Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1919)
- Date
- 1919-06-13
- Page
- Seite 258 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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258 Schwerte Preiszugeben. Das einzige, -was das Direktorium getan hat, um das öffentliche Gewissen zu beruhigen, war ein offizielles Communiqu-e, das in demselben Geiste ab gefasst lvar. Die Regierung, hieß es darin, bedauere die stattgehabten Ereignisse, aber die jü d i f ch e Gesellschaft 11t ü f f e Maßregeln g e g e n ihre bolschewistischeu Elemente treffen. Die Pogrome in den anderen Orten. Die Pogrombewegung nahm immer weitere Dimensionen an, das ganze Gebiet der „ukrainischen Volksrepublik" überschwemmend. Die straflos ausgegangenen tapferen Hetmane Palienko, Asfher und viele andere, setzten ihren Kreuzzug durch die Städte und Flecken der „heimischen"' Ukraine fort, indem sie die jüdische Bevölkerung der Plünderung und dem Raube Preisgaben. Die vorliegenden Berichte sprechen von einer Reihe von Pogromen in Owrutsch, Dombrowitza, Wasfilkow, Bejelaja-Tscherkow, Fastowo, Gostomel, Stepanzh, Kornin, Roomdan, Jelisawetgrad u. a. In Owrutsch wurden den vom Jüdischen Rationalen Sekretariat erhaltenen Nachrichten zufolge über 50 Juden von den Truppen Petljuras erschossen. Demselben Schicksal verfielen die Juden in Romodan, wo sie ans dem Zuge herausgeholt und erbarmungslos niedergeschossen wurden. Mit dem Einzug der Petljuraschen Trirppen in Wassilkow, begann in der Stadt eine wahre Bacchanalie. Die in der Stadt verstreuten Kosaken begannen die Juden ohne Unterschied aus den Häusern hervorzuzerren und sofort zu erschießen. Privatbriefe berichten über ein entsetzliches Blutbad in Bjelaja-Tscherkow und Stepanzh. Wer alle diese Schrecken verblassen vor den Greueltaten, welche am 15. Februar Proskurow im Gouvernement Podolien zum Schauplatz hatten. Die Hilfsaktion. Das zu Beginn der Pogrome aus den Vertretern der politischen jüdischen Parteien und Organisationen gebildete Zentral-Hilfskomitee für die Pogromopser ist nach Kräften bemüht, Hilfe zu leisten. Bis jetzt hat das Komitee überwiesen: nach Owrutsch 90 000 Rllbel, Dombrowitza 25 000 Rubel, Schitomir 300 000 Rubel, Browarow 10 000 Rubel, Berditschew 100 000 Rubel. An die anderen von Pogromen betroffenen Ortschaften wurden gleichfalls Unterstützung ssunnnen überwiesen. Das Komitee mußte .aber in seiner letzten Plenarsitzung mit Bedauern konstatieren, daß die ihm zu Gebote stehenden Mittel unzulänglich seien im Vergleich zu dein kolossalen Umfang des Elends und der Armut, die in den geplünderten Ortschaften herrschen. Die vom Direktorium bewilligte Summe von eineinhalb Millionen Rubel ist schon fast ganz aufgebraucht. Der Zufluß von Mitteln aus anderen Stellen ist ganz gering. In Kiew wird eine „Pogronrwoche" organisiert, die der Hilfsaktion für die Pogromopfer gewidmet ist. Hilfe von außen ist dringend notwendig. # Die Judenverfolgungen in Polen. Offener Brief jüdischer Abgeordneter des Polnischen Landtages an Paderewski. Die jüdischnationalen Abgeordneten des Polnischen Landtages haben, da es ihnen nicht möglich ist, eine Interpellation einzubringen, einen offenen Brief an den Ministerpräsidenten Paderewski betreffend die antijüdische Hetze in Ostgalizieu gerichtet. In diesem Brief wird u. a. gesagt: „Den Pogromen in Kalusz, Busk, Stepnica und anderen Orten folgten Pogrome in Wilna, Lublin. Miechow und in ganz. Mittelgalizien, besonders in Rzeszow und Kolibuszowa. In der Armee unb in der Verwaltung wird eine unerhörte Judenhetze getrieben; es werden grundlos Revisionen in jüdischen Geschäften, Privathäusern, ja sogar in ganzen jüdischen Vierteln vorgenommen, wo die Juden ausgeraubt und ausgeplündert werden. In Litauen haben die Judenverfolgungen ungeheuerliche Formen angenommen. Juden werden ohne Untersuchung vor Gericht geschleppt und erschossen. Jede Truppenbewegung ttn Lande bekommen die Juden am eigenen Leibe zu spüren. Die Posener und Hallerschen Soldaten plagen, quälen und terrorisieren die Juden überall, wo sie ihnen begegnen, auf