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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-06-20 · Heft 25 (20.6.1919) · p. Seite 276

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 25 (20.6.1919)
Date
1919-06-20
Page
Seite 276 (sequence 12)
Language
German
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276 im vordern Graben gerade aufs schönste in -der Mache chatten. Und dafür hat er 'dann auch das Kreuz bekommen." Dem alten Mutzel hatte die Rede des Enkels den Atem verschlagen. „Es heißt doch aber immer, die Juden seien . . stanrnrelte er. „'s gibt solche und 's gibt solche", bemerkte Karl trocken. „Wir chatten, wie nur in Thouraut lagen, schon zwei jüdische Unteroffiziere, die kriegten beide das Kreuz — der eine war ein gewisser Sender, von dem sagte unser Major nie anders als: „Das ist ein Teufelskerl, ein ganz famoser!" *§ hat oben solche und solche — " schloß er PhilosoPh.isch mit vieldeutigem Lächeln, „unter uns Echrrstenmenschen sind auch nicht lauter Hirrdenburgor." Er verließ kurz mit freundlichem Gruß die Stube, kam aber nach wenigen Minuten wieder mit einem vergnügten, spitzbübischen Augenzwinkern zurück. „Fir, fir, alle antreten nun Kvtillon", rief er. „mein Herr Leutnant erwartet die Herren alle beim Paschke-Joses in der Stube." „I, wo werd ich denn", schrie der alte Mutzel entrüstet, aber der Enkel faßte ihn resolut unter den Arm, „nee, nee, Großvater, db gibts nischt, Befehl ist Befehl, ich muß Sie mitbringen, ob tot oder lebendig." Und mehr tot wie lebendig, ein richtiger steinerner Gast, saß der alte Mutzel wirklich dann auf Baichke-Josefs Plüschsofa neben dem Leutnant seines Enkels vor einem Glase Wein, wie es in den einundsidbzig trockenen Jahren seines Lebens ihm noch nie mit so köstlicher Blume vor die Kehle gekommen. und der junge Herr Fingerhut ermunterte ihn und die anderen Spittelbrüder mH ausgesuchter Höflichkeit, nur ja znznlangen. es sei uvar nur ein koscherer Tropfen, aber er stamme in gerader Linie direkt von dem Rebstock ab, den weiland Bater Roab in seinem eigenen Weinberge gebaut, und der gläubigste Protestant könne davon trinken, denn es sei just genau dieselbe Marke, von der Dr. Martin Luther sein berühmtes: „Wer nicht liebt Wein. Weib und Gesang" der durstigen Menschheit verkündet. Und dann trank der Herr Leutnant auf den lieben Großvater seines braven Karl, den besten Burschen, 'den sich ein jeder Offizier des Kaisers nur wünschen könne, und alle Anwesenden mußten ihm „er-er!" Bescheid tun. und dann trank er noch einmal ans den nämlichen Herrn Mutzel. den ältesten Gefährten seines ervro'bten freundes Josef Paschke. und der biedere Mutzel verschluckte sich arg. als er in ein Hoch auf Paschke-Joses einstimmen sollte: denn es war ihm etwas in die falsche Kehle gekommen, aber der junae Herr Fingerhut gab nicht Ruch: er wußte immer wieder etwas Neues hervorzubringen - jetzt sollten sie alle au ff den Geist der Brüderlichkeit und Eintracht, so hier in diesem Hause herrschen sollte ----- mit ichm anstoßen. Man trank auf den Kaiser und auf das Deutsche Reich und auf seine Verbündeten, die Bnlaaren und die Türken. Der Bruder Martin wollte sich nicht l-nnrpen lassen und hielt eine sehr gut gemeinte, freilich etwas verworene Rede auf die Inden, in der er Paschkes Plüschmöbel, das Spital und den Weltkrieg durcheinandermengte: schließlich half er sich aus seinem Wortbündel noch heraus: er sei nur ein armer Schneider und wolle hier nicht länger sticheln, es könnten nun nicht eben alle Menschen eines Klaubens sein und man vermöge nicht alle Welt unter einen Hirt zu bringen, aber der Herr Fingerhut, auf den wolle er ein Hoch ansbringen. der solle leben und wenn er zehnmal ein Jude fei - hurra! hurra! ----- hurra! Kurz, es wurde eine wunderschöne, urgemütliche Kneiperei, an deren Ende sich Paschke und Mutzel sowie alle anderen Brüder schworen, sich wieder zu vertragen, und sich gegenseitig einer wenn auch stark bezechten, doch unverbrüchlichen Hochachtung und Freundschaft bei ewigem Burgfrieden hoch und