Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1919)
- Date
- 1919-06-20
- Page
- Seite 269 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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wird. Ich würde es lebhaft bedauern, wenn durch eine erneute Polemik die an sich gespannte politische Situation unseres' Vaterlandes noch mehr belastet würde. Gez. Noske." Herr Noske sollte leine Bemühungen, die inner politische Situation zu entspannen, doch eigentlich mehr in'feinem Ressort als in Ratschlägen an den Eentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zum Ausdruck bringen. Es wäre Pflicht des Reichs-wehrm misters gewesen, dem Wortlaut seines Bescheides mindestens ein Wort des Bedauerns darüber hinzuzufügen, daß in dieser Veröffentlichung der Geist des finstersten Mittelalters spukt. * Der Antisemitismus im Reiche. Mit welchen Mitteln die Antisemiten arbeiten, beweisen Nachlebende Handzettel, die der „Deutsche Volksbnnd" in Dresden verbreitet: „fWi bringe Ihnen zur Kenntnis, daß die Entente, d. h. die internationalen Juden, eine Milliarde ausgeworlen haben, um unsere Friedensunterhändler. die nur Inden sind, für schimpflichen Mieden zu kaufen! So schrieb einer dieser Inden an seinen bier lebenden Sohn u. a.: „Und dann kann ich Dir die frendiae Mitteilung machen, daß ich über Nacht reich geworden bin (50)." Also für 50 Millionen hat das Schwein unser Land an die fremden Juden verkauft. Ich bringe weiter zur Kenntnis der deutschen Germanen, daß ein Deutschamerikaner, Martin F r i e d e n a n , der jahrelang gegen Ueberhebuna der Juden gekämpft und die „Arbeiterzeitung" herausgegeben hat. sich an die Juden (Alliance Jsraölite) für eine Hobe Summe Geld verkauft und unsere Bewegung verraten hat. Derselbe ist in voriger Woche vom Ausschluß der Germanen für vogelfrei und zum Tode verurteilt worden." — Die Behörden tüten gut, sich die Tätigkeit des „Deutschen Bol'ksbundes" einmal genauer zu betrachten. - fvn Tcfctpr Zeit niedren sich in München hetzerische Artikel in einem «nitisemitischen Wochenblatt und in zahlreichen Flugblättern gegen die Inden. D^e Tätigkeit der Antisemiten ist geeignet, ernste Bennrubianng der Bevölkerung und eine Art Pogromstimmung bervorzurufen. Das Ministerium des Innern macht deshalb in einer Verfügung mtf dieses Treiben aufmerksam und stellt scharfe Maßregeln gegen Zeitungen. die sich an der Indenhetze beteiligen, in Aussicht. Die n n t i f e in i t { i eb c e tz e in N ü r u b e r a nimmt iunuer ausfallendere Gestalt an. An jeder Straßenecke prangen Hinweise, mehr oder weniger deutlich im Ausdruck. die alte dem Ziele dienen, eine allgemeine Volksbewegung mit antisemitischer Tendenz hervorzuruseu. Wie gearbeitet wird, 'eigt folgender Aufruf, der überall an den Straßenecken, sogar in den Bedürfnisanstalten zu sehen ist: ..Ob. helfet doch mit Herz und Hand, daß Friede zieh' in unser Land! Klebt fleißig drum die Zettel an: Sittliche Pflicht jedes dentschblntiaen Christen? Warum eroberten die Inden trotz ihrer geringen Bevölkernngszisser die Bk acht auf der ganzen Welt? Weil sie einig waren und znsammenhielten in Lug und Trug gegen -die ganze anialänbige Christenheit, denn Einigkeit macht stark! Wir Deutsche waren uneinig, deshalb verloren' wir den Krieg und unsere Ehre. Der Jude hat «durch leine von ihm gekauften Zeitungen dafür gesorgt, daß wir heute das mißachtetste Volk aus Erden sind. Wer ist demnach unser ärgster Feind in der Maske des freundes und Führers? Nicht der Franzose, nicht der Engländer, nicht der Amerikaner, nicht der Italiener, nein, sondern einzig und allein für alle Zeit: der Jude! Deutsche Brüder! Seid einig! Dann Werbet ihr wieder stark und frei. Erfüllet deshalb die heute in unserer höchsten Not gebieterische und sittliche Pflicht jedes einzelnen: kauft nicht bei Juden! Nehmt keine jüdischen Äerzte! Lauft nicht zu indischen Rechtsanwälten! Verlangt jndenfreie Zeitungen! Nur dann werden wir frei, und unser wird der Sieg sein!" Die starke, durch die Revolution ausgelöste Bewegung im deutschen Volk soll aus die Mühlen der deutschnationalen Parteien geleitet werden, «damit wieder etwas mehr Schwung in den Betrieb kommt, der durch den Kriegsausgang. elend zusamin-engebrochen ist. Dazu scheint die Judenhetze das beste Mittel. Das deutsche Volk wird aber den Beweis dafür nicht schuldig bleiben, daß. das Mittelalter endgültig vorbei