Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1919)
- Date
- 1919-06-20
- Page
- Seite 266 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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266 geratenen Länder einfach die V o gel fr e i h ei t, während sie unter der „Herrschaft der eben vernichteten Gewalt" bis auf die letzte Stunde sich voller menschlicher Sicherheit und Freiheit erfreuten! Genau achtTage, nachdem die „Warnung an die Polen" in die Welt hinausposaunt worden, zogen eben diese Polen in Lemberg ein. Wer wissen will, wie sie sich die Warnung Großbritanniens zu Herzen nahmen, der schlage das Buch von B e n d o w auf — - wenn er starke Nerven hat —, starke Nerven gehören nämlich dazu, auch in unserer Zeit, alle die Greuel nachzuerleben, die da in der unglücklichen Hauptstadt Galiziens verübt wurden, unter d e n A u g e n e i n e r Ente n t e - M i l i t ä r k o m m i s s i o n , 'die in 11 einem französischen Ober st e n an der Spitze in Lemberg weilte, verübt nicht von „Elementen der Unruhe", sondern von regulären Soldaten, die als „Befreier des Vaterlandes" unter Führung von zwei Generalen die Stadt „erobert" hatten. Ein Pogrom in Lemberg unter österreichischer Herrschaft war etwas Undenkbares. Galizien und seine Hauptstadt waren seit jeher die Zufluchtsstätte der russischen Pogromopfer gewesen. Die jetzt am schwärzesten sahen, befürchteten höchstens Schlägereien, die aber die Ortsbehörden rasch unterdrücken würden. Pogrome befürchtete man um so weniger, als ja die Entente das Protektorat über die g e s a m t e n I u d e n sozusagen o f s i z i e l l ü b e r n o m m e n hatte, und die Entente war ja mit den Polen ein Herz und eine Seele. Würde man es wagen, Judenmetzeleien anzurichten, während, die Herren Wilson, Balfour und Lloyd George wachten, die doch seit VA Jahren die Juden der ganzen Welt als Nation anerkannt hatten, dieser Nation die „historischen" Rechte ans Palästina zusprachen und ihr im Lande der Väter sogar einen eigenen Staat entrichteten? Man mußte das Lemberger Organ der Zionisten, das „Jüdische Tageblatt", lesen, um zu begreifen, daß die Juden sich bis zum letzten Moment in Sicherheit wiegten. Ta stand jeden Tag ein neuer herzerhebender Artikel zu lesen, in welchem das ewige Thema „Erez Israel dem jüdischen Volk!" in allen Tonarten variiert wurde. Die beseligenden Nachrichten, mit welchendas Stockholmer Jüdische Preßbureau des Herrn L. Ehasanowitsch und die verwandten Anstalten m Kopenhagen, den Haag und in Zürich seit mehr als zwei Jahren die gesamte jüdische Oeffentlichkeit überfluteten, wurden vom Lemberger „Jüdischen Tageblatt" gläubig nachgedruckt und versetzten die Juden in einen förmlichen Taumel. Das messianische Zeitalter schien herangebrochen. Bald hatte dieser, bald jener führende Staatsmann der Entente den Juden goldene Berge versprochen. Der jüdischen Nation wurde sogar die Aufnahme in den Völkerbund in Aussicht gestellt. Herr Wilson empfing jeden Tag einen anderen Führer der amerikanischen Juden und sprach in den liebenswürdigsten Worten zu ihm von der herrlichen Zukunft, die dem jüdischen Volke blühen würde. Er rüstete Expeditionen von Jüden nach allen Gegenden des Auslands, schrieb eine Menge Briefe an jüdische Komitees und Körperschaften. Desgleichen tat Herr Lansing, von den Herren Balfour und Lloyd George ganz zu schweigen. Wie hätte man da Pogrome fürchten sollen? In einem gewissen Sinne kamen die Pogrome aber nicht nur den Juden, sondern sogar den Polen selber überraschend. Sie suchten sich deswegen, nicht nur vor der Welt, sondern vor sich selber zu entschuldigen oder die Sache wenigstens zu erklären. Zuerst hieß es, der Zorn der Plünderer und Mordbrenner richtete sich gegen die jüdischen Lebensmittelwucherer und Preistreiber. Nur mutete es fast humoristisch an, als man in derselben Nummer des Krakauer „Czas" vom 