Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1919)
- Date
- 1919-06-13
- Page
- Seite 262 (sequence 10)
- Language
- German
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/ veranlagt, die neuen Christen über die Taufe zu halten und ihnen dadurch ihren Namen von altem, gutem Klang zu verleihen. So wurden im Jahve 1290 in Neapel ehemalige Juden mit den erlauchten Namen Caraffa, Minntolo und Cavracciolo vorstellig, die Synagoge in eine katholische Kirche umzuwandeln. Heutzutage ist man bescheidener geworden: man genügt sich damit, den eigenen jüdischen Namen mit denen der Aristokratie des Blutes auf einer und derselben Sammelliste für einen Kirchenbaufonds glänzen zu sehen! Was jedoch die llebergetretenen Von damals von den heutigen unterschied, war ihre ausgesprochene, von der Kirche mit allen Mitteln bekämpfte Neigung, heimlich zum Glauben ihrer Väter zurückzukehren. Uebrigens nahm unter den späteren Königen aus dem Hause Anjou die Judenpolitik wieder eine freundlichere Gestalt an, als nämlich die zunehmende Verarmung der israelitischen Gemeinden mehr und mehr einen ungünstigen Einslrrß auf die Staatssinanzen auszuüben begann. Ja, durch Johanna I., Ladislaus sowie Johanna II. wurden die Juden den Katholiken fast gleichgestellt. Man hatte sie oder vielmehr ihr bares Geld dringend nötig, um die schwere Finanzkrisis — denn eine solche war im 14. und 15. Jahrhundert über Südilüien hereingebrochen — zu überwinden. Nur die Juden im Lande zu -halten und womöglich noch auswärtige nach Süditalien zu locken, gestattete ihnen 1427 Johanna H. sogar bis zu 45 % Zinsen, eine Ziffer, bei der man sich stets die anormale wirtschaftliche Lage von damals gegenwärtig zu halten hat. Das führte dann allerdings wieder zu einer Reaktion, deren Haupt der berüchtigte Mönch Johann von Capistrano wurde. Ihm folgte 1438 Bernardino von Siena mit seinen Predigten in Aquila gegen den Judenwucher. Doch noch genügte die einfache Drohung der Juden, aus Süditalien auszuwaitdern, daß Johanna II. sowie Papst Martin V. sich ihrer annahmen- Die von den Mönchen betriebene Gründung von Leihhäusern hatte nur den Grsolg, die Notwendigkeit der jüdischen Gdldleiher noch klarer zu erweisen, da sich der Geschäftsbetrieb ersterer nur auf kleine Summen beschränkte. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, während in Mittel- und Westeuropa die Juden den wütendsten Verfolgungen ausgesetzt waren, nahm sie außer vielen Flüchtlingen anderer italienischM Staaten Ferdinand laus dem Hause Aragonien (1458—1494) in großer Anzahl und gastfreundlich im Königreich Neapel aus- Mit einiger Uebertreibung — denn man braucht nur an das spätere Holland zu denken — meint Ferorelli, die Juden hätten vor der großen Französischen Revolution nirgendwo so viel Freiheit genossen wie damals unter jenem -erleuchteten Herrscher- Nicht gering war jedenfalls die Anziehungskraft, welche das Königreich Neapel auch auf Juden aus deutschen Landen ausübte- Doch am stärksten war die Einwanderung aus Spanien, Sizilien und Sardinien. Aus diesen Ländern hatte sie bekanntlich Ferdinand der Katholische 1492 vertrieben- Der berühmteste dieser Flüchtlinge ist Isaak Abravanel, vordem Minister des Königs Mfons V. von Portugal, dann Schatzmeister Ferdinands und Jsabellas von Aragonien, bedeutend als Philosoph und Theologe. Später ward er einer der intimsten Freunde König Alfons H. lieber ihn, seine Familie sowie die von ihm betriebenen Geschäfte berichtet der Verfasser manches nach bisher unbenutzten Kamer-alakten. Infolge dieser starken Zuwanderung -breitete sich damals von den verschiedenen