Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1919)
- Date
- 1919-06-13
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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-2 E. M. Berlin, 10. Juni. P r i v a t do zen t Dr. Harry Torczyuer, der ik-itc Lehrer an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, wird als Inhaber des „Moses-Mendelssohn- Lchrstuhls" ein Nachfolger des unvergeßlichen Steinthal werden. Seine Berufung nach Berlin bedeutet eine Bereicherung des jüdisch-wisseiischaftlichen Lebens der Neichshauptstadt. Sein Fortgehen wird in Wien sehr schmerzlich empfunden. Torczhners Abgang bedeutet in der Tat einen schweren Ber-tiist ftir die Wiener Universität, loeil er der einzige Vertreter der alttestamentarischen Wissenschaft in der ganzen ehemaligen Donaumonarchie war. Auch die Archäologie wird an der Wiener Universität nicht mehr vertreten sein, da Torczhner der einzige Lehrer dieser Disziplin dort war. Dr. Harry Torczyner hat mehrere Werke auf dem Gebiete der semitischen Sprlicf'1 oissenschaften geschrieben, von deinen besonders seine Arbeit „Die Entstehung des hebräischen Sp rachtyp ns" großes Aufsehen und allgemeine Beachtung hervorgerufen hat. Sein neuestes Werk behandelt das B'ch Hiob. Dr. Torczyner ist cutd} Begründer der jüdischen Schriftsteller- und Gelehrtengesellschaft Ha-Ruach in Wien. Die jüdische Wissenschaft dars von dem jungen Gelehrten in der Zukunft noch Bedeutendes erwarten. N8. Memel, 6. Juni. Am 30. v. M. begingen in voller Rüstigkeit Herr Stadtverordneter Joseph Abel mann und Frau Felicia geborene Kossowski das Fest der goldenen Hochzeit. Herr Abelmann wirkt seit nahezu 38 Jahren als Vorsteher der hiesiaen Kreis-Synagoaengemeinde, seine Frau ist lange Jahre Vorsitzende des Israelitischen Frauenvereins, und aus diesem Anlaß errichteten beide Körperschaften der Synaaogengemeinde auf den Namen des Jubelpaares eine 5000-Mark-Stiftung, deren Zinsen jährlich zu mildtätigen Zwecken verwendet werden sollen. Eine Abordnung des Vorstandes und der Repräsentanz, geführt von Herrn Kommerzicurat A l e r a n d e r , erschien als e r st e zur Gratulationscour und führte aus, daß die Verdienste des Jubelpaares um das Gedeihen und die Fortentwicklung der Synagogengemeinde unvergänglich seien. Es gratulierten auch die anderen jüdischen Institutionen. Wie groß aber die Wertschätzung des Goldpaares auch außerhalb des Kreifts unseres Gemeinwesens ist, beweist die weitere Folge der dargebrachten Ehrungen. Wir erwähnen besonders die kostbaren Blumenarrangements vom Magistrat und der Stadtverordnetenversammlung, als deren Vertreter Herr Oberbürgermcister Alte n b e r g und Herr Stadtverordnetenvorsteher Z i m ni e ck die Wünsche der Stadt persönlich überbrachten, und vom Vorsteheramt der Kaufmannschaft — dem Herr Abelmann angehört als dessen Vertreter die Herren Stadtrat Appelhag.en und Konsul G e r l a ch erschienen. Noch viele Notabeln der Gesellschaft bezeugten ihre Verehrung, und unter den herrlichen Blumengrüßen und wertvollen Festgaben, die das Jubiläumsheiin schmückten, ragten hervor zwei Palmeneinrichtungen von der Loge „Friedrich zur Gerechtigkeit", Berlin, und Loge ,,Memphis", hier; von letzterer erschien der Meister vom Stuhl, von dein gesamten Beamtenrat begleitet, und verkündete zu Ehren des heutigen Tages eine Spende der Loge zum wohltätigen Zweck. Frau Avelmann ist untere einzige Glaubensgenossin, die dem Vorstande des Vaterländischen Frauenvereins anaehört; der Gesamtvorstand des Vereins überbrachte die Glückwünsche und stattete Dank ab für die Schenkung des Jubelpaares anläßlich der heutigen Feier. In der gegenwärtigen schweren Zeit der Bedrängnis ist es eine wohltuende, lichte Ueberraschung. Beweise der Anerkennung für Ehrendienste zu erfahren, Zeichen des Einvernehmens und des Zusammenhaltens interkonfessioneller Art des Gemeinwohls und des Bürgersinns beobachten zu können. Wie manches viele Leid im« Kriege hat auch das harmonische, glückliche Leben des Jubelpaares eine schwere Trübung erfahren, ihr hoffnungsvoller, einziger Enkeliohn (junger Arzt, Sohn des Herrn Sanitätsrat D.r. Hurwitz) hat voriges Jahr den Heldentod im Westen erlitten. Möge ein holdes Geschick dem goldenen Brautpaare b-eschieden sein, ein Lebensabend hell und klar tan Kreise der Kinder. Danzig, 6. Juni. Der mannhnste Protest der westpreußischen Inden gegen die Angliederung ihrer Heimatprovinz an Polen hak die gesamte polnische Presse gegen die Juden in Harnisch gebracht. Die „Gazeta Gdansta" schreibt hierzu: Die Berössentlichung dieser jüdischen Kundgebung gab dem am 8. Mai tagenden Verein der polnischen Jungkanfmannschaft in Danzig den Anlaß, sich mit dem Standpunkte der Tanziger Juden gegenüber unserer Nation