23. November, die die Nachricht von der „Eroberung" Lembergs durch die polnischen Truppen brachte, die Notiz las: „Die polnische provisorische Regierung, hatte den Höchstpreis für Kartoffeln auf 35 Kronen für 100 Kilogramm festgesetzt. Zum gestrigen Markttag brachten die Bauern bedeutende Quantitäten Kartoffeln, verkauften sie aber zum Preise von 120 bis 130 Kronen für 100 Kilogramm. Das Publikum war gezwungen, diese Preise zu zahlen, da auf dem Markt kein Vertreter der Behörde zugegen war, itm die Ausbeuter zu zwingen, sich mit dem festgesetzten Preise zu begnügen!" Eine treffende Illustration zum j ü d i s ch e n Lebensmittelwucher, der in Strömen von Blut erstickt und mit dem Niederbrennen von 60 Judenhäusern 'bestraft werden urußte! Das ganze christliche Volk in den Städten wußte, daß die größten Lebensmittelwucherer, die alleinigen Preistreiber die Großgrundbesitzer und die Bauern waren. — Neuerdings ist man in Polen dazu übevgegangen, die Pogrome r eine Züchtigung für den Bolschewismus der Juden hinzustellen. Alle Juden, sind Bolschewisten, hallt es durch die ganze Welt. Eine gefährliche Anklage, die in der Schweiz und sogar in Spanien Anklang gefunden hat. Vordem galten die Juden als die typischen Vertreter des Kapitalismus; auf einmal stempelt man sie zu Vorkämpfern des extremsten Kommunismus, und um diesen auszurotten, werden in Wilna 02jährige Greise, Frauen und kleine Kinder hingeschlachtet, werden Millionen in Waren und barem Gelde geraubt, werden Synagogen eingeäschert und Thorarollen geschändet! . . . Aber am 21. Mai d. I. brachte das Stockholmer „Jüdische Preßbureau" des Herrn L. Ehasanowitsch folgende merkwürdige Depesche aus Paris: „Im Austrage der Delegierten des ^lmerikarnsch-jüdischen Kongresses hatte Nahum So ko low eine Unterredung mit der polnischen Delegation. Sokolow appellierte an die polnischen Führer, nichts zu unterlassen, mit den Pogromen Einhalt zu tun. Ein Mitglied der polnischen Delegation erwiderte hierauf: „Sie wünschten den Krieg und haben ihn; Sie suchten unsere nationale Einheit d u r ch I h r t nati v nalenF o r d e r u nge n z u st ö r e n; jetzt haben Sie das Resultat. Wir werden das, was in unseren Kräften liegt, tun, um Unruhen vorzubeugen, aber unglücklicherweise ist das nicht leicht. Die Unruhen find das unvermeidliche Resultat Ihrer a n t i p o l n i s ch e n Politik." Hier liegt der Hase im Pfeffer! Die Pogrome haben Zeinen ausgesprochen politischen Charakter und sind von einer bestimmten politischen Partei herbeigeführt und organisiert worden. Ich behalte mir vor, dies in anderem Zusammenhänge an Hand der Tatsachen eingehend und klar darzulegen. Allein diese gegen die Pogromopfer von den Polenführern m Paris erhobene Anklage, die offenbar darauf berechnet ist, die Juden vor der ganzen Welt anzuschwärzen und sie wie vorher des Bolschewismus jetzt >hochv er räter i f che,v Umt r i e de zu bezichtigen, muß näher untersucht werden. Was bedeuten die „nationalen Forderungen" der Juden, die angeblich die nationale Einheit des Polentums stören sollen? Gemeint kann offenbar nur die „nationale Autonomie" sein. Nun wird aber diese Forderung am heftigsten und nachdrücklichsten gerade von den Engländern und Amerikanern vertreten; die galizischen Juden waren mit der bürgerlichen Gleichberechtigung und der Autonomie der Kultusgemeinden, deren sie sich unter österreichischer Herrschaft erfreuten, vollkommen zufrieden. Die Massen der galizischen Juden haben keine Ahnung, was die „nationale Autonomie" eigentlich bedeutet; diese wird nur von einem geräuschvollen und betriebsamen Häuflein vorwiegend poale-zionistischer „Politiker" gefordert. Und auch diese sind bis auf den heutigen Tag nicht imstande, diese Forderung genauer zu präzisieren. Die Polen behaupten, daß die „nationale Autonomie" der Juden ihre, der Polen, „nationale Einheit" zu stören geeignet sei.