Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-06-13 · Heft 24 (13.6.1919) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 24 (13.6.1919)
Date
1919-06-13
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229392-3229414--74949-3287428
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

83. Jahrgang. Nr. 24 Berlin, 13. Juni 1919 Der Gemeindetzote. Aiellsgr zur „Allgemeinen Leitun, deK Judentums". korrrspondrn?m und Sachrichtrn. Drutschland. E. M. Bevlin, 10. Juni. Am 25. v. M. fand -im Sitzungssaale der Nepräsentantenversammlung der Jüdischen, Gemeinde zu Berlin die konstituierende Sitzung des Vereins zur Gründung und Erhalt u n g einer Akademie für die Wissenschaft des Indent nms statt. Die Anregung zu dieser Gründung gab vor jetzt mehr als einem Jahre kurz vor seinem Tode der Philosoph Hermann E o h e n. Er wollte den vorhandenen Anstalten nicht eine neue Bildungs- und Lehrstätte hinzu fügen, sondern die wissenschaftliche Einzelarbeit in großzügiger Weise systematisch zusammenfügen. Der Plan wurde von einem Kreise interessierter Männer ausgenommen und in stiller persönlicher Werbearbeit so viel an Kapitalien und Beiträgen zusammengebracht, daß ein, wenn auch vorläufig nur kleiner Anfang der Arbeit gemacht werden kann. Es soll in allernächster Zeit ein Forschungsinstitut eröffnet werden, aus dem sich später die Akademie entwickeln soll. Der Verein bezweckt die weitere Aufbringung der Mittel, von deren Höhe die Verwirklichung des Akademiegedankens ganz wesentlich abhängig sein wird. In der konstituierenden Sitzung wurden der wissenschaftliche Vorstand des Forschungsinstituts sowie der Verlvaltungsrat und ein Ausschuß gewählt. Vertreter verschiedener jüdischi-wissenschaftlicher Anstalten und Verbände drückten der neuen Institution die besten Wünsche ihrer Organisationen aus. Nähere Mitteilungen werden an die Oeffentlichkeit gelangen, sobald die Arbeiten des Forschungsinstituts begonnen haben. Tie Geschäftsstelle des Vereins zur Gründung und Erhaltung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums befindet sich in Berlin, Kurfürstendamm 133. # Berlin, 10. Juni. Grundsätzli che Fragen der Schulpolitik einer jüdischen Grotzgemeinde behandelte die Repräsentantenversammlung unserer Gemeinde bei der Beratung des Schuletats für das Jahr 1919. Den Anlaß zu sehr interessanten Erörterungen über das Verhältnis der Gemeinderelilgionsichulen zu dem an den ösfentli-ckien Lehranstalten, besonders an den höheren Schulen eingerichteten Religionsunterricht bot der Umstand, daß die Zahl der Schüler und Schülerinnen der Gemeindereligionsschulen in steter Abnahme begriffen ist. Dieser Rückgang der Schülerzahl erklärt sich durch die steigende Einrichtung von Stationen für Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen. Professor Dr. Türk, ein bewährter Schulmann und langjähriges Mitglied des Schulvorstandes der Jüdischen Gemeinde, wies auf den Zwiespalt hin, der durch diese einstweilen noch notwendigen doppelten Einrichtungen für den Religiionsunterricht in das Schulwerk der Gemeinde getragen wird.. Es besteht die Gefahr, daß zwischen den Gemeindereligionsschulen und den Schulklassen der öffentlichen Schulen eine Art von Konkurrenz entsteht, der durch klare Richtlinien vorgebeugt werden sollte. Nach Auffassung des Referenten ist der Unterricht an den öffentlichen Lehranstalten dem Unterricht an den Religionsschulen vorzuziehen, da in den öffentlichen Schulen die Disziplin straff wird, das Schülermaterial gleichartiger und die Stellung des Kollegiums eine gefestigte ist. Es ist deshalb dringend notwendig, feste Richtlinien für die Schulpolitik der Gemeinde zu ziehen und sich klar iür die Förderung des Religionsunterrichts an den öffemlichLN Schulen zu entscheiden. Das Schülermaterial der Religionsschulen nimmt ja auch rapide ab. Professor Dr. Türk empfiehlt deshalb, die Religionsschulen mehr und mehr zu Spezialanstalten für hebräischen Unterricht umzuwandeln, um so den eigentlichen Religionsunterricht vom Sprachunterricht zu entlasten. Geheimrat Dr. Minden betonte ebenfalls den hohen erzieherischen Wert des Religionsunterrichts an den Profanschulen, der harmonische Wechselwirkungen zwischen der profanen und der religiösen Bildung verbürgt. Er möchte die Religionsschulen in Fortbildungsanstalten für religiöse Kenntnisse umwandeln, die ähnlich wie der Konfirmandenunterricht bei den christlichen Konfessionen der reiferen Jugend