entsetzliche Weise. In den Hauptstädten Warschau und Lublin und allen anderen Orten, auf den Bahnhöfen und Eisenbahnzügen werde die Juden in bestialischer Weise mißhandelt. Das schändliche Bartabnehmen unter unsäglichen Oualen ist zu einer alltäglichen Erscheinung in Polen geworden. Dies alles geschieht am hellichten Tage unter den Augen der Behörden, welche diesem Treiben tatenlos gegenüberstehen. Jüdische Eisenbahner werden entlassen, jüdischen Händlern und Gewerbetreibenden werden die Konzessionen entzogen, jüdische Versammlungen nicht Zugelassen, über die jüdische Presse wird die Präventivzensur verhängt. Die jüdischnationalen Abgeordneten fordern den Ministerpräsidenten auf, eine klare und eindeutige Antwort zu erteilen, welche Maßnahmen er ergreifen wird, um endlich den Verfolgungen und dieser Entrechtung des polnischen Judentums ein Eude zu machen." * Eine Erklärung Wilsons über die Pogrome in Polen. Tie amtliche französische drahtlose Telographenageutur Lyon berichtet vom 27. Mai: Präsident Wilson empfing am 26. Mai nachmittags den Vorsitzenden des Pariser Komitees der jüdischen Nationalräte, Louis Marshall, der ihm einen ausführlichen telegraphischen Bericht über die jüdische AtassenProtestkundgebung gegen die Polnischen Pogrome, die in der Madison Square in New Fort stattgefnnden hat, erstattete. Wilson erklärte, daß er den Bericht gründlich studieren werde und daß er nicht eher die Verhandlungen mit Palderewski über die polnische Frage ausnehmen werde, bis die polnische Regierung über den Progromskandäl volle Aufklärung gegeben haben würde. * Alls New Pork wird gemeldet: Am 22. Mai fand in New Uork ein Trauertag aller Juden zu Ehren der Pogromopfer in Polen und Galizien statt. Alle jüdischen Geschäfte und Fabriken schlossen für einen halben Tag. In der ganzen Stadt fanden riesige Demonstrationen und Protestversainnilungen statt. Zil der Massenversammlung in Madison Square Garden um reu Richter Hughes, Herr M. Adoo (der Schwiegersohn Wilsons), Gouverneur Smith und andere hervorragende Persönlichkeiten als Redner angekündigt. Die jüdischen Soldaten und Matrosen der amerikanischen Armee veranstalteten einen Demollstrationszug über die Straßen New Korks und sandten scharfe Proteste gegen die polnischen Gräueltaten an die Friedenskonferenz. heim für schwer erziehbare Knaben. Von Direktor Bein (Beelitz), urch die Zeitungen geht die Mitteilung von der Gründung eines Heimes für schwer erziehbare Knaben. Als Gründerin dieses Heimes wird die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden genannt. Die Notwendigkeit der Errichtung eines solchen Heimes ist schon seit langem unbestritten. In der Literatur führen diese Jndividualitätserscheinungen, für die das Heim bestimmt ist, die Bezeichnung psychopathische Konstitutiv n. Unter psychopathischen Konstitutionen faßte man jene Gruppe von Kindern zusammen, die keine ausgeprägte Geisteskrankheit zeigen, die auch Schwachsinn im eigentlichen Sinne nicht besitzen, die vielmehr dadurch charakterisiert sind, daß sie Defekte auf dem Gebiete des Gefühls- und Willenslebens ausweisen. An dieser Art von Kindern sind die mannigfaltigen Bestrebungen der Jugendfürsorge bisher leider vorübergegangen. Es blieb stets schwierig, diese Kinder ihrer Eigenart entsprechend unterzubrtngen- Da es sich bei ihnen um eine ausgesprochene Geisteskrankheit nicht handelt, kann natürlich die Irrenanstalt für sie nicht in Frage kommen, auch die Schwachsinnigenanstalk ist für sie nicht der geeignete Platz, und ihre gemeinsame Unterbringung mit Schwachsinnigen führt erfahrungsgemäß zu schweren Mißständen; ebenso ist die Fürsorgeerziehungsanstalt zur Aufnahme der psychopathischen Konstitutionen nicht die geeignete Erziehungsstätte. In der Schwachsinnigenanstalt würde das Kind mangels geeigneten Unterrichts verkommen, in der Fürsorgeerziehungsanstalt im Verkehr mit moralisch verkommenen Kindern noch tiefer moralisch sinken. Es fehlte somit bisher an einem Bindeglied, an der Zwischenanstalt zwischen Schwachsinnigen- und Fürsorgeerzichungsanstalt, an dem sogenannten Heilerziehungsheim.