Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- Seite 279 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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stalten und Institute, In erster Reihe sind die Fürsorge- Erziehungsanstalten zu »rennen, die für Knaben bestimmte in Repzin bei Schivelbcin, diejenige für Mädchen in Köpenick, früher in Plötzensee. Diesen Anstalten, von denen die erstere Raum für 60, die letztere für 40 Insassen bietet, werden durch die mit der Durchführung der Fürsorge-Erziehung betrauten Behörden aus ganz Deutschland die verwahrlosten Minderjährigen überwiesen. Wenigstens bei einem, Teile gelingt das schwierige Besserungswerk und unserer «Glaubensgenossenschast wird die Schande erspart, die ihr von solchen unsozial veranlagten oder durch unzulängliche Erziehung verdorbenen Elementen — auch die Unterbringung leichter Verwahrloster in Familien liegt dem D. I. G. B. ob — sonst zugefügt würde. Der Schriftwechsel und das Verrechnungswesen mit den Behörden «nehmen einen ganz beträchtlichen Teil der Bureautätigkeit in« Jnspruch. Dazu kommt, daß «die Anstalten ständig erhebliche Zuschüsse zu den von den Behörden zu leistenden Pslegesätzen erfordern, was sich ganz besonders in der jetzigen teuren Zeit fühlbar macht. Eine andere Heilerziehungsanstalt des D. I. G. B. ist die unter Mitwirkung der Großloge als gleichberechtigten Partner errichtete Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder in Beelitz. Einem der dringendsten und trotzdem lange von der jüdischen Charitas übersehenen Bedürfnisse wird hier abgeholfen. 60 schwachsinnige noch bildungsfähige Kinder finden in Beelitz Ausnahme. Auch diese so reichen Segen stiftende Anstalt wird vom Bureau des D. I. G. B. aus verwaltet, obgleich ein besonderer Verein für den Unterhalt Sorge trägt. In den bisherigen zehn Jahren« hat die sich außerordentlicher Beliebtheit erfreuende Anstalt 150 Zöglinge beiderlei Geschlechts aus allen Teilen Deutschlands gepflegt und innerhalb der ihnen von «der Natur gesteckten engen Grenzen geistig gefördert. Eine gemeinsame Gründung des D. I. «G. B. und der Großloge bildet auch das Gesamtarchiv der deutschen Juden, das in sehr geeigneten, von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin kostenlos hergegebenen Räumen die Urkunden der jüdischen Gemeinden vor Untergang «schützt und durch sachgemäße Ordnung der wissenschaftlichen Bearbeitung erschließt. Die Kosten, zu den«en die Großgemeinden Berlin, Breslau, Frankfurt a. M. und Hamburg beisteuern, werden im übrigen von den beiden Gründerkörperschaften zu gleichen Teilen getragen. Die Verwaltungsarbeiten liegen auch hier dem. Bureau des D. I. G. B. ob Das gleiche ist bei der Jüdischen Arbeiterkolonie in Weißensec der Fall, obgleich für «deren Betrieb ein besonderer Verein besteht. Die Arbeiterkolonie stellt die großzügig angegriffene Teillösung des Problems dar, das sich die Verbesserung der jüdischen« Wanderarmenfürsorge durch Arbeitserziehung zur Aufgabe macht. Bis zum Ausbruch des Krieges, der ihre Wirksamkeit aus begreiflichen Gründen eingeschränkt hat., hat die Kolonie, die für 90 Insassen Raum hat, insgesamt 8000 Wanderarme beherbergt, verpflegt, beschäftigt und nachweislich einem großen Teil von ihnen mit Hilfe ihrer Ersparnisse aus Ueberschüssen ihres Arbeitsvertrages zu einer bescheidenen selbständigen Existenz verholfen«. In seiner Totalität ist das Wanderarmenproblem dann von der deutschen Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge, der letzten großen Organisationsleistung Philippsons, der sich die Mitwirkung aller einschlägigen jüdischen Körperschaften zu sichern verstanden hat, behandelt worden. Auch dieser sich vielversprechend entwickelnden Institution hat der Krieg den Wirkungskreis gerade in« demjenigen Augenblicke eingeengt, als sie sich anschickte, ihre auf Anregung sozialer Selbsthilfe ausgebaute