Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1919)
- Date
- 1919-06-20
- Page
- Seite 267 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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267 — Es ist jedoch schwer änzunehmen, daß die Juden in Wirklichkeit die nationale Einheit der Polen zu stäven -beabsichtigten. In der Praxis würde sich die „nationale Autonomie" der Inden als die alte jüdische Gemeindeautonomie Herausstellen, nur unter neuer Firma, sie könnte höchstens die religiöse E i n h e i t d e r I u d e n gefährden; daß aber diese je von ihr einen solchen Gebrauch machen sollten, daß dadurch die nationale Einheit des Polenstaates in Gefahr käme, zertrümmert zu werden, können nur sehr naive Menschen annehmen. Nun werden Pogrome inszeniert, um eine Missetat zu -bestrafen, die in Zukunft vielleicht begangen werden könnte und von deren Wesen und Tragweite kein lebender Mensch eine Vorstellung hat! „Die Unruhen sind das unvermeidliche Resultat Ihrer antip-olnischen Politik." Das wird in der gesamten Ententepresse widerhallen und verständnisvollen 'Anklang finden. Da die Lembevger Juden antipolnische Politik getrieben haben, so geschah ihnen recht. Würden die deutschen Juden antideutsche, die französischen antifranzösische, die englischen antienglische, die amerikanischen antiamerikanische Politik getrieben haben, wären sie etwa straflos ausgegangen? So wird man sich in den Ententeländern fragen, und die polnischen Judenpogrome werden in einem sehr milden Lichte, vielleicht sogar gerechtfertigt erscheinen. Wer aber dieses Wort ganz und gar nicht verstehen wird, das sind die Lemberger und die anderen galizischen Juden. Die hingemordeten und verstümmelten Handwerker, Kleinkrämer und Händler im Lemberger Jnüenviertel sollen Politik und noch dazu antipolnische getrieben haben? Sie taten immer, was die hohe Obrigkeit von ihnen verlangte. Man rief sie zum Militärdienst, und sie gingen; man verlangte von ihnen Beiträge für die polnischen Legionäre, für die verwundeten Soldaten, und sie gaben, gaben mehr als andere. Sie waren Untertanen des Kaisers von Oesterreich, d e >r i h n e n st e t s nur Gutes erwies; als der Kaiser von Oesterreich sein Land an Polen abtrat, waren sie bereit, Untertanen des Polenstaates zu werden. Aber die polnischen Zeitungen, namentlich die Posengr Blätter, behaupten, daß zionistische Skribenten die-deutsche Regierung immerfort aufgefordert hättMl, sich der Juden in Polen gegen die polnische Nation zu bedienen, ihr „Jiddisch" zur . Bekäinpfung und Verdrängung der polnischen Sprache zu gebrauchen. Damit wurde der Haß geschürt und die Stimmung vorbereitet, die die Pogrome ermöglichten. 'Warum aber Hunderte von Juden in galizischen Städten hingeschlachtet. Tausende gepeinigt und ausgeplündert werden dürfen, zur Strafe für die Artikel, welche einige Journalisten in Berlin oder Frankfurt a. M. verbrochen haben, das ist eine Frage, die der Beantwortung harrt. Diese Frage sollten sich vor allen die englischen und amerikanischen Beschützer der Juden und ihre jüdischen Freunde vorlegen. Wir hören jeden Tag von einein neuen jüdischen intimen Freund WUsonS. Morgenthau, Elkus, Strauß, Brandeis, Stephan Wise, Richter Mack, Louis Marshall erfreuen sich, wie uns versichert wird, der herzlichen Freundschaft des Präsidenten der Vereinigten Staaten. Warum hat keiner dieser Herren seinen Einfluß -geltend gemacht, um den Pogromen in Polen Einhalt zu tun? Jener Professor Frankfurter, ebenfalls ein Intimus Wilsons, an den der famose Eurir Faissul den berühmten Brief geschrieben hat, der eine Verständigung herstellte zwischen den Arabern im Orient und den Inden, die erst dahin kommen sollen, hätte er nicht besser