Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1919)
- Date
- 1919-06-20
- Page
- Seite 274 (sequence 10)
- Language
- German
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274 ziehen, aufhob. Aber mit «dem Uebergang des Königreichs in spanische Hände 1503 ward ihr Ruin besiegelt. Wurden doch 1507 durch Ferdinand den Katholischen alle dis zum Tode Ferdinands II. bei den Juden gemachten und noch nicht bezahlten Schulden für null und nichtig erklärt — ein wahrer Räuberakt! Doch als dann gleichzeitig, trotz des Privilegs, welches die spanische Inquisition vom Königreich Neapel ausschloß, dieses geheime Gericht gegen Juden und Marranen zu wühlen begann, begriffen die Neapolitaner nur zu gut, daß man dasselbe mtf diese Weise bei ihnen beliebt machen wollte, um ihm jedoch später auch die Katholiken zu unterwerfen. Und was das zu bedeuten hatte, darüber konnten ihnen die aus Spanien geflüchteten Juden Aufschluß geben! Doch vermochte die Bürgerschaft Neapels zugunsten der Juden nicht mehr durchzusetzen, als daß 200 Familien gegen eine jährliche Abgabe von 3000 Dukaten im Königreich verbleiben durften, trotz der allgemeinen Austreibung, welche 1510 erfolgte. Fünf Jahre später mußten auch die neuen Christen, die Marianen, Süditalien verlassen: meist waren es solche, die vor nicht langer Zeit aus Spanien vertrieben worden waren. Aber bald machten sich die wirtschaftlichen Folgen der Judenvertreibung bemerkbar: Die christlichen Wucherer, von der unangenehmen Konkurrenz befreit, steigerten ihre Forderungen ins Ungemessene. Verschiedene Gemeinden, darunter Neapel, verlangten Privilegien für die noch angesessenen, ja Bernfnng anderer Juden. Kaiser Karl V. erhörte die Bitten, welche gerade vom Volke ausgingen. Bei letzterem fanden die Mönchspredigten gegen die Juden nunmehr wenig Anklang. So groß war das wirtschaftliche Bedürfnis nach ihrem Kredit. Und so wurde von 1520 bis 1541 ihnen die Aufenthaltserlaubnis mehrfach verlängert. Hierzu mochte der Einflug der Familie Abravanel beim vizeköniglichen Hof nicht wenig beitragen. Daß ihr Wucher nur den Vorwand zu ihrer endgültigen Vertreibung aus dem Königreich Neapel abgab, wird vom Verfasser klar erwiesen. Denn gerade die kleinen Leute hatten ihre Pfandgeschäfte nötig. Doch wenn er meint, die Vertreibung sei vom Vizekönig Pietro von Toledo durchgesetzt worden, um den neapolitanischen Adel zu schädigen, da man erwiesenermaßen diesem aufgab, vor dem Wegzug der Juden die beträchtlichen Schulden, mit denen er bei ihnen in der Kreide saß, zu bezahlen, so will uns dies als Hauptgrund nicht einleuchten: schon darum nicht, weil er sich auf das Zeugnis des erst 200 Jahre später lebenden Marquis de Salas stützt. Vielmehr scheint uns der strenge zelorische Geist, welcher damals in der Gegenreformation zur Geltung kam und sich auch in Rom unter dem Einfluß des Ignatius von Loyola gegen die Juden Bahn brach, für die wirtschaftlich falsche Maßregel verantwortlich zu sein. Der Marquis de Salas, vom nationalistischen Geiste des 18. Jahrhunderts erfüllt, hatte kein rechtes Verständnis für das Muckertum des 16. Jahrhunderts, sollte jedoch bald darauf selbst die Erfahrung machen, daß es immer noch mächtig genug war, um jede Maßregel zugunsten der Juden zum Scheitern zu bringen. Dagegen stimmen wir mit dem Katholiken Ferorelli überein, wenn er nicht Tadelsworte genug gegen die spanischen Herrscher findet, welche durch Vertreibung der Juden aus Süditalien den wirtschaftlichen Ruin des Landes herbeiführten 8). Gegen alle des jüdischen Glaubens auch nur irgendwie Verdächtigen ward nun zwei