Tätigkeit außerhalb der deutschen Reichsgrenzen zu verpflanzen. Es darf aber erwartet werden, daß nach- Friedensschluß das große Werk mit noch weiter gesetzten Zielen, aus die uns das geschärfte Verständnis für das Leben und die Bedürfnisse der Ostjudcu ganz ungeahnte Ausblicke eröffnet hat, neu in Angriff genommen >vird. Die letzten« Jahre der Philippsonschen Leitung wurden bekanntlich durch eine Reihe heftiger Kämpfe getrübt, die sich aus Anlaß des auf Wunsch des Gemeindetages vom Jahve 1898 beschlossenen Organisationsgesetzes für die jüdischen Gemeinden« Preußens erhoben und an die, sich weitere Auseinandersetzungen wegen einer den geordneten Verlauf der Gemeindetage zu sichern bestimmten Statutenänderung anschlossen. Nachdem diese für den inneren Betrieb des aus friedliche Verwaltungsarbeit eingestellten D. I. G. B. glücklich überwunden waren, konnte Philippson der unerbittlichen Forderung seines durch Krankheit geschwächten Körpers nachgeben und die Zügel in die Hand seines Nachfolgers, Professor Dr. Kali sch er, legen. Diesem war es beschieden, eine neue bedrohlich erscheinende Streitfrage, die sich an die jüdische Volksschule anschloß, beizulegön, indem der Gemeindetag sich der vom Ausschuß vertretenen Automonie der Gemeinden anschloß, die es diesen ermöglicht, die Schulfrage gemäß der örtlichen Bedürfnisse zu ordnen. Eine Neuorientierung des Verhältnisses zwischen «dem Gemeindebund und dem von ihm begründeten, zur Selbständigkeit herangereiften Verband der jüdischen Lehrervereine hat für alle Beteiligten keine Nachteile gezeitigt. Auch die Kriegszeit, die eine Fülle besonderer Aufgaben und Arbeiten mit sich brachte, hat den Ausbau der Bundesarbeit nicht aufgehalton«. Erwähnt sei nur die Rechtskommission, ein« Kollegium von« Rechtssachverständigen, die sich der bisher schon Vom Bunde gepflegten Auskunftserteilung aus «die mannigfachen Anfragen aus. dem Gebiete des öffentlichen und privaten Rechts der Schulverwaltung, des Vereins-, des Steuer- und des Vertragswesens, der äußeren, 'Kultus-, Friedhofs- und Bauordnung, des Wahlrechts usw. in systematischer Weise annimmt. Auch das große Arbeitsfeld «der sozialen Fürsorge, auf «dem der D. I. G. B. bisher als erste Beratungs- und Anregungsstelle wirksam und durch seine eigenen. Anstalten vorbildlich tätig war, läßt er keineswegs brach liegen, nachdem er sich inmitten der Kriegszeit mit mehreren anderen Organisationen zur Begründung der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden zusammengeschlossen hat. lieber die selbstverständliche loyale Erfüllung seiner eingegangenen Verpflichtung hinaus sucht er die gemeinnützigen Bestrebungen dieser neuesten« Zentralorganisation auf alle Weise zu fördern. Ein so viele und so verschiedenartige Aufgaben umfassender, dazu eine Reihe von selbständigen Anstalten. Instituten, Stiftuingen mittels einer großen Zahl von Kommissionen. Kuratorien und Dezernaten miwevwaltender Organismus wie der D. I. G. B. hat naturgemäß eine recht umfangreiche und komplizierte Kassenverwaltung. Zu «wünschen «wäre nun, daß in dem beginnenden zweiten Halbjahrhundert auch für die vielen Etatstitel, von denen der Kürze halber nur die wichtigsten erwähnt werden konnten, auch die nötigen Mittel vorhanden sein möchten. Wir hoffen, daß es gelingen wird, diese zu gewinnen, sobald der Bund erst, der Forderung der Zeit entsprechend. aus seiner im Interesse der ungetrübten Durchführung geübten, vielleicht zu weit ausgedehnten Zurückhaltung heraustreten wird. Bisher vermochten nur die alle vier Jahre abgehaltenen Gemeindetage, auf denen die großen Gemeinschaftsaufgaben des Gemeindewesens verhandelt werden, ihn in das Licht der großen Oefsentlichkeit zu rücken, während die zahlreichen, großenteils aus seinem Schoße hervorgegangenen oder doch von ihm loyal geförderten neuen Körperschaften gerade infolge ihrer Beschränkung auf einzelne.