Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1919)
- Date
- 1919-06-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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63. Jahrgang. Nr. 25 Bettln, 20. Juni 1010 eilung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch» Handel oder die Post (in Berlin und vor» orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Die polnischen Indenpogroine. Von B i n j a m i n S c g c l. — D i e W v ch e. — Hachnassntp Kallcch. Von Bureanvorsteher Nathan Cohn (Charlotlenöurg). — Jüdische Oberlehrer in Preußen. Von M. G. — Die Juden aus dem Festlande Süditaliens. Von Professor Dr. E r m a n n o Loevinson (Rom). — Feuilleton: Der Spitteljude. Erzählung von Clemens Berg. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Halbe (Mark), Köln, München, Nürnberg, Frankfurt a. M., Mannheim, Heidelberg, Zürich, Den Haag. — Von Nah und Fern. Sir polnischen Judenpogrome. Von B i nja mi n Segel. fttin Meer von Milt hat sich über die Juden des neuerstandenen Polens ergossen. Seit dem Zusammenbruch der Zentralmächte und dem Zerfall Oesterreichs sind die Inden im dem ganzen ehemaligen Polenreich vogelsrei. Jin Mai vorigen Jahres hat eine kleine Judenhetze in K r a - kan stattgefunden, die sofort unterdrückt wurde: andere kleinere Unrlihen folgten, aber das waren nur Proben zn dem düsteren Tragödien^ nnd Sathrspiel, welches am 21. November 1918 in Leinberg anfing. Dieser Anfang allein dauerte drei Tage und drei Nächte; das war der schauerlichste Pogrom, der seit dem Jahre 1881 stattgefunden hat. Er überstieg alles, was je unter der Zarenknute auf diesem Gebiete geschah. Doch das Spiel dauert fort; auf eine unabsehbare Anzahl kleiner Szenen folgten die Hauptakte, P i n s k und Wilna, nnd das Spiel ist noch lange nicht zu Ende. Ueberall, wo die Polen als „Sieger" cinqiehen, richten sie Blutbäder unter den Juden an. In erster Reihe sind es Posener Truppen, Soldaten wie Unteroffiziere, welche sich über die Judenviertel hermachen. Greise, Frauen und Kinder inorden, Läden plündern und Häuser in Brand stecken. Die Ententeoffiziere, welche in großer Anzahl die polnischen Truppen begleiten und befehligen, wehren dem Treiben nicht; die Behörden sehen untätig zu, die Bürgerschaft protestiert hier und da, aber nur schwach, sie scheint selber >vie hypnotisiert zu sein. Zwei Bücher sind über den Lemberger und die anderen gälizischen Pogrome von November und Dezember 1918 erschienen: „Der Lemberger Judenpogrom" von Josef Bend o w (M. Hickls Verlag, Wien) und „Die polnischen Judenpogrome, Tatsachen und Dokumente" von L. Chasanow i t s ch (Verlag Judäa, Stockholm). Tatsachen und Dokumente enthält aber nur das erstgenannte Buch, welches Protokolle und Aussagen von Augenzeugen, genaue Zahlen, Daten und Namen bietet, wenn es auch nur einen ganz geringen Teil des Aktenmaterials wiedergibt, das sich in den Händen des Verfassers befindet. Das zweitgenannte Buch ist eine Sammlung von Zeitungsartikeln, die über die Pogrome erschienen sind, sowie eine Wiedergabe der Protestkundgebungen, die in verschiedenen Städten Europas von allerlei Körperschaften und bekannten Persönlichkeiten erhoben worden sind. Im wesentlichen stellt es sich dar als ein mühsamer Versuch, die Entente von jeder Verantwortlichkeit r e i n z u w a f ch e n. Die Entente/ insbesondere E n g - land, hat eine solche Reinwaschung dringend nötig. Die Tatsache laßt sich nämlich nicht wegleugnen, daß die polnischen Judenpogrome mit aller Macht ausgebrochen sind und den unerbittlichen Charakter angenommen haben, seitdem Polein ganz unter den Einfluß der Entente geraten ist und mit ihr ein förmliches Bündnis abgeschlossen hat. Seit damals ist der Pogrom in Polen eine dauernde Einrichtung geworden. Kein Mensch ist so naiv zu glauben, daß es nicht in der Gewalt Englands und Amerikas stand, die Pogrome iin Keime zu unterdrücken. Es ist ein starkes Stück, wenn Herr Chasanowitsch Mitte Dezember 1918 zu schreiben wagt: „Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß England, Amerika und Frankreich auf die Regierung und die führenden Kreise Polens einen starken diplomatischen Druck ausüben, damit sie weiteren Pogromen Vorbeugen." Was, seither bis auf Wilna geschehen ist, straft diese Behauptung Lüge n! Vergegenwärtigen wir uns doch die Tatsachen. Als die Amerikaner im Westen, siegreich waren, die Schale sich auf die Seite der Entente zu neigen und der Einfluß der Zentralmächte in Polen zu schwinden anfing, kamen vereinzelte Pogrome in Westgalizien vor, die aber jedem Kundigen wie Vorboten schwererer Ereignisse erscheinen mußten. Allein, England wachte. Am 15. November erließ das britische Foreign Office eine Erklärung, die durch das von demselben L. Chasanowitjsch imi Stockholm geleitete „Jüdische Preßbureau" und den verwandten Institutionen im Haag, in Kopenhagen und Zürich verbreitet und von der ganzen Presse als „W a r n u n g an d i e Polen" veröffentlicht wurde. Die Warnung klang wie frivoler Hohn! Es seien Gerüchte über Pogrome in verschiedenen polnischen Städten, sogar in Warschau, nach London gedrungen. „Die Gerüchte über die Pogrome in Warschau sollen geprüft werden. Solche Zwischenfälle können der englischen Regierung nicht gleichgültig sein, denn sie sind eine Ermutigung für die Elemente der Unordnung, welche das Leben jeder Bevölkerung zwischen Wolga und Rhein bedrohen." Das breite englische Herz umfaßt in warmer Liebe das größte Stück unseres Erdteils. Hier aber handelte es sich nicht um das Leben jeder Bevölkerung zwischen Wolga und Rhein, sondern um das Leben der jüdischen Bevölkerung in den ehemals österreichischen und russischen Gebieten Polens. „Der eben errungene Ententesieg wird von geringer Bedeutung sein", führt die „Warnung an die Polen" fort, „falls die Welt sehen müßte, daß die Herrschaft der eben vernichteten Gewalt in anderer Form wieder eingesetzt wird, die in nicht weniger abstoßendem Gegensatz zu den Prinzipien der Frecheit steht." Ach, der eben errungene Freiheitssieg bedeutet für die Juden der unter den Schutz der Entente