Jahrhunderte lang furchtbar gewütet, selbst noch nach ihrem Tode. Als es im Jahre 1582 zur Kenntnis des Vizekönigs von Neapel gelangte, daß der ''1 Wie ganz verschieden ist das von echt antisemitischem Geiste durchwehte Buch des Königlich Preußischen Geheimrats Georg Liebe: „Das Judentum in der deutschen Vergangenheit", 1903! einige Jahre zuvor verstorbene Oberschatzmeister und Botschafter Don Alonzio Sanciez mit seiner gesamten Familie heimlich dem Judentum zugetan gewesen war, ließ er dessen prunkvolle Grabstätte aus der Annunziatenkirche in Neapel entfernen und in eine Kapelle bringen. Der Versuch des erleuchteten' Despotismus, unter Karl von Bourbon und seinem Minister, dem genannten Marquis de Salas, die Juden 1740 zurückzurufen, um dem Lande wirtschaftlich aufznhelfen, scheiterte an dem Widerstand des päpstlichen Hofes, der Jesuiten und des von der Geistlichkeit aufgehetzten Volkes, also an religiösem Vorurteil. Sieben Jahre später mußten die wenigen noch gebliebenen Juden das Land räumen. Als Nachwort zu dem trefflichen Werke Ferorellis — auch darum erwähnenswert, weil er, obwohl königlicher Staatsarchivar, keine Burgfriedenszeit abgewartet hat, um eine Lanze für seine jüdischen Mitbürger zu brechen — möge noch folgende Bemerkung aus unserer Feder dienen. Die ganz wenigen Israeliten, welche von etwa 1830 an bis 1860 unter dem Schutze Karl v. Rothschilds, der seit 1821 in Neapel ein Bankgeschäft betrieb, und seines Sohnes Adolf von den bourbonischen Königen dort geduldet wurden, vermochten, schon ihrer geringen Anzahl wegen, keinen wirtschaftlichen Einfluß auszuüben. Kaum war das Königreich Neapel 1860 dem übrigen Italien angegliedert, so entging es dem gewohnten Scharfblick des Grafen Camillo Cavour, des ersten Ministerpräsidenten des neugeeinten Italien, nicht, daß in Neapel jüdisches Kapital und jüdischer Unternehmungsgeist fehle«). Sofort suchte er jüdische Finanzmänner aus Frankreich dorthin zu verpflanzen. Aber sein früher Tod ließ den Plan nicht zur Ausführung gelangen, und seine wenig geschickten Nachfolger verstanden es nicht einmal, die Rothschilds im Lande zu halten, geschweige denn demselben sonst wirtschaftlich aufzuhelfen! Immerhin, was dem genialen Schaffen des großen Staatsmannes in kurzer Zeit gelungen wäre, das vollzieht sich rturt ganz allmählich von selbst aus den gegebenen Verhältnissen heraus. Es findet nämlich nach und nach eine Einwanderung mittel- und norditalienischer Juden ins ehemalige Königreich Neapel statt. Freilich, bei der letzten Volkszählung im Jahre 1911, gaben sich in den festländischen Provinzen desselben nur 2261 als solche zu erkennen. Aber da die Angabe der Religion keine zwangsweise war und vielen italienischen Juden der alte Marranengeist eignet, welcher sie hindert, sich als das zu erkennen zu geben, was sie wirklich im Herzen sind, so muß man ihre Zahl viel höher berechnen. Man braucht kein großer Prophet zu sein, um den neu Eingewanderten in einigen Generationen eine große Zukunft vorauszusagen. Die Geschichte als Lehrmeisterin zeigt uns, daß Süditalien jedesmal dann zu Reichtum und Ansehen gelangt ist, — und daß dies bald der Fall sein wird, darauf deutet alles hin —, wenn solche auch den dortigen Israeliten zuteil wurden. Der Spitteljudk. Erzählung von Clemens Berg. (Schluß.) Und er hatte recht gut gehört, wie der Mutzel gejammert hatte, er werde den Paschke verklagen, der habe ihm ein paar Zähne eingeschlagen, darauf der Inspektor höhnend geant- I Siehe unsere Aufsätze in „Nuova Antologia" (Nom 1910) Nr. 45, und „Im Deutschen Reich" (Berlin 1910) Nr. 10.