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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-06-20 · Heft 25 (20.6.1919) · p. Seite 275

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 25 (20.6.1919)
Date
1919-06-20
Page
Seite 275 (sequence 11)
Language
German
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-,275 wortet: „Ach woher denn! Die liegen ja alle «drin in der Schublade!" Denn der sparsame Mutzel trug nur Sonntags, wenn es Flei-sch gab, sein Gebiß, in der Woche schonte er die teuern Zähne. Aber bissig, sehr bissig war der alte Krakchler auch ohne sie, und er würde ja wohl bis an sein Lebensende nicht aufhören mit seinen hinterlistigen Angüssen. Ja. wenn er noch ihn selbst beleidigt hätte, darüber hätte Josef lachend mit einem einfachen: „Rutsch mir den Buckel lang!" emittiert, aber daß er das Andenken seines auten Herrn schmähte, schmerzte ihn tief bis in seine treue Seele. Bei all diesem Nachdenken und Sinnieren aber stand Paschke-Josef nicht müßig, er trua immer eine kleine Schere bei sich und begann nun an den Ranken des wilden Weines, die die Grabsteine seiner Herrschaften umkleideten. berumzufchneiden. denn das Grün umwucherte schon die Anschriften, n.nd die sollten blank und klar bleiben wie die Namen der seligen Fingerbut — bis ans einmal ein fester Griff seinen Arm packte. Hastia kehrte er sich um. sah sich einem jungen Feldgrauen .gegenüber und ließ vor Erstaunen und freudiaer lleberraschnna dann die Schere fallen: Gr blickte in ein stark verweintes, aber sonst recht frisches junges Gesicht, das bei seinem Anblick ein freundlicher Schein überflog. ..Mein Gott. Herr Alexander — Herr Finaerhut — mein lieber immer Herr, sind Sie es denn wirklich?" „Nim freilich, mein Mer. nun sag' nur rubia ..Wer", wie immer. Ich war schon am Ausaang des Friedboss. da feinte irfi mich nach einmal um. nt einem lebten Blick ans meine Lieben. Es schien mir. als ob an meinen Gräbern jemand st-phe — ich hatte mich nicht getäuscht. Und nun sehe ich in dein alt"s treues Gesicht: das ist mir wie ein Heimatgruß. Morgen niuß ich wieder nach Berlin. übermorgen geht es wieder ins Feld. mein Urlaub ist nt Ende." Paschte-Iosef kugelten die Tränen «herunter, vor Freude. Sein junger Herr, den er mit auferzoaen. den er, der Kinderlose, mit verhätschelt hatte, von klein auf. mit dein w Pferd und Hund gefvielt. den er das erste Mal ntr Schule gebracht und der alle seine Kinderfreuden rmd -leiden nt ibm getraaeu batte, dem er den ersten Drachen, das erbe Theater aevapvt batte ltmb den ersten Schlitten gebaut und den er oft genug vor Prügel geschützt batte; denn der Ater, oh. der machte streiche, und Vater Finaerbut war streng und batte eine fire Hand. Und setzt stand sein junger Herr, der ihm freilich seit Ausbruch des Krieges nur einmal eim Karte mit sechs anderen unleserlichen Unterschriften aus einem französischen Gott-weiß-wo gesandt —- Herr Alex hatte nie viel vom Schreiben gehalten — jetzt stand sein lieber Strick vor ihm, aesund und wohlbehalten und hatte sogar das Kreuz. Nein, der junge Herr sollte ihm doch die Liebe tun und erzählen, rote er sich das verdient hatte. . . „I, das erfährst dir schon noch", wehrte Alex, „aber nun komm und laß uns den Friedhof verlassen, denn meine Zeit ist gar knapp. Ich begleite dich zu dir, ich wollte dich so wie so auffuchen und habe meinem Burschen Befehl aegeben. mich bei dir zu erwarten. Der hat übrigens seinen Großvater in dem gleichen Spitale." „So, so, wer war denn der?" fragte Paschte interessiert. „Mein Bursche heißt Karl Stein, aber der Großvater ist ein gewisser Mutzel; ja, was sagst du denn, Atter, wie schnell ich herauf,gekommen bin, anders wie einst in der Schule, ich bin schon Offizierstellvertreter . . ." Aber Paschte hatte der Name seines alten Feindes gesang-en, er hörte