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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-06-20 · Heft 25 (20.6.1919) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 25 (20.6.1919)
Date
1919-06-20
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 Schweinefleisch entweder Butter Zu geben oder Vieh zum Schächten zu liefern. Magistratsrat Dr. Mertel beantragte die Ablehnung des Gesuches, weil ein Ersatz durch Butter infolge der schlechten Lage unserer Fettversorgung unzulässig sei. Auch «die Lieferung von Vieh sei nicht möglich, da man den koscher lebenden Juden nicht frisches Fleisch geben könnte, während die übrige Bevölkerung Lagersheck erhält. Mit besonderer Schärfe wandte sich der sozialdemokratische Vertreter Treu gegen das Gesuch. Während die übrige Bevölkerung froh sei, überhaupt etwas zu essen zu haben, würde von einen: Bruchteil eine besondere Ausnahme gefordert. Die Lieferung von Butter als Ersatz für Schweinespeck könnte ihn geradezu veranlassen, selbst ein ritueller Jude zu werden, denn auch ihm sei Butter Lieber als Speck. Es sei höchst sonderbar und weltfremd-, heute solche Anliegen vorzubringen. — Die billigen Witze des Magistratsrats Treu haben zu einer Erklärung Nürnberger 'Gemeindemitglieder Anlaß gegeben, die rn der hiesigen Presse erschienen ist. Leider hat der Magistrat das Gesuch einstimmigabgetehnt. — Frankfurt a. M., 13. Juni. Die „Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums in Deutschland", Vorsitzender Rabbiner Tr. Breuer, hat am 28. v. M. durch Vermittelung des neutralen Auslandes an die jüdische Orthodoxie in den Ententeländern folgenden Aufruf gerichtet: „An unsere religiösen Gesinungsgenossen in den Ländern der alliierten und assoziierten Mächte! Mitten in den Wirren und Schrecken des blutigen Krieges durften wir hoffen, daß endlich zur Wahrheit rverden würde, was nur täglich im heißen Gebet erstehen, was an den heiligsten Tagen des synagogalen Lebens den gedanklichen Höhepunkt unseres Gottesdienstes bildet. Eine Zeit der wahren Menschheits- Verbrüderung glaubten wir ahnen zu dürfen, eine Zeit, in der das, Unheil der armen Menschheit, die Flut des Hasses sich lösen würde in einem Meer versöhnender und ausgleichender Liebe. Deshalb trifft uns der Frieidensvertvag so schmerzlich — nicht nur in unserer treuen Liebe zu unserenr mit dem Tode ringenden Vaterlände, sondern auch in dem keuschen 'Gebiete all der Empfindungen, in denen wir das Glück der Menschheit erträumten, in denen wir euch beneideten, daß eurer Führer einer von «der Vorsehung berufen sei, Pfadfinder und Wegweiser zur Verwirklichung der höchsten Ideale aller Zeiten zu sein. Im Namen des Allmächtigen und feines hehren Wortes richten wir an euch die Bitte und Mahnung: Ta ihr alle, jeder von euch, euer Vaterland liebet und ihm Gottes Schutz und Fürsorge erfleht, tretet, bewehrt mit dem Worte «der Ewigkeit, vor die Mächtigen der Erde und bittet, daß sie als Boten Gottes «der armen Welt den Weg zur Erlösung offen halten, daß sie der neuen;, werdenden Welt eine Gestaltung der Liebe geben, die einem wahren Bunde der Völker die Wege erschließt." — Mannheim, 13. Juni. In der hiesigen Ortsgruppe des Zentralvereins sprach kürzlich Geheimrat Dr. Fuchs, der Vorsitzende des Zentralvereins, über das Verhältnis dieses Verbandes der deutschbewußten Juden zum Zionismus. Der Redner lehnte es für sich und seine Gesinnungsgenossen ab, das Judentum für etwas« anderes als eine Glaubensgemeinschaft anzusehen, der allerdings bestimmte Stammeseigenschaften anhafteten; er zählt sich nicht zu einem jüdischen, sondern in jedem Sinn zum deutschen Volk. Von der Errichtung eines jüdischen Palästina aus der Grundlage jüdischer Nationalität befürchte er, daß es sich von chauvinistisch-imperialistischen Strömlingen anstecken lassen und die Einheit des Judentuuls zerreißen könne. Trotzdem seien er und seine Freunde zur Mitarbeit bereit, und auch der Gedanke, einen jüdischen Kongreß in Deutschland einzuberusen, sei ihnen sympathisch, wenn er nicht jüdisches Volksbewußtsein zur Bedingung mache. Zum Schluß gab Dr. Fuchs Kenntnis von den Verhandlungen, die er als Vertreter des Zentralvereins mit einem Vertreter des Zionismus und einem Vertreter der Orthodoxie gepflogen hat und die zur Aufstellung eines gemeinsamen Programms führten. — An den Vortrag, der mit regen: Beifall ausgenommenwurde, schloß sich eine lebhafte Diskussion. Heidelberg, 13. Juni. Das orthodoxe Judentum in der Gegenwart behandelte ein Vortrag des Rabbiners Dr. Unna (Mannheim) in der Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Jugend. Der Redner erörterte das Wesen und die Bedeutung des orthodoxen Judentums in der Gegenwart. Mit kurzen Strichen zeigte er die drei Strömungen im Judentum: die .liberale Entwicklung, die