getan, sich um eine Verständigung zu bemühen, zwischen den Polen und den Juden, die seit Jahrhunderten im Lande wohnen? Sir Woche. Berlin, 16. Jutti. ie Ueberreichung der Alliiertenantwort auf die deutschen Gegenvorschläge, die Ende der vergangenen Woche erfolgen sollte, hat eine neue Verzögerung erfahren; sie soll auf die in letzter Minute erfolgte Einsprache Japans zurückzusüh^en sein. Nach dem „Corriere della Sera" dürfte die Antwort an die deutsche Delegation heute oder morgen, übergeben werden mit der gleichzeitigen Erklärung, daß dieser endgültige Vertrag binnen einer Woche ohne Diskussion angenommen oder zurückgewiesen werden müsse. Unmittelbar nach der Ueberreichung würde die Bekanntgabe des Textes durch die Presse erfolgen. Der Sonderberichterstatter des „Hamburger Fremdenblatts" drahtet demselben aus Versailles: Montag mittag wird übereinstimmenden Berichten der französischen Presse zufolge die Uebergabe der Ententeantwort erfolgen. In vier Punkten wird sie gegenüber dem ursprünglichen Friedensvertrag Erleichterungen bringen, indem folgende Zugeständnisse genannt werden: Volksabstimmung in OberMesien, Festsetzung der von Deutschland zu zahlenden Entschädigungssumme längstens in sechs Monaten, wozu noch kommt, daß Deutschland in der Entschädigungskommission einen Vertreter- Haben wird, der auf alle Entscheidungen Einfluß nehmen kann. Die Zulassung zum Völkerbund wird in Aussicht gestellt. Die Verwaltung des linken Rheinufers erfolgt nicht durch eine Militär-, foinhern durch eine Zivilbehörde. Das W. T. B. (Paris, 15. Juni) meldet: „Echo" glaubt bestätigen zu können, daß die Abänderungen felgendes betreffen: Die W.i ed e v g w t m a ch u n ,g : Deutschland wird eine viermouatige Frist eingeräumt, um den Alliierten Vorschläge sowohl über die Gesamtheit seiner Schuld wie über die Zahlung^weise unterbreiten zu können. Die p o l n i s ch e n G r e n z e n : Innerhalb sechs bis achtzehn Monaten wird in den an Polen abzutretenden Teilen Oberschlesiens eine Volksabstimmung stattfinden. Abmachungen über die Lieferung schlesischer Kohlen und ein finanzielles Abkommen ergänzen diese Festsetzungen. Schutz der d e u t s ch e n Minderheit e n in den Deutschland weggenommenen Landesteilen durch die Gesellschaft der Nationen. Festsetzung des Esfektivb e st a n d es de s d e u t s ch e n H e eres auf 200 000 Mann für drei Jahre. Das Berwaltungsregi m e des von den alliierten Truppen besetzten linken R h e i n u f e r s: Ein interalliierte r Z i v i l a u s s ch u tz wird eingesetzt, welchem alle bestehenden militärischen Ausschüsse untergeordnet sind. Falls Deutschland nicht unterzeichnet, soll der Vormarsch der alliierten Truppen nach Ablauf einer fünftägigen Frist beginnen. Das ist alles, wozu sich die Entente nach allerhand Kämpfen anfraffte. Ob dies ausreichen wird, um Deutschland zur Friodensunterzeichnnng zu bewegen? Wir glauben es nicht. In weiten Kreisen des deutschen Volkes ist die Ansicht vorherrschend, daß diese Aendernngen die Härte der Friedensbedingungen nicht -beseitigen, und daß auch ein, derartiger Friedensvertrag von der deutschen Dele-, gation, mag sie zusammengesetzt sein, wie sie will, nicht unterzeichnet werden wird. Letzte Nachrichten. Versailles, 16. Juni. Die Antwortnote der Entente ist dem Grafen Brockdorf-Rantzan mit W Uhr abends übergeben worden. Abreise Brockdorff-Rarrtzarrs von Paris. V e r s a i l l e s , 16. Juni. Dem Vernehmen nach wird G r a f B r o ck d or f f - N a n tz a u nach Empfang der Schriftstücke noch in der Nacht mit der eigentlichen Delegation nach Weimar a b - reisen, wo er morgen nachmittag ankommen dürfte. Die übrigen Friedensdelegierten werden nach Berlin reisen. Einige Kommissare