Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1919)
- Date
- 1919-06-13
- Page
- Seite 259 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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259 Psychiater und psychiatrisch gebildete Pädagogen haben häufig auf den Mangel einer solchen Anstalt hingewiesen und nicht selten mit ansehen müssen, ohne helfen zu können, wie derartige Minder einem traurigen Schicksal entgegengingen. Doch weder die Gesellschaft noch die berufenen Staatseinrichtungen hatten für diese unglücklichen Kinder etwas übrig. Und doch sind diese Kinder bei zeitig eingreifender Behandlung für die Gesellschaft zu retten. Eine ihrem innersten Wesen angepaßte Behandlungsweise kann aber nur in einer Spezialanstalt stattfinden. Hier arbeiten Arzt und Pädagoge Hand in Hand. Die pädagogische Therapie muß aber stets die vorherrschende sein, wie auch nur der psychiatrisch gebildete Pädagoge der berufene Leiter einer solchen Anstalt ist- Der Arzt wirkt hier nur beratend, mitbestimmend und für die Behandlung Richtlinien gebend. Der ausschließlich maßgebende Faktor in der Behandlung bleibt einzig und allein der heilerzieherisch wirkende Pädagoge. Esist nun notwendig, bei dev Ueb-erweisung eines Kindes in ein Psychopathenheim sich vorher darüber Klarheit zu verschaffen, ob hier eine krankhafte seelische Veranlagung vorliegt oder ob es sich um eine moralische Verwahrlosung handelt- Die Feststellung ist mit erheblichen Schwierigkeiten verknüpft, und Psychiater und Heilpädagoge müssen auf Grund der ihnen zur Kenntnis zu bringenden Krankheitsgeschichte des Kindes, wie auch aller sonstigen in die Erscheinung getretenen und zur Bewertung des Krankheitsbildes notwendig anzugebenden charakteristischen Symptome ihr Urteil in gemeinsamer Prüfung zusammensassen und die Entscheidung treffen, wohin das Kind zu überweisen ist. Es ist hier auch festzustellen, ob es sich um eine psychopathische Konstitution mit Jntelligenzdefekt oder mit nur geringem oder ohne Jntelligenzdefekt handelt. Der gewöhnlichste Typus ist die psychopathische Konstitution ohne Jntelligenzdefekt. Seltener .findet sich die psychopathische Konstitution mit Jntelligenzdefekt. Nicht selten trifft man aber auch unter diesen Kindern hervorragende Fähigkeiten an, oft eine außerordentlich einseitige Begabung, so besonders für Musik, für Rechnen, überhaupt für Zahlen. Und doch sind diese Kinder für die Schule nicht geeignet- Wie sie die Sorgenkinder der Eltern, so sind sie die Schmerzenskinder der Lehrer, eine schwere Last und Qual für die Schule und eine Gefahr für ihre Mitschüler und Genossen. Immer und immer wieder ergibt sich die Notwendigkeit der Absonderung dieser mit ethischen Defekten belasteten Kinder von ihren normalen Mitschülern. Und diese Forderung ist nicht nur eine reinpädagogische, sondern auch eine tief-soziale. Ihre krankhafte seelische Veranlagung äußert sichin Willensschwäche, heftigem Stimmungswechsel, und ihre starken unbeherrschten Affekte lassen in ihnen gesellschastsfeindliche Neigungen zur Entwickelung gelangen. Sie sind voll von Grausamkeit gegen Tiere und Menschen, voll geheimer und offener Auflehnung gegen jede Autorität, stets geneigt, einen boshaften Streich auszuführen und mit Lüge und Heuchelei Verdacht auf Unschuldige zu lenken, voll hämischer Freude, wenn es ihnen gelingt, andere zum Bösen zu verführen und zum Häßlichen zu verleiten. Sie zeigen sich faul, lügnerisch, diebisch, naschhaft, voll böser, heimtückischer Gedanken, neigen zur Brandstiftung, erfreuen sich an der aufzüngelnden Flamme, und jede erzieherische Einwirkung ist meist ohne ernstlichen und nachhaltigen Erfolg. Gerade für den Erzieher ist weiter an diesen Kindern ein Gemisch von Lüge, Träumerei und Autosuggestion, die auf krankhaftem Boden erwachsenden „Phantasielügen" (Pseudologia phantastica) zu beobachten. Wir finden sie reizbar, launisch, sie übertreiben gern ihr Leiden, suchen sich interessant zu machen, bringen sich zu diesem Zwecke selbst Verletzungen bei und peinigen sich in der unglaublichsten Weise, treiben einen besonderen „Jch"-Kultus und können heute mit Schwärmerei, morgen mit tödlichem Hatz ihre Umgebung verfolgen. Wie sie auf der einen Seite willensschwach und energielos sind, sind sie auf der anderen Seite schlau und hartnäckig in der Verfolgung ihrer Pläne- Werden nun solche wie die hier geschilderten Erscheinungen an Kindern wahrgenommen und beobachtet, so ist genau seftzustellen, ob es sich um ethische Defekte handelt, die durch moralische Verwahrlosung hervorgerufen sind, oder ob hier ethische Defekte in Frage kommen, die in einer krankhaften seelischen Veranlagung des Kindes begründet sind. Im elfteren Falle ist Fürsorgeerziehung zu empfehlen, im letzteren die Ueberweisung in ein Heilerziehungsheim. Und hier ist die Möglichkeit, ja, die hinreichende Gewißheit gegeben, die antisozialen Neigungen dieser Kinder zurückzudrängen, die Kinder durch sachverständige Behandlung aus den rechten Weg zu leiten und sie so zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden- Es ist darum das Verdienst der Zentralwohlfahrtsstelle nicht hoch genug anzuschlagen, daß sie sich gerade besonders dieser Kinder angenommen hat, die einer Anstaltsbehandlung in hervorragender Weise bedürfen und die dadurch einem menschenwürdigen Dasein entgegengeführt werden. Es ist dies das erste jüdische Institut dieser Art, und es tritt nun in die Reihe der bereits bestehenden anderen jüdischen heilpädagogischen Institute. Dieses Heim für schwer erziehbare Knaben füllt tatsächlich eine Lücke aus in den Wohlfahrtsbestrebungen der deutschen Judenheit. Möge es wirken zum Wöhle der ihm anvertrauten Kinder, zum Nutzen der menschlichen Gesellschaft, zum Segen seiner Stifter und Förderer! I Krokrllor Hugo kaukmann. | m 14. Mai ist der Berliner Bildhauer Professor Hugo Kaufmann im -Alter von 51 Jahren plötzlich zu München verstorben: ein begabter Künstler der Münchener Schule, zu deren bekanntesten Vertretern er zählte. Seine Arbeiten auf dem Gebiete der großen Kunst wie der kleinen Plastik zeigen durchweg nichts von einer vorwärtsstürmcnden, bahnbrechenden Art, aber von einem ausgeglichenen, gut durchgobildeten Geschmack, der schöne Form mit solidem technischen Können zu geben wußte. Er war ein Schüler Rümanns an der Münchener Akademie. Die bekanntesten seiner größeren monumentalen Werke sind der Figurenschmuck am Einheitsdenkmal seiner Vaterstadt Frankfurtam Main, die graziöse Statue der „Kunst" (siehe Abbildung) auf der Münchener Ludwigsbrücke, der schöne Goldschmiedsbrunnen in Augsburg, eine nicht minder geschmackvolle Brunnenanlage (Samariterbrunnen) in Homburg. Von seiner fleißigen Hand stammen so manche fein empfundene Arbeiten -an modernen Bauten und Grabmälern Berlins, so am Brüdervereinshaus -in der Kursürstenstraße, an der Provinzial-Großloge der Hamburger Freimaurer in der Emser Straße, an der Deutschen Bank in der Mauerstraße, die Grabdenkmäler der Familien Minden und Sachs in Weißensee u. a. Bei dem Wettbewerb um ein Virchow-Denkmal in Berlin errang er den dritten Preis; hervorragend als Porträtplastiker vermochte er bei der Konkurrenz um das Eugen-Richter-Denkmal mit einem sehr gelungenen Kopf-entwurf sich an die zweite Stelle zu setzen. Eine besonders lebensvolle Büste des Heiligen Georg, eine Plastik aus verschiedenen Steinarten, von Kaufmann ziert die Berliner Nationalgalerie. Aber auch in kleinerer Figurenplastik und auf dem Felde der Medaille und Plakette hat Kaufmann manche reizvollen Stücke geschaffen. Ihn inspirierten zu künstlerischer Gestaltung große Zeitereignisse (Messina-