nur durch äußere (?) Einflüsse erfolgen konnte, die nationale, deren logische Grundlage historisch unhaltbar sei, da das Wesen des Judentums auf religiösen Leistungen beruht, und drittens Mt orthodoxe, eine Synthese zwischen den. beiden ersten Strömungen. Das Wesen der Orthodoxie ist die Ueberwindung des Materiellen, des Sinnlichen, also das Motiv der Sittlichkeit und die Unterstellung des ganzen Menschen. unter die Thora. Das Ziel des überlieferten Judentums ist die ethische Durchdringung des Lebens. Heute herrscht die brutale Gewalt, und das Judentuu: kann daher für alle Nationen ein Vorbild werden, indem es durch Verwirklichung den Ton seiner Anhänger zur sittlichen Auffassung des Lebens erzieht. Der Vortrag fand großes Interesse in der Zuhörerschaft. Schwei-. z. Zürich, iu: Juni. Am 31. Mai fand im großen Saal des Zürcher Konservatoriums eine von christlichen und jüdischen Studentenvereinen und von Dr. Bertold F e i w e l präsidierte Protestversammlung gegen die schrecklichen Judenschlüchtereien in Polen statt. Als erster sprach vor dem äußerst zahlreich erschienenen Auditorium Herr Prof. Dr. Ludwig Köhler, der u. a. aussührte: Ein Großes haben die rufstfchen Pogrome im Vergleiche zn den jetzt wütende:: Pogromen in Polen gehabt, daß auch die russische Intelligenz im weitesten Umfange die Pogrome als Schmach empfunden und gebrandmarkt hat. Als weit größere Scheußlichkeit schließen sich den russischen Pogrome:: die gegenwärtiger: polnischen. Pogrome an. Im weitere:: Verlaufe schildert der Redner die schrecklichen Ereignisse und widerlegt die Anschuldigungen, die auch nur -einigermaßen dieses Treiben rechtfertigen könnten. Aus drei Gründen gilt es zu protestieren: einmal aus Menschlichkeit; ferner unt des polnischen Volkes willen, n:it den: u:an sympathisiert, schon wegen des ihn: nachgerühmten Edelsinns, von dem aber — zu aller Leidwesen — den Juden gegenüber man nichts merke, und ser::er aus Dankbarkeit gegen das jüdische Volk für all das Große, das es geleistet. „Wenn man Juden schlügt, so schlügt manuns, und dagegen lehnt sich die ganze Menschheit auf. Wir fühlen uns mit den Juden verbunden. Sie wollen als freie, vollgültige und zukunftssichere Menschen behandelt sein." Als zweiter ergriff das Wort Tr. Charlot Straffer, dessen Ausführungen über die Psychologie des Antisemitismus im Druck erscheinen werden. Zuletzt sprach Dr. Ol s van ge r aus Basel. Zun: Schluß wurde folgende Resolution einmütig angenommen: „Die am 31. Mai 1919 in Zürich von: Schweizer Studentenbund, von der Christlichen Studeuteuvereinigung, vom Akademischen Abstinentenverein „Liberias", von der Soci6te des Edudiants Juifs en Suisse, section Zürich, und den: Akademischen Zionistenverein „Hechawer" in Zürich einverufene Versammlung erhebt nach Anhörung der Vortrüge von Pros. Dr. Ludwig Köhler, Dr. Charlot Straffer und Dr. Olsvanger fe(erlichst Protest gegen die furchtbaren Pogrome in Polen. Insbesondere gibt die akademische Jugend Zürichs, repräsentiert durch die veranstaltenden Vereine, ihrer schmerzlichen Empörung über diese blutigen Judenverfolgungen Ausdruck. Sie appelliert an die akademische Jugend in Polen, nicht weiter zuzulassen, daß man sie der stillschweigenden Sympathie mit den schrecklichen Geschehnissen verdächtige, und in Wort und Tat alles zu unternehn:en, daß der polnische Name nicht weiter durch so ungeheueres Unrecht entehrt werde." tzvllMÄ. 2/D Den Haag, im Juni. Die Eingänge des Jüdischen Nationalfonds in: M a i 1919 haben 238 610 Francs betragen und verteilen sich auf die verschiedenen Länder. Als während des Krieges infolge der großen Arbeitslosigkeit in Palästina die Gefahr bestand, daß viele bewährte jüdische Arbeiter sich genötigt sehen würde::, das Land zu verlassen, sind von: Jüdischer: Nationalfonds und anderen Institutionen Notstandsarbeiten inauguriert worden, für welche seitens des Jüdischen Nationalsonds auf Grund besonderer Sammlungen zirka 100 000 Francs Goldwert beigesteuert worden sind. Diese Notstandsarbeiten haben sich, sowohl für ihren nun:ittelbaren Zweck als auch im Interesse der Erhaltung einer erprobter:, ihrer Ausgabe ergebenen jüdischen Arbeiterschaft segensreich erwiese::. Da einstweilen infolge der Ungeklürtheit der Lage die ^Arbeitslosigkeit in Palästina noch andauert, so ist kürzlich vorn Jüdischeri Nationalsonds in: Einvernehmen mit anderen Institutionen ein neues Haldjahresbudget für Notstaudsar'beiten in Höhe von 600 000 Francs bewilligt worden, andern «der Jüdische Ratio naHonds sich mit 150 000 Francs beteiligt. Mit dieser Bewilligung sind die für den genannten Zweck verfügbaren Mittel des Nationalfonds erschöpft, und es ist nicht beabsichtigt, die Sammlungen für diesen Zweck fortzusetzen, ha

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