Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1919)
- Date
- 1919-06-13
- Page
- Seite 263 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeit befiel ihn immer bas Leiden, dessentwegen er sich als Halbinvalide in das Spital hatte zurückziehen müssen: ein Heftiges Rheuma in den Füßen und arge Schmerzen im Rücken und in der Brust. Er leigte sich also ins Bott; starkes Schwitzen und die strenge Diät brachten ihn schnell wieder auf die Beine. Rach acht Tagen war er wieder so gesund wie ein Fisch im Wasser. Langeweile hatte er auch nicht gelitten; zu allen Tageszeiten waren die Brüder zu ihm heraufgekommen, zuerst mit einiger Scheu, denn die Eleganz der Plüschmobel verwirrte sie, sie wußten auch, daß der Josef sehr darauf hielt, und wagten daher nur sehr vorsichtig und auf Schutzdecken sich zu setzen, dann aber hatten sie sich, einer nach dorn anderen, so nebenbei an Schnaps und Zigarren des Joses gütlich getan, und schmunzelnd erzählten sie, wie der Vater Mutzel in seiner Kammer tobe und die lebensgefährlichsten Rachepläne gegen ihn schmiede. Paschke-Josef lachte darüber, es tat ihm ungemein wohl, daß die Besucher sich ihm alle freundlich bezeigten, seine schmucke Stube mit dem ansehnlichen Mobiliar bewunderten und in ihm offenbar so etwas wie „einen Staatsbürger höherer Ordnung" sahen. Als grundehrliche Haut, die er war, glaubte er wirklich, daß alle Artigkeiten, die man ihm erwies, seiner Person galten, und da er in seinem ganzen Leben nie nötig gehabt hatte, nach Vorteilen zu jagen oder sich gar zu Schmeichelei und Lobgehudel zu erniedrigen, wäre ihm nie der Gedanke gekommen, daß die Mehrzahl seiner Gäste es zumeist auf seine Gastfreiheit abgesehen hatten, mit der er fveundwillig von seinen Vorräten spendete, bis er endlich selbst mit gelindem Schrecken eine gehörige Abnahme seiner Rauch- und Magenschätze gewahr wurde. „Uebermorgen ist der erste Oktober", Röstete er sich, „da gibt es frische Füllung!" Aber da sollte er eine sehr unangenehme Ueberraschung erleben. Denn erstens schickte der Kompagnon nur den dritten Teil des sonst dem Josef Paschke gütig überwiesenen Quantums, „zunr Abgewöhnen", wie der Bote mit rätselvollem Lächeln sagte, und zweitens kam zum ersten Januar auf die sauber und sorgfältig geschriebene Gratulation des eremitierten Haushälters, Lagerhalters und Kutschers an die hochgeehrte Firma Fingerhut u. Comp, keine Antwort und auch zweitens und drittens und fernerhin kam nichts . . . Nichts . . . Nichts . . . Da regierte ein neuer Herr, der den Josef nicht kannte; das Geschäft war in andere Hände übergegangen. Die Gäste des braven Paschke verwunderten sich baß, als der guten Zigarren immer weniger und der feinen Liköre bald gar keine mehr zum Vorschein kamen, die Brüder begannen erst sacht über die mangelnde Robligkeit des Paschke zu murren, dann über seine Knausrigkeit offen zu schimpfen; als aber die Wahrheit an den Tag kam, hatte Josef gut versichern, daß die Fingerhuts doch gar nichts mit der Sache mehr zu tun hätten, daß sein alter, guter Herr leider längst tot und begraben sei, und die Firma jetzt von Fremden woitergeführt werde — es half dem Paschke alles nichts — das ganze Spittel wurde mit einem Schlage antisemitisch. Selbst der Bruder Martin, der bis dahin eine wohlwollende Neutralität bewahrt hatte, zumal er allein wußte, daß noch eine recht ansehnliche Flasche Sherry Brandy als eiserne Ration sich Zn dem bewußten Schrank aufhielt und sogar noch eine unentstegelte Bouteille Rotwein dort steckte, gab dem Josef den Rat, doch einmal nachzusorschen, ob sein verstorbener Herr das nicht mit dem Trink- und Rauchzeug als lebenslängliches Deputat für ihn im Testament festgemacht habe. Paschke-Josef bedankte sich für den guten Rat mit der Frage, ob der Bruder Martin verrückt wäre. Und daß nur eine ganz ausverschämte Schneiderseele auf solch einen frechen Gedanken kommen könne . . . Und so hatte sich Josef auch diesen