nichts anderes mehr. „Der Mutzel, der Mutzel", schrie er aufgeregt, „das geschieht dem aber recht, daß dem sein Enkel Ihr Bursche sein muß, das ist dem alten Halunken recht, so gehört es sich, so muß es kommen." „Ja, was hast tut denn?" fragte der junge Fingerhut verwundert, „dem Karl geht es durchaus nicht schlecht bei mir . . „Es soll ihm aber schlecht gehen", rief Paschke, „immer triezen Sie ihn nur gehörig, Sie sind gewiß viel zit gut zu dem; der Enkel von dein alten Mutzel, das wird mir der Rechte sein!" Und nun machte Josef seinem bedrängten Herzen Luft und überschüttete dos Ohr seines jungen Herrn mit all der Unbill, die ihm sein Feind angetan, und klagte ihm alles Leid, das er mit Israel und speziell um die Fingerhuts ausgestanden. „Und das ist bloß alles, weil sie mir meine Plüschmöbel nicht gönnen, aber nun werde ich sie klopfen, alle Taae vor ihrer roten Nase, bis sie die Motten kriegen, die Brüder, die Infamen!" Er hatte sieh rot und heiß geredet vor Zorn; der hmne Krieger Träte ihm besänftigend die Hand auf den wild erhobenen Arm. ..Na, laß nur aut fein. Josef, alte Leute müssen nicht so böse werden, sie kommen sonst zu Schaden. Uebriaens. der Karl iit ein sehr braver Mensch, und seinen rauhbeinigen Herrn Großpapa, den wollen wir uns schon kaufen." Am Ausgang des Friedhofes wartete ein Auto. Fingerhnt iunior schob den sich heftig und erschrocken vor dein teuren Verkehrsmittel sträubenden alten Mann mit einem anfmunternden: „Nun, mach Mir keinen Sipermarng!" hinein und fort sauste der Chauffeur dem Svitale zu. 3it gleicher Zeit erlebte auch der alte Mutzel seine glückliche aroße Stunde. Von Stube zu Stiche schleppte er den Enkel, ihn den Brüdern vorzuführen: „Das ist er. bei Lonawh hat er mitgemacht. Soaar »der Kronvinz hat mit ihm aesprocken. Rtt. erzähle mal, Karle, was der Kronprinz ztt dir gesagt hat! . . Mer nachdem Karle fünf- oder sechsmal wahrheitsgetreu fünf oder sechs ihm persönlich ganz unbekannten alten Männlein berichtet, daß ihm der Kronprinz eine vikfeine Zigarre aegeben. ihm auf die Schulter geklopft mtib dabei gesagt: „Du bist ein ftrer Kerl, du kannst so bleiben - " ward dem bescheidenen Iunaen das angestarrt und als Held 'Mtaunt werden gründlich über und er wollte mit kurzem Abschied — „Großvater, nun muß ich aber mal nach meinem Leutnant sehen" — grad ausreißen, als ihn der Großvater vrahlerisch zurückhielt: „Nicht? Das ist doch der Graf Pfeil, der, was dein Leutnant ist?" Und der Enkel schien ihm geadelt durch diese, wenn auch recht untertänige Zugehörigkeit zu solch hohem Aristokraten. „Ach, woher auch", lachte Karl, „da ist and) kein Fingerhut von einem Grasen dabei." Der alte Mutzel merkte, daß er diesen Pfeil vergebens verschossen hatte, und fragte unruhig: „Was meinst b\\ damit, he?" „Der Graf Pfeil, bei dem ich mal Bursche war, ist längst ztt einem anderen Regiment gekommen; mein Leutnant heißt nämlich Alexander Fingerhut." Der alte Mutzet war einer Ohnmacht nahe. „Junge, du bist doch nicht etwa bei einem Juden? Nee. nee, nee, die Schande wirst du mir doch nicht antun!" Der Alte mußte sich setzen, der Schreck war ihm! buchstäblich in die Beine gefahren; aber der „Junge" blieb ganz ungerührt stehen und sprach sehr ruhig: „Wissen Sie, Großvater, im Frieden da mag es ja Vorkommen, aber im Kriege, da ist das mit der Antisemiterei nicht angebracht. Mensch ist Mensch, und an der Front ist das ganz Wirrst, ob jüdisch, ob katholisch oder podolisch, wenn einer nur nicht Knickebeine macht oder sich dünne 'durchdrückt, wen-n's grade losgeht. Und wenn der Herr Fingerh-ut nicht gewesen wäre, da ständ ich jetzt nicht so gemütlich in Ihrer Stube, b>enn der hat mit dem Kolben feste zugehauen, wie so ein langer Hund von Nettoajör und noch so ein schwarzes Aas mich

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