ein gediegenes religiöses Wissen vermitteln sollen. Den Standpunkt des Gemeindevorstandes präzisierte der Vorsitzende des Schul- .vorständes Amtsgerichtsrat Wolfs dahin, daß der Vorstand bestrebt ist, an möglichst vielen öffentlichen Schulen aller Art, also an höheren Schulen, Mittelschulen und Volksschulen, Religionsunterricht einzuführen. Der Vorstand beschäftigt sich seit Jahren eingehend mit der Frage des Ausgleiches unter beiden Systemen, die in ausführlichen Gutachten und Denkschriften behandelt wurden. — Eine Stellungnahme auf Grund des alten Materials und der neuen Erfahrungen soll demnächst erfolgen. E. M. Berlin, 10. Juni. D i e Zionistische Vereinigung für Deutschland hielt vom 26. bis 29. Mai in Berlin einen Delegiertentag ab, der ausschließlich Palästinafragen gewidmet war. lieber 200 Delegierte und zahlreiche Gäste nahmen an der im „Rheingold" abgehaltenen Tagung teil. Als Vorsitzender des Zionistischen Aktionskomitees eröffnete Prof. Dr. W a r b u r g die Tagung, und Vertreter der österreichischen und polnischen Zionisten und der „Poale Zion" begrüßten die Versammlung im Namen ihrer Körperschaften. Der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Dr. Hantke, hielt hierauf ein einleitendes politisches Referat, in welchem er den heutigen Stand der politischen Verhandlungen über ein jüdisches Palästina darlegte und die Aufgaben zeigte, die der zionistischen Organisation erwachsen. Unter stürmischer Zustimmung der Versammlung geißelte Dr. K lee (Berlin) die polnischen Pogrome. Den sachlichen Teil der Verhandlungen eröffnete Herr Woll st einer (Berlin) mit einein Referat über die Aufgaben des Jüdischen Nationalsonds, der dazu bestimmt ist, Grund und Boden in Palästina als unveräußerliches Eigentum des jüdischen Volkes zu erwerben. Die Einnahmen des Nationalfonds find in starkem Steigen begriffen. In Deutschland allein sind bisher im Jahre 1919 über 400 000 Mark gesammelt worden; das Gesamtresultat des Jahres 1918 ergab die stattliche Summe von 2243187,50 Franken. — Die Tagung brachte eine Reihe ausführlicher Referate der besten Palästinakenner, in welchen die verschiedenen Seiten der palästinensischen Kolonisation eingehend geschildert wurden. Einen wesentlichen Teil der Verhandlungen nahm die Aussprache über den sozialen Aufbau des jüdischen Palästinas ein. Hierauf referierte Herr Dr. S t e r n b e r g über. die Nationalisierung des Bodens und Rechtsanwalt Strauß über Kapital und Arbeit. In einem besonderen Referat wurden die Fragen der Finanzierung, der Kolonisation durch Redakteur Goslar besprochen. An sämtliche Referate schloß sich eine lebhafte und mit großem Interesse geführte Debatte. Hierbei zeigte es sich, daß über alle wesentlichen Fragen eineweitgehende Uebereinstimmung unter den deutschen Zionisten besteht. Wohl glauben die einen, daß das Land Palästina imstande sein wird, auch die größten Massen von Einwanderern aufnehmen zu können, während die große Mehrzahl, so vor allem der langjährige Leiter der zionistischen Kolonisationsarbeit, Dr. R u p p i n , eine regulierte Einwanderung fordert, die die Möglichkeit geben würde, im Laufe etwa e i n e s M e n s ch -e n a l t e r s zirka z w e i Millionen Ein w a n - derer nach Palästina zu bringen. Aber beide Anschauungen stimmten darin überein, daß die zionistische Leitung alles tun müßte, um eine möglichst große Einwanderung aufzunehmen, soweit die Fassungskraft des Landes es gestattet. Die von beiden Gruppen vor,gelegten Resolutionen stimmten innerlich überein. Neben dieser Frage konzentrierte sich das Interesse besonders auf die Frage des sozialen Aufbaues, wo ein Antrag der Sozialistischen Arbeitsgemeinschaft fast einstimmig angenommen wurde. Dieser Antrag fordert vor allem, daß der gesamte, in jüdischem Besitz befindliche Boden Eigentum des Volkes bleibt und in.der Form des Erbpachtrechtes abgegeben wird, daß die Naturschätze sowie du öffentlichen gemeinnützigen Anstalten, wie Gas^-, Wasser- und Elektrizitätswerke, Eigentum der Gesamtheit bleiben. Im übrigen treten die Anträge für weitgehende Arrwendungen des genossenschaftlichen Prinzips und für Gewinnbeteiligung der Arbeiter an den Unternehmungen ein. Der Delegiertentag fand seinen Abschluß in dem Beschluß, ein Palästinaamt der Zionistischen Vereinigung für Deutschland zu errichten, das die Arbeiten der deutschen Zionisten in bezug auf Palästina leiten wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.