letzten Freund verscherzt und schien nun verurteilt, seine Tage in Einsamkeit zu verbringen. Ließ eic sich zur Dämmerstunde im Hofe auf der Bank nieder, so wurde er höhnisch gefragt, ob ihn das Holz nicht drücke, auf seinen Plüschmöbeln säße er doch weicher .... Wurden die Feiertagsgelder oder gar eine Teuerungszulage ausgezahlt und Paschke kam, sich seine Quote abzuholen, so drang ihm. ein wie ein von Reinhardt sorgfältig elnstudiertes Volks» gemuvmel an die Ohren: „Leute, die so vornehm möbliert wohnen, brauchten doch die Bettelgelder nicht." Kurz und schlecht, alles, was da unter dem Spitaldach von Menschenruinen noch vegetierte, ächzte und krächzte, verjüngte sich sofort zu knabenhaftem Mutwillen, sobald es galt, dem Paschke- Josef, dem Gpittelsjuden, wie er allgemein hieß, einen boshaften Streich zu spielen. Er tat das Klügste: er schaffte sich eine rechte Elefantendickhaut an, blieb zumeist allein in seinem behaglichen Zimmer, das er sehr sauber hielt, und wenn er ausging, zum Aerger seiner Feinde sehr sorgfältig verschloß, und stellte sich, als merke er all diese Possen gar nicht, die gegen ihn im Gange waren. Ja, er brachte es fertig, ein freundliches, immer zufrieden scheinendes Gesicht aufzusetzen, was den ewig Wehe klagenden Chor der Greise noch mehr verdroß. Aber in seinem Innern war Paschke-Josef durchaus nicht so vergnügt. Er hätte nicht ein so guter, warmherziger Mensch sein müssen, wenn ihm nicht die offenen und versteckten Feindseligkeiten der Hausgenossen schwer gekränkt hätten — und er schämte sich oft für seine christlichen Mitmenschen, wenn er daran dachte, mit welcher Freundlichkeit, welcher gutmütigen Fürsorge er früher von seiner andersgläubigen Herrschaft und dem Personal behandelt worden war. Es hatte wohl oft, in den ersten Jahren seiner Dienstbarkeit, da der Herr noch jünger und temperamentvoller war, mal einen Anranzer gegeben, aber nie hatte er ein böses Wort gehört, geschweige, daß man ihm einen Schäden hätte zufügen wollen, wie der schändliche Mutzel, den er erst gestern dabei ertappt .hatte, als er ihm eine Schaufell Glasscherben vor die Tür gestreut. So dumm das war, so traurig war Paschke doch darüber. Das schlimmste aber waren die gehässigen Stichelreden des Mutzel über den Krieg. Der Mutzel las ein streng konservativ-antisemitisches Blatt. Das pflegte er täglich im Hofe auf der Bank aus der Rocktasche zu ziehen, die leider sich täglich mehrenden Ankündigungen von dem Heldentode junger Krieger laut vorzulesen und am Schluß bedeutsam den Kopf schüttelnd herausfordernd zu bemerken: „Man liest auch nicht einmal einen Judennamen drunter! Na ja! Man weiß schon wie das zugeht! Sie drücken sich eben alle!" „Das ist wieder mal dick gelogen", sagte Paschke ruhig. „Mein Herr Alex, unser junger Herr, steht in Frankreich als einfacher Muschko, und mein alter Herr Fingerhut hat „66" mitgemacht und „70" auch." „Ja, als Kriegslieferante vielleicht", lachte Mutzel hämisch. Schwapp, gab ihm Paschke eine hinter die Ohren, und die war nicht von schlechten Eltern. Auf das Gebrüll des Gezüchtigten kam der Inspektor hinzu. „Paschke", sagte der, nachdem er mit einigen kräftigen „Donnerwetter!" und „Maul halten, verflischtes Pack!" sich in dem Chor der racheschnaubenden Brüder Ruhe verschafft hätte, „Paschke, wenn Sie nicht Frieden halten können, so muß ich erwägen, wie ich Sie zu bestrafen habe .. ." „Ja, der Mutzel hat gesagt . . ." „Was hören Sie denn auf dem sein Gelaber", schrie ihn der Inspektor an. Das war ebenso grob wie vernünftig. Paschke sah sein Unrecht ein und räumte das Feld. Nun wollte er seinen Aerger wie einen bösen Dunst in frischer Luft verwittern lassen. Er machte einen Spaziergang ins Freie und schlug den Weg nach den Friedhöfen ein. Erst nach dem katholischen Kirchhof, wo feine vor fünfnnddreißig Jahren allzujung gestorbene, liebe Frau ruhte; da weinte er sich aus, ganz sacht, innerlich weinte er, denn er hatte mit