Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-06-20 · Heft 25 (20.6.1919) · p. Seite 273

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 25 (20.6.1919)
Date
1919-06-20
Page
Seite 273 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229392-3229415--74962-3287442
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

273 (3 in Breslau, ,2 in Kattowitz, 1 in Oppeln),.. I in der Provinz Sachsen (Magdeburg), 5 in Hessen-Nassau (1 in Kassel, 4 in Frankfurt), l in ber Rheinprovinz (Düsseldorf). Außerdem ist noch nachträglich ein jüdischer Oberlehrer in Berlin angestellt worden. An den beiden israelitischen Realschulen in Frankfurt a. M., die mit höheren Mädchenschulen verbunden sind, sind 18 jüdische Oberlehrer angestellt. An nichtjüdischen höheren Mädchenschulen wirken ein Direktor (in Charlottenburg), 6 Oberlehrer (3 in Berlin, 1 in Frankfurt a. M., 1 in Kattowitz und 1 in Königsberg i. Pr.). An Oberlehrerinnen sind 6 zu verzeichnen, 2 in Berlin, je eine in BreÄau, Dortmund, Guben und Landsbevg a. d. W. Daß Dortmund eine jüdische Oberlehrevin angestellt hat, ist besonders bemerkenswert, da dort bisher nur einmal ein getaufter jüdischer Oberlehrer Unterkunft gefunden hat, im übrigen aber die Provinz Westfalen, wie mehrere andere preußische Provinzen, sich gegen die Anstellung von jüdischen Oberlehrern stets ablehnend verhalten hat. Insgesamt waren von den 11138 akademischen Lehrkräften, die am 1. Mai 1918 an höheren öffentlichen Schulen in Preußen angestellt waren, 108 jüdischen Bekenntnisses (am 1. Mai 1915 von 11325 112). Bon den noch nicht angestellten jüdischen Kandidaten haben sich zwei taufen lassen, ohne dadurch die Anstellung erlangt zu haben, einer ist als Assistent an die Technische Hochschule in Aachen übergegangen, ein vierter ist fürs Vaterland gestorben, über den Verbleib eines fünften ist aus dem Kalender nichts zu ersehen. Am 1. Mai 1918 waren 24 jüdische Studienassessoren vorhanden (von 3093) und 13 Studienreferendare (von 1095), außerdem 3 geprüfte Lehrerinnen an Privatschulen, 4 anstellungsfähige Kandidatinnen, 3 wissenschaftliche Hilfslljhrminnen, 1 Probahidin und 9 weibliche Seminairmitglieder. M. G. Bit Juden auf dem Mtlandr Süditaliens. Don Professor Tr. Ermanno L o e v i n s o n (Nom). (Schluß.) ie Giudeea in Süditalien unterschied sich von dem erst später in Rom aufkommenden Getto «dadurch, daß sie nicht wie letzteres durch eine Mauer von dem übrigen Teile der Ortschaft abgesperrt und daß das Wohnen in ihr kein pvangsweises war. Inmitten der krassen Unwissenheit der Massen Süditaliens im Mittelalter zeugt es von dem stets bewährten BÄdungsbedürfnis der Juden, daß, wie es scheint, di.e Anzahl der Analphabeten unter ihnen eine ganz geringe war. Der Gebrauch der Leichensteine mit Inschriften war ein allgemeiner. Damals vermochten sie ihre Tätigkeit auf fast jeglichem Gebiete des menschlichen Schaffens zur Geltung zu bringen. Besonders 'kamen die literarischen, medizinischen, philosophischen und astronomischen Studien bei ihnen in Ausnahme. Christliche Gemeinden stellten jüdische Aerzte für die Kranken ohne Unterschied der Konfession an. Die Hofärzte jüdischen Glaubens, wie die Abravanel und De Balmes, waren bei der Bevölkerung Neapels besonders beliebt. Die Arztfamilie Calonimos erhielt dort sogar das Bürgerrecht. Jüdische Notare kommen vor. Jiddische Druckereien, zum Teil von Deutschen gegründet, und Buchhandlungen standen in hoher Blüte, wobei hervorzuheben ist, daß sie sich nicht auf Druck und Verkauf jüdischer Bücher beschränkten, sondern auch lateinische, griechische und arabische in den Kreis ihrer Tätigkeit zogen. Ackerbau, Handwerk, Industrie und Handel, dieser ganz besonders mit den Waubens,genossen in anderen Teilen Italiens, wurden von den Juden betrieben. Am bevorzugtesten war jedoch das Geldausleihen. Das