ist. Im „Bayerischen Kurier" Nr. 151 wird ein Brief aus der Rheinpfalz abgedruckt, in welchem die Leute, welche die Lostrcnnung der Pfalz bezwecken, bezeichnet werden als „Gesinnungslumpen. Kriegswucherer und Juden". Es sollen unter 21 Personen zwei Juden sein. Die Konfession der 19 Christen wird nicht bezeichnet. Das ist antisemitischer Stil. Bei den Vorgängen in Mainz und Wiesbaden ist kein Jude beteiligt. Warum wird dort die Konfession nicht bezeichnet? In Nr. 159 berichtet der „Bayerische -Kurier" aus Kaiserslautern vom 2. Juni: In den letzten Tagen setzte eine große Propaganda von gewiffen Kreisen (Kriegsgewinnler, Juden, Vaterlandsverräter) ein usw. Was haben die Nichtjuden für ein Bekenntnis? Da die Juden (zwei unter 21) besonders genannt sind, sind die Kriegsgewinnler und Vaterlandsverräter Katholiken und Protestanten. Diese Art Berichterstattung ist ungleich. In der preußischen Rheinprovinz stehen Katholiken an der Spitze der Bewegung. Schade, daß da nicht auch ein Jude dabei ist statt eines Geistlichen. Dann könnte man auch das auf die Juden schieben! Aus Frankfurt a. M. wird uns geschrieben: Antisemitische Plakate in bet Straßenbahn, die zum Boykott der Juden auffordern, haben hier großen Anstoß erregt. Es darf angenommen werden, daß die Anbringung dieser Plakate der Direktion unbekannt ist, jedoch ergibt die Pflicht, dafür zu sorgen daß derartiger zum Klassenhaß aufreizender Unfug in öffentlichen und städtischen Verkehrseinrichtungeu unterbleibt. Es erscheint nötig, sowohl das Personal der Balmhöfe als auch Schaffner und Aufsichtsbeamte anzuweisen, etwa vorhandene Plakate zu entfernen und Elemente, die auf frischer Tat beobachtet werden, an7 Grund bestehender Verkehrsbestimmungen zur Anzeige zu bringen. Wie wir erfahren, hat die Direktion der Straßenbahn bereits eine entsprechende Anweisung an ihre Angestellten erlassen. * Aus Wien wird der „Frankfurter Zeitung" berichtet: In der Nationalversammlung stand am 81. Mai die Vorlage betreffend die Wiederbesiedeluug belegter Bauerngüter zur Beratung. Diese enthält eiue Bestimmung, nach der bei der Enteignung in bezug auf Kauf oder Miete „deutsche Volksangehörige", die dauernden Aufenthalt in Deutsch-Oesterreich haben oder nehmen, gegenüber anderen den Vorzug genießen sollen. Gegen diese Bestimmung wurde von dem zionistischen Abgeordneten Einsprache erhoben und verlangt, daß auch den Juden Gelegenheit gegeben werde, sich der Landwirtschaft zu widrnen. Namens der Großdeutschen schilderte der Abgeordnete Stöcker an der Hand zahlreicher Beispiele das Trauerspiel der alpenländischen Bauern, das Verschwinden zahlreicher Bauerngemeinden der Alvenländer während der letzten Jahrzehnte und ihre Umbildung in Wildparke. Er wandte sich seinerseits entschieden dagegen, daß dem Judentum Gelegenheit gegeben werde, sich auch in der Landwirtschaft festzusetzen. Die umstrittene Bestimmung betreffend Abänderungsanträge wurde mit einer Stimme Mehrheit abgelehnt. Infolgedessen wollen die Tscherbostowaten in Dent'ch-Oesterreicb mit der Begründung, daß dieser ablehnende Beschluß eine Verletzung der gleichen nationalen und konfessionellen Rechte enthalte, Protest beim Völkerbund einlegen. * Die Korrespondenz „Bettelheim" in Budapest sendet uns folgenden DrahGericht: Volkskommissar Szamnely, der ans der Ukraine und Beßarabien am Sonnabend mittels eines Flugzeuges wieder in Budapest angelangt ist, berichtet haarsträubende Dinge über Bluttaten der Rumänen an Juden in der Ukraine und in Beßarabien. Durch einen unerwarteten Handstreich gelang es ihnen, viele Städte und Ortschaften, oft nur für Tage oder Stunden, in ihre Gewalt zu bekommen. Diese kürze Spanne nutzten sie aber zu Grausamkeiten aus, die alles Dagewesene in den Schatten stellten. Die nach Niederwerfung der Rumänen einziehende Note Garde fand alle Straßen und Häuser mit jüdischen Leichen überfüllt. In einzelnen Städten hatten sie Massengräber für 8—4000 Leichen zu graben. Der Progromfeldzug der Rumänen ging unter dem Zeichen des angeblichen Kampfes gegen den Bolschewismus vor sich. Im Moment hat die reguläre 'Ukrainische Armee die Oberhand und ist entschlossen, mit den rumänischen Mordbrennern gebührende Abrechnung zu halten. * 9icnc jnbenfeindliche Exzesse in Lemberg. K r a kau, im Juni. (Spezial be nicht d. K'. f. d. O.) In den letzten Tagen fanden in Lemberg neuerdings verschiedene lieber fälle