Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- Seite 278 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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--278 - der Verdienste des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der nachmals die vom D. I. G. B. fallen gelassene Aufgabe auf breiter Basis aufnahm und durchführte, ausgesprochen fein soll. Unter den sozialen Aufgaben wurde schon damals die Wanderarmenfürsorge aufgegriffen unb Richtlinien wurden aufgestellt, die, inviel späterer Zeit durch Philippson wieder ausgenommen, in der deutschen Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge verwirklicht worden sind. Modernes soziales Verständnis für selbständige weibliche Berufstätigkeit bekundet sich in der Gründung der Darlehnskasse für Frauen, und Jungfrauen. Ganz besondere Fürsorge aber fand von Anfang an die wirtschaftliche, soziale und geistige Hebung der als Trägerin des jüdischen. Gemeindelebens so bedeutungsvollen Beamtenschaft der verschiedenen Kategorien; es wurden-, leider mit unzulänglichen Mitteln, verschiedene Stiftungen ins Leben gerufen: die Herxheimer-Skiftung, ein Stipendienfonds für Seminaristen, die Philippson-Stistung, eine Unterstützungskasse fiir in unverschuldete Not geratene Beamten, die Nachod-Stiftung zur Verleihung von Ehrengaben. Den verschiedenen von den Beamten begründeten freiwilligen Hilfskassen wurde tunliche Förderung zuteil, mit den Lehrervereinen bestand von Anfang an ein nahes freundschaftliches Verhältnis, und der damalige Sekretär, der jetzt in ehrenvollem Ruhestände in Berlin lebende Hauptkantor. Herr Bernhard I a c o b s o h n war ein fleißiger Besucher der Jahresversammlung und ein eifriger Vermittler gegenseitiger Anregungen. Durch den Eingriff des sächsischen Ministeriums, das sich auf eine Bestimmung des Vereinsgesetzes berief, der zufolge in Sachsen kein über die engeren Landesgrenzen sich erstreckender Verein bestehen durfte, wurde der Bund im Jahre 1882 gezwungen, seinen Sitz nach Berlin zu verlegen. Wie so oft, erwies sich die Bedrohung der Existenz als eine heilsaure Förderung. Denn die Reichshauptstadt mit ihrer die Blüte der jüdischen Intelligenz bergenden Riesengemeinde bot einen kräftigeren Wurzelboden als das etwas vom Mittelpunkte abliegende Leipzig, uud der «neue Präsident, Geheimrat K r i st e l l e r /erwies sich als ein Gärtner, der den verpflanzten jungen Baum zu pflegen verstand. Immer weiter breiteten sich seine Zw'eige aus, denn die Zahl der Bundesgemeinden wuchs von Jahr zu Jahr und die Verästelung in Gestalt der neuen Tätigkeitsgebiete, fundiert ans einer Reihe leistungsfähiger Stiftungen, gestattete sich inuner reicher. Einer verständnisvollen Vorliebe Kristellers für die handwerkliche und technische Berufstätigkeit der Juden verdankt die nach ihm benannte Stiftung ihr Dasein: sie hat bereits 400 jüdische Handlverkstehrlinge und 100 Studierende technischer Berufe materiell unb ideell gefördert und einer Anzahl von jüdischen Handwerksmeistern zinsfreie Darlehen gewährt. Vielfache Bemühungen wurden auch amgewendet, um alle im deutschen Judentum mtf Handwerk, Technik, Gartens und Ackerbau gerichteten, in Vereinen und Stiftungen verkörperten Bestrebungen zu organisieren und zu konzentrieren. Desgleichen war der Bund unter Führung Kristellers wohl die erste Stelle, die sich der Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen widmete: ein Zeichen von Weitblick, dessen Bedeutung dadurch nicht gemindert wird, daß später von anderen Stellen mit größeren Heilmitteln Umfassenderes geleistet wurde. Eine andere gemeinnützige Schöpfung der Kristellerschen Periode ist auch nach der materiellen Seite höchst ansehnlich. Der Wunsch der Gemeindebeamten nach Alters¬ und Reliktenversorgung erschien ebenso berechtigt wie im Hinblick auf die dafür erforderlichen Millionen auf dem Wege privater Selbsthilfe