ganze Königreich war von einem dichten Netz jüdischer Banken überzogen. Falsch, zum wenigsten übertrieben, ist der Vorwurf des Wuchers. Umgekehrt bildeten die Juden, solange sie im Königreich weilten, ein wertvolles Element für die Milderung der übertriebenen Anforderungen christlicher Geldverleiher, deren wucherische Geschäftsusancen zuweilen bis ins Unglaubliche gingen. Dies war später von einem einwandfreien Zeugen, Kaiser Karl V., anerkannt und beklagt. Die von den jüdischen Geld-Verleihern genommenen Zinsen sind dagegen bei dem damaligen wirtschaftlichen Notstand nicht als von wucherischer Höhe zu bezeichnen. Das archivalische Material über finanzielle Angelegenheiten ist ein so reichhaltiges, daß dem Verfasser eine ausführliche Schilderung des damaligen Bankbetri-ebes und die Zusammenstellung eines Verzeichnisses der hervorragendsten Bankiers Süditaliens in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts möglich wird. Der Steuerdruck, welcher auf ihnen lastete, war kein geringer! In feiner Judenfreundlichkeit ging Ferdinand I. so weit, daß er, um sie 4n ihren Rechten zu schützen, 'einen eigenen Genevalamtmann (Baiuölo generale) für sie ernannte. Auf diese Weise entzog er sie sogleich der Gewalt der Bischöfe. Sie sollten nur einzig und allein der des Königs unterstehen. Folgender Regierungsgrundsatz, der 1476 von Ferdinand I. verkündigt wurde, könnte noch ein halbes Jahrtausend später manchem Herrscher zur Nackeiferung anempfohlen werden: „Wir halten die Juden sowie jeden einzelnen derselben lieb und wert: auch haben wir den Juden sowie jedem einzelnen von ihnen stets unsere Gunst und Hilfe zuteil werden lassen und werden -es auch in Zukunft tun." , Infolge dieser guten Behandlung war damals die Zahl der Uebertvitte zum Christentum keine hohe. Sie wuchs erst nach dem Jahre 1492, eine Folge «der Vertreibungen aus der Iberischen Halbinsel, aus Sardinien und Sizilien sowie der Umwälzungen, welche der Einsall Karls VIII. ins Königreich mit sich brachte- Damals kam bei den Christen der Ausdruck Mar-! rauen für die übergetretenen Juden auf, während die Inden selbst sie als dazu Gezwungene, „Anussim", bezeickmeten. Tie in Neapel gelegene Kirche S. Caterina della Giudeea soll ihren Namen dem Umstande verdanken, daß die Baugelder für sie von Neophhten hergegeben wurden. Uebrigens kam es häufig vor, daß jüdische Frauen sich von ihrem Manne trennten, sobald dieser zum Christentum übortrat, und sich ihre Mitgift wiedergeben ließen. Mit dem Tode des staatsklngen Ferdinand I. im Januar 1491 begannen di'? Drangsale für die starke, materiell und geistig hochentwickelte jüdische Bevölkerung des Königreichs Neapel. Seine Nachfolger, Alfons II. und Ferdinand II., vermochten es weder in der Hauptstadt noch in der Provinz zu hindern, daß die höher stehenden Klaffen die Judenviertel plünderten, um die dort aufbewahrten Pfänder sowie die sonstige Habe herauszuholen und dann den ärmsten Klassen den Rest der Beute zu überlassen. Nur wo die Juden beim Heraufziehen j des Ungewitters auf ihre Außenstände verzichteten, vermochten sie sich vor der Plünderung zu schützen! Was von Wertgegenständen noch in ihren Händen verblieb, ward ihnen durch Karl VITT, von Frankreich entzogen, der 1495 als Erbe der Anjous das Königreich auf einige Zeit besetzte. Auf ihn hatten von Anfang an, und nicht mit Unrecht, die Judenfeinde, ihre - Hoffnungen gesetzt. In Massen verließen die Kinder Israel freiwillig selbst diejenigen Plätze, aus denen sie nicht mit Gewalt Vertrieben wurden. Vorübergehend kamen noch einmal etwas ruhigere Zeiten in den Jahren 1497 und 1498, als sie dem König Friedrich, dem Nachfolger Ferdinands II., die Hälfte ihrer Außenstände überließen, wogegen er das Verbot, ihre Immobilien zu verkaufen und ihre Äußenstände einzu-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.