Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1919)
- Date
- 1919-06-20
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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268 bleiben in Versailles. Auf der Reise bereits wird die Nebersetzung der überreichten Schriftstücke beginnen. Vorbereitung der Zwangsmittel gegen Deutschland. Paris, 15. Juni. Ter O b e r st e B l o ck a d e r a t ist zusammengetreten, um die letzten Maßnahmen zu besprechen, die erforderlich würden, wenn Deutschland die F r i e d e n s b e d i n g n n g e n nicht unterzeichn e t. # Ein neuer jüdischer Protest gegen die Abtretung Oberschlestens an Polen. Aus Kattowitz wird uns geschrieben: Aus Anlaß der Anwesenheit englischer und amerikanischer Journalisten hielt Rabbiner Tr. Och s eine Ansprache, in der er die Stellungnahme der Juden zum oberschtesischen Problem darlegte: „Wir Juden Oberschlesiens haben bei dem Bekanntwerden der Friedensbedingungen die bitterste Enttäuschung erlebt. Wie ein wuchtiger Hanunerschlag wirkte auf uns die Nachricht, daß die Juden Oberschlesiens, die seelisch und wirtschaftlich mit Deutschland verwachsen sind, die in ihrem Tiefsten und Innersten deutsch denken und empfinden, die Jahrhunderte hindurch mir der deutschen Kultur verbunden sind, ohne gefragt zu werden, der Pogrom- und Raubpolitik Polens ausgeliefert werden sollen. Und von wein t Bon denselben Männern, welche immer als Judenfreunde galten und Judenfreunde waren. Wir tonnten es kaum fassen, daß nun dasselbe herMrreißende Schicksal, unter dem unsere Brüder in Polen und Galizien bisher gelitten halben, auch über -un» verhängt wird. Als neue Opfer sollen Tausende von jüdischen Familien i>eut polnischen Moloch zu geführt werden. Während für die ganze Welt eine neue Aera des Friedens und der Versöhnung beginnen sollte, fängt für uns Juden ein neues Nt ittelalter an mit seinen beiden unb Ntartern." * Ein antisemitisch verhetzender Werbeanfruf für eine Freiwilligenformation, bei der „weder Inden, noch Halbjuden, noch Ju'dengenossen Ausnahme finden", gab dem Verband der T e u tf d) e n Inden Anlaß, eine ihm zugehende Protesterklärung des V a t e r L ä n d i s ch e n B ü n d e s j ü >d i s ch e r F r o n t s o l d a t e n mit nachdrücklicher Unterstützung und dem Anträge ans Abstellung dem Reichswehrminister zu ilntevbreiten. Ter Aufruf hatte, unterzeichnet „Ausschuß für Volksansklärung. Josef Petzer, Johannes Potthoff", mit detn Zusatz: „Tie Genehmigung zur Werbung i)t uns vom Uriegsmmisterinm erteilt". Allsang Mai ein paar Tage ain Hauptpvrtal der Staatsbibliothek, Unter den Minden, geprangt. Tas Kriegsministerillm hat darauf dem Verbände die — auch dem Rektor der Universität mit der Bitte um Bekanntgabe gegebene — Erklärung zugehen kiffen, den Unterzeichnerll sei vom Kriogsininisterium eine Werbeerlaubnis n i ch t erteilt, im Gegenteil sei die Bewilligung von Mitteln für ein Werbebureau auf ein Gesuch Potthofsö avgetehnt worden, und „lvas ferner den Inhalt des Aufrufs betrifft, so k a n n es das Kriegs m i n i st e r i u m n u r aufs s ch ä r s st e mißbilligen, daß die Notlage des Vaterlandes im gegenwärtigen Zeitpunkte, in dem die Einigung des ganzen Volkes mehr als je das Gebot der Stunde ist, dazu benutzt wird, u m Teile der Bevölkerung gegeneinander auszuHetzen". * Das Verhältnis der „Deutschen Volksparter" und der „De u t s ch n a ti o na le n Volkspartei" zum Antisemitismus erhellen in unzweideutiger Weise zwei Antworten, die die Vorsitzenden der beiden Parteien auf die an sie gerichteten Anfragen erteilt haben. Die „Deutsche Voltspattei" lehnt den Antisemitismus mit vollster Entschiedenheit ab. Unter dem 3. April 1919 schreibt der Vorsitzende der Fraktion der „Deutschen Volkspartei" in der Nationalversammlung an den Gentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens: „Anläßlich Ihres an ein Mitglied unseres Vorstandes gerichteten Schreibens vom 21. v. M. nehme ich