Judenvierteln Neapels besonders das bei Portanova aus. In dieser Stadtgegend -erinnert noch herite der nach dem hebräischen Wort für Schule Largo Mandracchio genannte Platz an jene Glanzzeit. Aber neben den vielen Wohlhabenden befanden sich unter den Flüchtlingen Arme und Kranke in nicht -geringer Zahl. Auch für sie wurde von dem freidenkenden Ferdinand I. von Neapel viel getan. Leider sind die von der Negierung des Königreichs in bert Häfen, -wo die Flüchtlinge landeten, a-ngefevtigt-en statistischen Uebersichten verlorengegangen- Auf Grund ihrer Steuerleistungen glaubt jedoch der Verfasser die Zahl der Einwanderer aus etwa 100 000, wovon die Hälfte aus dem Königreiche Spanien, berechnen zu können. Me Zahl der bereits vorher auf dem füditali-enischen Festland ansässigen Juden mochte ungefähr die Hälfte, also etwa 50 000, betragen haben. Was die von ihnen bewohnten Orts-chaften in dar zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts betrifft, so lassen sie sich in nicht weniger als 164 Nachweisen: -eine Ziffer, die natürlich unter der wirklichen bleibt. (Schluß folgt.) 5SS Srr SpjtteljuÄe. Erzählung von Clemens Berg. (Fortsetzung) ♦’ffr ennst du denn -alle Juden", fragte Martin ruhig, „daß du das so -behaupten kannst?" „Warum -kommt denn nicht unsereiner zu Geld?" begehrte Mutzel auf. „Ich habe doch auch ein Geschäft gehabt ..." „Das stimmt", bestätigte Paschke-Josef, der unerwartet im Hose, wo auf einer langen Bank die Spittelbrüder noch ein Weilchen vor dem Schlafengehen zu schwatzen liebten, ausgetaucht war und sich nun mit unverhohlener Angriffslust seinem Feinde gegennberstellte, „in der Muffelgasse hat er vor dreißig Jahren -mal eine kleine Quetsche gehabt, da hat er die Woche über ein Pfund Schmierseife und drei Heringe verkauft ... 's wär' ja vielleicht noch gegangen, wenn er ein bissel auf dem Damme -gewesen wäre — wenn's einer zu nischt bringt, dann schimpft er halt auf die Juden, das ist dann das Bequemste..." lachte Jos-ef. „Dein Herr Fingerhut," schrie Mutzel, blau vor Wut, „das war -mir der rechte . . . " Paschke-Josef krempelte die Hemdärmel auf, sprach aber noch ziemlich -gemessen: „Wenn -mein Herr Fingerhut -drei Viertel des Tages in der Kneipe gehockt und das -andere Viertel verschnarcht hätte, da wäre er hält ebenso -sicher pleite -gegangen wie du!" Darauf erfolgte eine Prügelei, wie sie in den, Räumen des Spittels nie vorher und nie nachher -wieder -gesehen wurde. Der Mutzel war auf Paschke-Josef losgestürzt und war ihm vernichtend in den noch ziemlich dichten Haarwuchs gefahren, Paschke aber hatte mit leichter Mühe seinen Gegner unter bekommen und ihn zuerst mit einer -gewissen eleganten Biedermannheit verhauen, -und er war -gerade willens, ihn wieder frei zu geben. „Jnd-e", schimpfte der Mutzel, der nun wieder zu Atem kam, „stinkiger Jude!" Das verstand der Josef falsch und schlag -los mit seinen derben -Hausknechtsfäusten, was sie -an Kraft hergaben, und als der Inspektor -und der sehr kräftige Hausdiener ihm endlich sein Opfer entrissen — die anderen Spittelbrüder waren alle m-uitig davongelaufen — schien von dem alten Mutzel kaum noch so viel übrig, daß -er noch einmal mit halb erstorbener Stimme „alter Jade" röcheln konnte. Nun riß dem Inspektor die Geduld: „Der Mutzel wie der Paschke haben von heute ab beide acht Tage lang Zimmerarrest bei Wasser und Brot!" kommandierte er, „wenn's noch mal vorkommt, werden sie beide auf die Straße geschmissen. Abgemacht sela!" Paschke-Josef ertrug seine Strafe mit Fassung und Geduld. Es war die ganze Woche lang sehr schlechtes Wetter; in solcher