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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-06-13 · Heft 24 (13.6.1919) · p. Seite 261

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 24 (13.6.1919)
Date
1919-06-13
Page
Seite 261 (sequence 9)
Language
German
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sei Sir Juden auf dem frftlanör Siiditalirns. Don Professor Dr. Ermanno L oev i nson (Rom), ährend die Geschichte der JudenSiziliens wiederholt zum Gegenstand eingehender Studien gemacht worden ift1), fehlte es bisher an einer genügenden Darstellung für die des neapolitanischen Festlandes. Wie. sehr jedoch der Gegenstand eine ausführliche Behandlung verlohnt, zeigt ein 1915 erschienenes Wert, dem sehr viel ungedrucktes Material, besonders aus den Staatsarchiven in Neapel und Mailand, als Unterlage dient2). Die ältesten jüdischen Ansiedlungen in Süditalien, von welchen wir sichere Kunde haben, bestanden bereits seit vorchristlicher Zeit in den beiden nicht weit von Neapel gelegenen Orten Pozzuoli und Pompeji. Gegen - Ende des vierten Jahrhunderts der üblichen Zeitrechnung waren sie besonders zahlreich und wohlhabend in Apulien und Kalabrien. Aber auch fast an allen anderen Orten Süditaliens gab es welche; so in der Heimat des Dichters Horaz, Venosa, wo die jüdischen Grabstätten von römischer Zeit bis ins sechste nachchristliche Jahrhundert hinabgehen, und in Neapel, wo wir ihnen zum erstenmal in eben diesem Jahrhundert begegnen, obwohl Israeliten sicher schon seit langer Zeit und in großer Zahl dort ansässig gewesen sind. Sklaven!- wie LebeNsmittelhandel war zum großen Teil in ihren Händen. Bei der Erstürmung Neapels durch die Byzantiner im Jahre 537 leisteten sie verzweifelte Gegenwehr. Hatten sie sich doch unter den arianischen Goten einer verhältnismäßig großen Toleranz erfreut! Ueber die schlimme Zeit vom siebenten bis elften Jahrhundert half ihnen ihre eifrige materielle und geistige Tätigkeit hinweg. Eine angesehene Stellung nahmen sie in den langobardischen Herzogtümern Benevent, Salerno und Capua ein. In Apulien und Kalabrien kam es im achten und neunten Jahrhundert sogar zu einer neuen Blüte der hebräischen Sprache und Kultur, während früher das Griechische und Lateinische von den Israeliten bevorzugt worden war. Der hervorragendste Vertreter der jüdischen Kultur Unteritaliens im zehnten Jahrhundert war der aus Oria gebürtige Arzt und Astrolog Donolo. Leider ist dem Verfasser die interessante Tatsache, daß am 13. IM 982 der Jude Kalonhmus nach der -Schlacht bei Cotvone dem Kaiser Otto IIsein Pferd zur Verfügung stellte ') Neuerdings besonders von dem gelehrten Bischof von Girgenti Bartolome» L-ag-umina, in Gemeinschaft mit seinem Bruder Giuseppe. 3) Satt. Nicola Ferorelli, Archivista de Stato, Gli Ebrei nell Italia Meridionale dall' etä romana al secolo XVIII. Edito a cura della rivista „II Vessillo Israelitico“, Torino 1915. und ihm auf diese Weise das Leben rette, Unbekannt geblieben; und zwar wohl darum, weil in lden gangbaren Darstellungen der deutschen Geschichte aus nationalistischen Gründen die 'unangenehme Tatsache, daß einem deutschen Kaiser durch einen Juden das Leben gerettet worden ist, mit Stillschweigen übergangen wird. In den Abruzzen, wo schon seit den ältesten Zeiten Judengemeinden existiert haben sollen, in Kampanien, Kalabrien sowie Apulien verbesserte sich ihre Lage wesentlich zur Zeit dev Normannen und Hohenstaufen- Doch überwiesen evstere den Bischöfen die Steuern der Juden und übertrugen ihnen hierdurch die Gerichtsbarkeit über sie. Als Benjamin von Tudela rat Jahre 1065 seine Glaubensgenossen besuchte, zählte er deren 600 in Salerno, 300 in Eapua, 200 in Benevent, 20 in Amalfi, 500 in Neapel. Für ihre guten Beziehungen zur katholischen Bevölkerung daselbst zeugt die gleichzeitige Benutzung eines Judenbades durch die Nonnen int Jahre 1282. Mehrere Judenquartiere und jüdische Friedhöfe zählte die Stadt. Ja, der letzte Hohenstaufe, Konradin, welcher am 29. Oktober 1286 in Neapel hingerichtet ward, ist, da sein Leib nicht in geweihter katholischer Erde ruhen durfte, auf dem der Richtstätte benachbarten jüdischen Friedhof Moricino beerdigt worden. Auch das wird übrigens in den meisten deutschen Darstellungen, um bei den Lesern keinen Anstoß ztt erregen-, verschwiegen! Von dem Hohenstaufen Kaiser Friedrich ll. begünstigt, scheint die Zahl der Juden in Neapel damals — bei einer Gesamteinwohnerzahl von 30 000 — auf anderthalbtausend gestiegen zu sein. Die Judenpolitik der beiden hohenstaufischen Kaiser Heinrich VI. und Friedrich II. war darauf gerichtet, die von ihnen auch sonst begünstigten Israelitenvon der bischöflichen Gerichtsbarkeit wieder zu befreien, um sie ausschließlich der königlichen zu unterstellen. Nicht wenig trug diese Geltendmachung des Staatsgedankens zu dem sich mehr und mehr entfesselnden Hasse der Geistlichkeit gegen die Hohenstaufen und Juden bei. Schon aus früheren Veröffentlichungen wissen wir, wie sehr jene die jüdische Wissenschaft förderten, und daß ihnen Kaiser Friedrich II. seit 1231 den unter den obwaltenden Umständen nicht zu hohen Zinssatz von 10% gestattete, wodurch sie sozusagen die offiziellen Bankiers -des Königreichs wunden. Da die neue Königsfamilie der Anjous durch die Gunst des Papstes den Thron von Neapel verlangt hatte, durfte und konnte sie sich der Tendenz des .Klerus, die Juden durch die Jnguisition zu Massenübertritten zu zwingen, nicht erwehren. Das Tragen des gelben Abzeichens wurde den Juden von neuem zur Pflicht gemacht, die Abtrünnigenerhielten Befreiung voin Judenzoll; und außerdem ward ein, man möchte sagen, des 20- Jahrhunderts würdiges Mittel -angewandt, um durch Nutzbarmachung der jüdischen Eitelkeit mehr Uebertritte zu erzielen: die katholischen Adelsfamilien wurden nämlich ”Art“ (Ludwigsbrücke, München). Pros. Hugo Kaufmann, Sculptor. .iWtzMW

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