Veranlassung Ihnen mitzuteilen, daß die Deutsche Volkspartei den Antisemitismus in jeder Form ablehnt und bekämpft und jede Verallgemeinerung etwa in Einzelfällen berechtigter Vorwürfe gegen deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens als unsachlich und ungerecht verwirft. Mit vorzüglicher Hochachtung. Der Vorsitzende der Fraktion der Deutschen Volkspartei in der Nationalversammlung. Gez. Heinze." Einen ganz gegenteiligen Standpunkt nimmt die Deutschnationale Volkspartei ein, deren Vorsitzender, Staatsminister a. D. H e r g t, die an ihn gelangte Anfrage folgendermaßen beantwortet: „Als Vorsitzender des Hauptvorstandes der Deutschnationalen Volkspartei fühle ich mich außerstande, aus Anfragen wie die Ihrigen persönlich eine Antwort zu erteilen. Es Handels sich hierbei um eine Parteisrage von allergrößter Wichtigkeit, zu der vom Hauptvorstand als solchem oder, vielleicht noch wichtiger, vom Parteitag Stellung zu nehmen wäre. Sie haben den bisherigen Verhandlungen des Hauptvorstandes über die antisemitische Frage regelmäßig . beigewohnt und wissen über die Gründe, wegen deren das Programm sich auf die bezüglich der Konfessionen darin enthaltenen Punkte beschränken mußte, und über die Schwierigkeiten, zu einer präziseren Fassung zu kommen, genau Bescheid. Ich kann daher meine Verwunderung nicht unterdrücken, daß Sie gleichwohl aus eine gegenwärtig unmögliche Lösung der Frage etwa in Ihrem Sinne drängen. Viel richtiger würde es mir scheinen, wenn die Herren jüdischer Abstammung, die auf unserem Boden stehen und sich der Partei auch nach außen znrechnen, durch ihr Verhalten, durch ihre Propaganda und durch Opfer, die sie der Partei bringen, die von ihnen erstrebte Stellung in der Partei und die Sicherung ihrer Interessen bei derselben erkämpften. Es wäre mir erwünscht gewesen, wenn ich auch von Ihnen statt dev beiden Schreiben Beweise dafür erhalten hätte, daß Sie gleichfalls von der Wichtigkeit dieser Auffassung durchdrungen sind und sich entsprechend betätigen." Auch dieses Dokument ist von größtem .Interesse, weil es die ganze mittelalterliche Auffassung vom Echutzjlldontmn offenbart. Die Herren haben nichts gelernt und nichts vergessen. Erst zahle, Jude! Das andere wird sich dann - vielleicht - finden. Es wird schwer sein, den Herren, die auch im neuen Deutschland nichts gelernt und nichts vergessen haben, zu zeigen, daß ein anderer Wind im neuen Vaterlande wehen soll und wehen muß. * Uns wird geschrieben: Ter -antisemitische Ausfall des Generals v. W r i e s b e r g i m „M ilitürwo che nbla t t" hatte dem Eentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Veranlassung zu einer energischen Beschwerde an den Reichswehrminister Noske gegeben, auf welche Herr Noske unter dem 9. Mai folgenden Bescheid erteilt hat: „Auf Ihre Beschwerde vom 14. April über den Artikel des Generals v. Wriesberg im „Nrilitürwochenblatt" beehre ich mich folgendes zu erwidern: Ter Verfasser verfolgt die begreifliche Absicht, das Ossizierkorps in Schutz zu nehmen, das seit der Revolution über Gebühr und Gerechtigkeit angegriffen wird. Sie selbst geben zu, daß unter den Angreifern eine Anzahl Juden wäre. Gegen diesen Teil, nicht gegen die Gesamtheit wollte sich der General wenden. Tas Wort „Stamm" irr dem. Artikel ist 'bereits in dem Konzept des Generals in Teil umgeändert und in dieser Fassung auch einer Zeitung übergeben worden, während die an das „ Mi lit ä r w ochenblatt" gesandte Abschrift leider an dieser Stelle unverbessert blieb. Der General har das „NLititürwochenblatt" um Berichtigung ersucht. General v. Wriesberg bemerkt ausdrücklich, daß es sich hier mcht um einen Austrag alter Gegensätze Mischen Offizierskorps unv Judentum handelt, sondern um die Abwehr neuer Angriffe, un«e rch sie vorstehend erwähnt habe. Aus nationalen Gründen darf ich der Hoffnung Ausdruck geben, daß nach dieser Erklärung von einer weiteren Verfolgung der Angelegenheit Abstand genommen