zu beschäftigen. Ilebereinstimmeud wurde sestgestellt, daß mit dem Judentum Danzigs und der Provinz, das mit einem solchen Hasse gegen uns Polen erfüllt ist, keine Verständigung zu erzielen ist (wörtlich: keine Eintracht sein kann). Auf Antrag eines der Mitglieder beschlossen die Zahlreich versammelte Jungkaufmannschaft und die Kaufleute, einstimmig folgende Erklärung zu veröffentlichen: Die jüdischen Gemeinden Danzigs und Westpreußens veröffentlichen in den Zeitungen einen Protest gegen die Zuteilung Danzigs und Mesrpreubens Zu Polen. Obgleich uns Polen der Mund geknebelt ist, erkennen wir jedermanns Recht an, seinen politischen Ueberzeugungen Ausdruck zu geben. Die jüdische Erklärung verkündet bewußte Unwahrheiten über den Standpunkt der Polen gegenüber den Juden. Die Wahrheit ist, daß die aus allen Ländern vertriebenen Juden einzig in Polen gastliche Aufnahme fanden. Diese neue jüdische Kundgebung bezeugt von neuem die schwarze jüdische Undankbarkeit und führt von neuem zu der Feststellung, daß die Juden sich als Feinde unseres Volkes fühlen. Wir richten auf dieses Moment die Aufmerksamkeit unserer Gemeinschaft und heben die brennendste Notwendigkeit hervor, in unseren Zukünftigen Beziehungen zu dem Judentum äußerst wachsam zu sein." Die Klugheit, mit der König Kasimir von Polen im vierzehnten Jahrhundert die Juden in sein Land zog, muß also immer noch die Jllden von der glühenden Liebe der Polen überzeugen. Alle Pogrome sind da wohl nur Mißverständnisse. M. Altona, 6. Juni. Herr Oberrabbiner D r. M. L e r n e r beging am 3. Siwan die Feier seines 25jährigen Amtsjubiläums in der Altonaer Gemeinde. Im Jahre 1894 wurde er zum Nachfolger des unvergeßlichen Oberrabbiners Dr. E. Löb fast einstimmig von der Gemeinde gewählt. Während seiner 25jährigen Amtstätigkeit hat er sich um die Entwickelung der Altonaer Gemeinde und der dem Oberrabbinat unterstehenden Gemeinden Schleswig-Holsteins große Verdienste erworben. Besonders hervorgehoben fei auch die segensvolle Tätigkeit des Jubilars während der Kriegsdauer, wo er geradezu ni^blldlick für die Verwundeten und Kriegsgefangenen sorgte. Oberrabbiner Dr. Lernen zählt heute zu den bedeutendsten Tatmudgelehrten Deutschlands; die von ihm verfaßten Werke und Schriften haben weit über die Altonaer Gemeinde hinaus berechtigte Anerkennung gefunden. Alle Kreise der Gemeinde wetteiferten, um den Ehrentag ihres geistlichen Oberhauptes festlich zu begehen. Die Hauptfeier fand in der altehrwürdigen Gemeindesynagoge statt. In dem festlich geschmückten Gotteshause hatten sich außer den Rabbinern und Vorstehern der Gemeinde auch die Rabbiner und Vorstandsmitglieder der Nachbargemeinden eingesunden, ferner Abordnungen der Gemeinden Schleswig-Hols(eins und eine große Anzahl von Ehrengästen. Die sämtlichen Plätze des Gotteshauses waren von Gemerudemitgliedern dicht gefüllt. Eingeleitet wurde die Feier mit dem Ehorgesang Mah tauwu; unter den Klängen des Boruch haboh (Psalm 118) wurde dann der Oberrabbiner von den Gemeindevertretern zu seinem Ehrenplatz geführt. Der Vorsitzende des Vorstandes hob in seiner Ansprache die Verdienste des Oberrabbiners um die Gemeinde hervor, er sei in die Fußtapfen seiner großen Vorgänger getreten, der Vorstand spreche ihm seinen! nnvergehtichen Dank für seine aufopfernde Tätigkeit innerhalb der Gemeinde aus. Rabbiner E. Duckest sprach die Glückwünsche der Rabbiner und der Gemeindemitglieder aus und schloß mit einem Gebet für das weitere Wohlergehen des Oberrabbiners und seiner Familie. Die Glückwünsche der Gemeinden Schleswig-Holsteins überbrachte Herr Rabbiner Dr. Bamberger (Wandsbek). Die Liebe und Verehrung habe sich der Jubilar in allen diesen Gemeinden erworben, die treu und fest zum geistlichen Oberhaupt stehen. Die Festrede hielt dann Herr Rabbiner Dr. Esra M u n k aus Berlin, der, anknüpfend an ein« Talmudwort, den Lebensgang des Jubilars schilderte, der sich nicht nur um die Altonaer Gemeinde, sondern um die gesamte Jüdenheit so große Verdienste erworben. Mit gerechtem Stolz feiere nicht nur die Gemeinde Altona, sondern die gesehestreue Jndenheit den Ehrentag des Jubilars. Möge es dem herrlichen Manne vergönnt sein, noch recht viele Jahre weiter so segensvoll zu wirken. In bescheidener Weise wies der Jubilar fcrie ihm gespendete Anerkennung zurück: nicht sein Verdienst sei es, wenn er sich die Zufriedenheit der Gemeinde erworben: was er erreicht, habe er der Mitarbeit der Rabbiner, der Vorsteher und der gesamten Gemeinde zu danken, die ihm während der verflossenen' 25 Jahre so treu zur Seite gestanden. In ergreifenden- Worten erflehte er vom Allmächtigen den Segen für di-e Gemeinde. Mit dein Hallelujah (Psalm 150) hatte die Fei.er ihr Ende erreicht. Der gesang-