unerfüllbar. Ein gangbarer Ausweg fand sich in Gestalt eines Vertragsverhältnisses mit der Berliner Lebensverficherungsgesellschaft Dictoria. Aus den von dieser Gesellschaft an den D. I. G. B. für bei ihr eingegangene jüdische Versicherungen gezahlten Abschlußprovisionen wird die Friedrich-Wilhelm-Victoria-Stiftung gespeist, die ihrerseits zu den von den jüdischen Beamten bei der genannten Gesellschaft eingegangenen' Versicherungen namhafte Zuschüsse gewährt. Im Laufe von 35 Jahren ist bereits die stattliche Summe von 1A Millionen Mark als Ergebnis der stiftungsmäßigen Zuwendungen an unsere Beamteinschaft zur Auszahlung gelangt. Insofern es den Beamten frei steht, die fälligen Versicherungssummen in Rentenversicherungen umzuwandelu, ist der Zweck der Altersversorgung in gewissen Grenzen erreicht. Jedenfalls haberv wir hier ein interessantes, viel befolgtes Vorbild sozialer Fürsorge trotz fehlenden Gründnngskapitals vor Augen. Rein ideell sind andere Leistungen der Kristellerschen Zeit: die Begründung einer stattlichen, im Interesse besseren Nutzbarmachung mit der Bibliothek der Jüdischen Gemeinde Berlins vereinigten Bücherei, der Historischen Kommission für die Geschichte der Juden in Deutschland, der wertvolle Publikationen zu verdanken sind, die verdienstvolle Verbreitung von Verteidigungsschriften des Judentums, darunter die eigenen Leistungen Kristellers, seine Belegstellen zu dem vom Bunde herausgegebenen Grundsätzen der jüdischen Sittenlehre und seine Uebersetzung der Pirke Aboth. Als Verbreiter von Jugeindschriften hat der Bund vorbildlich auf andere Körperschaften, die nach ihm diese Aufgabe übernahmen, gewirkt. Von großer praktischer Nützlichkeit und zugleich als ein Wahrzeichen jüdischen Idealismus erwies sich das damals begründete, in jeder neueren Ausgabe vermehrte und verbesserte Statistische Jahrbuch, jetzt zutreffender als „Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege" bezeichnet. Die zentrale Aufgabe des D. I. G. B. aber ist die Fürsorge für di>e Erteilung eines würdigem sachverständig inspizierten Religionsunterrichts in kleinen Gemeinden, für dessen Organisation die Gemeinde-Unterstützungskommission ins Leben gerufen wurde. Die Klientel der Kommission, verstärkt durch diejenige der später hinzugekommenen, dem gleichen Zwecke gewidmeten Siegfried-und-Emma-'Brünn-Stiftung umfaßt etwa 200 kleine Gemeinden in allen Teilen Deutschlands. Sollte nicht etwa infolge der wirtschaftlichen' Umschichtung 'die bisherige zur Erschöpfung der kleinen Gemeinden führende Abwanderung nach den Großstädten einer rückläufigen Bewegung Platz machen, so wird dieses Arbeitsgebiet in Zukunft eine noch nächtigere Stellung einnehmen als bisher. Tie beste Leistung der Kristellerischen Periode ist die als Vorbereitung des Verbandes der jüdischen Lehrervereine ins Leben gerufene, der Bearbeitung aller mit dem Schul- und Bildungswesen zusammenhängenden Fragen' gewidmete „Lehrabteilnng". Die praktische Tätigkeit der Lehrabteilung wie auch die Verbindung mit dem Lehrverband fällt bereits in die mit dem Jahre 1896 beginnende Philippson sche Periode, die den bisherigen Höhepunkt des Deutsch-Israelitischen Gemeindebn ndes darstellt. Ihre Einleitung bildet ein großzügiges Organisationswerk, die Schaffung der Landes-, Provinzial- und Bezirksgemeindeverbän'de als notwendige Zwischenglieder zwischen Bund und Einzelgemeinden, ohne Aufhebung des direkten Verkehrs, für dessen Erleichterung die Institution des Delegiertenwefens weiter ausgebaut wurde. Eine noch weiter ins einzelne gehende Durchorganisteriung sollten die freiwilligen Bezirksrabbinate darstellen, doch konnte bisher mangels der notwendigen Mittel nur der Anfang gemacht werden. Das charakteristische Merkmal der Philippsonschen Periode bilden die zahlreichen gemeinnützigen, größtenteils > pädagogischen, aber auch sozialen und wissenschaftlichen An-