsche Nationalversammlung sich für die Unterzeichnung des Versailler Friedensentwurfs entscheiden und auch die Männer finden würde, die bereit wären, ihren Namen zur Unterschrift herzugeben. Ein Telegramm aus Weimar (vom Sonntag 4.30 Uhr nachmittags) meldet: In der Nationalversammlung wurde der Antrag Schulz-Groeber: „Die Nationalversammlung ist mit der Unterzeichnung des Friedensvertrages einverstanden" in namentlicher Abstimmung mit 237 gegen 138 Stimmen bei 5 Stimmenthaltungen angenommen. Ferner wurde der Negierung mit 236 gegen 89 Stimmen, bei 68 Enthaltungen das Vertrauen der Nationalversammlung ausgesprochen. Noch im Laufe des Sonntagnachmittags hat der Ministerpräsident Bauer im Pam-en der Reichsregierung durch den Gesandten v. Hantel in Versailles eine Note mit dem Abstimmungsergebnis übergeben lassen, in der die Regierung in folgender Form ihre Zustimmung 31t der geforderten Erklärung abgibt: „Die Regierung der Deutschen Republik ist bereit, den Friedensvertrag zu unterzeichnen, ohne jedoch damit anzuerkennen, daß das deutsche Bvlk der Urheber des Krieges seih und ohne eine Verpflichtung zur Auslieferung nach Artikel 227 und 230 des Friedensvertrages zu übernehmen." Diese Note ist noch am Sonntagabend kurz vor 11 Uhr von der Entente beantwortet worden. Sie wurde glatt abgelehnt. Minister v. Haniel hat in Weimar amn Weisungen wegen der Abreise der Delegation oder wegen sonstigen Verhaltens gebeten. Ferner wird aus Weimar, 23. Juni, gemeldet: Auf eine von der deutschen Regierung gestern abend an die Entente gerichtete Note, in der unter Hinweis aus die Bildung einer neuen Regierung und die Notwendigkeit, nochmals die Nationalversammlung zu befragen, um eine weitere Fristverlängerung für die Unterzeichnung des Vertrages von 48 Stunden gebeten wurde, ist folgende Antwort eingeg-angen: Herr Präsident! Die alliierten und assoziierten Regierungen haben die Ehre, den Empfang Ihrer Mitteilung vom 23. Juni zu bestätigen. Nach einer gründlichen Prüfung Ihrer Bitte bedauern sie, daß es ihnen nicht möglich ist, Eurer'Exzellenz die schon bewilligte Frist zu verlängern, um sie Ihre Entscheidung bezüglich der vorbehaltlosen Unterzeichnung des Vertrages Hüffen zu lassen. Genehmigen Sie, Herr Präsident usw. Elemenceau. Ueber den weiteren Verlauf der Vorgänge in Weimar, die hoffentlich den Schlußakt der erschütternden Tragödie des deutschen Volkes bilden, liegen folgende Meldungen vor: Weimar, 23. Juni (W. T. B.). Die Nationalversammlung hat heute gegen die Stimmen der Dentschnationalen Bolkspartei und eines Teils des Zentrums und der