heilig versicherten. Daraus gab der Herr Leutnant seinem Burschen einen Wink; nach zwei Minuten ratterte im Hose ein Automobil, Herr Fingechut reichte den zwischen Seligkeit und Wschiedsschmerz schwankenden Brüdern sehr schnell die Hand, umarmte seinen alten Freund Paschke; nach weiteren zwei Minuten hörte man von unten Karls herzhaftes: „Adjeh auch! Großvater, bleiben Sie gesund!" und dann standen, rot im Gesicht, mit heißen Köpfen, Schulter an Schulter der alte Mutzel und Paschke-Joses am Fenster und wedelten ihren davonsausenden Lieben ein herzliches Lebewohl. „Nun. was sagt Ihr nun zu meinem Fingerhut?" triumphierte Joses und wischte sich die Augen. „He, ist das nun einer oder nicht? Einen Blauen hat er mir noch als Letztgeld zugesteckt: „Daß ihr was zu trinken und zu rauchen habt. . Das fanden die Brüder alle recht anständig, hochanständig sogar. Und der Bruder Marlin, der recht verdächtig torkelte, meinte: „So'ne Sorte Juden laß ich mir gefallen." „Ja", lallte der alte Mutzel und trank fir die letzte Flasche leer, „es hätte auch keiner was gegen die Fingerbnts gesagt, hätten sie sich nicht damals so gemein negert dich 'betragen. Aber", muckte er mit einem letzten Rest von Tücke auf. „hatte sie dich nicht aufs trockne gesetzt, die hockedle jüdische Firma?" „Na, da hast du's eben", schmunzelte der Paschke-Joses vergnügt, „die hochedle indische Firma, siehst du, die ist nämlich seit meines Herrn Fingerhuts Tode ganz in christlichen Händen." Litrrarilchr Kittrilunge». — E i n ideales K ii n st X e v v a -n r : R o in n n d F e o d o r v. Mild e. Ihre Kunst und ihre Feit. Bon Franz v. Milde. Leipzig 1918. Verlag von Breitkopf n. Härtel. Band I und TI. Mit zahlreichen Bildern und Faksimiles. Preis 15 Mark. In das nachklassische Weimar, in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts, da Großherzog Karl Alerander von Sachsen-Weimar, die Tradition seines Hauses treulich wahrend, eine Pflanzstätte für Musik und Malerei schuf, führt uns das vor uns liegende treffliche Werk. Ans Gedanken und Erinnerungen, ans Briefen, Tagebuchblättern und Aufzeichnungen hat der in dem Rahmen seiner geistig ltnb seelisch gleichermaßen hochstehenden Eltern lehrende und künstlerisch ausübende Sohn diesen ein ungemein wertvolles Denkmal der Liebe itnb Pietät errichtet. In unserer ernsten Gegenwart wird dieses Gedenkbnch den Lesern und namentlich den Leserinnen zu wahrhafter Erhebung gereichen. Einen breiten Raum nimmt der Briefwechsel der Gatten, insbesondere Frau Roms mit dein Hofr-at Wilhelm Hemsen, dem auch Berthold Anerbach freundschaftlich nahestehenden Kunstgelehrten, ein und bildet den weitaus interessantesten Teil des Werkes, gleichermaßen Einblicke in die Feitverhältnisse wie in eine große, edle und starke Fronenseele -gewährend. Unsere lebhafte Anteilnahme für das bedeutende Künstlerpaar steigert sich, indem wir gern wahrnehmen, daß zahlreiche Juden, die sich in Musik und Literatur einen Namen geschaffen ebenso wie mehrere Jndenabkömmlinge Marksteine in ihrem Leben bezeichnen. Am 18. November 1856 sang Feodor v. Milde bei der Erstausführung «der „Hugenotten" in Weimar den Revers ltitb seine Gattin die Valentine. Im November 1858 berichtet letztere ihrem Freunde -Hemsen von einem vortrefflichen Vorträge Berthold Auerbachs über Lessings „Nathan den Weisen" zum Vorteil der Weimariichen Schiller-Stiftung. Eine stattliche Reibe teuerer Namen grüßt uns in der Folge. Die Generalmusikdirektoren Eduard v. Lassen und Hermann Levi. Jadasson und Altschnl. Rubinstein und Joachim. Dawiwii und Sonnenthal. Julius Stern und seine Schwägerin Jenng Metzer, der Konzertsänger Georg Henschel, M. Bernatzs und viele andere. Das Andenken des idealen Künstlerpaares lebt an der Stätte seiner Wirksamkeit eng verknüpft nitt der Geschichte des Weimarer Theaters unvergessen fort. Wir empfehlen das ausgezeichnete Buch angelegentlichst dem geschätzten Leserkreise dieses Blattes, insbesondere unserer Frauenwelt. Breslau. Regina Reißer.

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