Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1919)
- Date
- 1919-06-13
- Page
- Seite 257 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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f bieten. Ganz gewiß war es also ein Konkurrent oder ein auf Plünderungen -ausgehendes Individuum, welches 'die Nachricht aus* sprengte. Nun ist Aehnliches in der Tschecho-Slowakei in .der letzten Zeit wiederholt geschehen, und das Freiheitsfest wurde mit Plünderungen jüdischer Geschäfte an vielen Orten begangen, wobei sich die Behörden immer als machtlos erwiesen, weil sie -ihre Macht nicht gebrauchen wollten. Es hatte den Anschein, als hätte die nationale Ehre, der Tschechen diese traurigen Erscheinungen wieder eingestellt. Aber nun kommt diese Nachricht aus demewigaufgeregten Prag, von seinem immer zu Skandalen aufgelegten Mob. Prag ist ein äußerst.gefährlicher Boden für die Juden. Die Geschichte erzählt uns, daß wiederholt dort Pa-u-schalv-erdächtiigungen die schrecklichsten Folgen nach sich zogen. Eine der größten Judenverfolgungen des Mittelalters wurde durch die Lüge verursacht, daß jüdische Kinder elnen vorübergehenden Geistlichen mit Sand beworfen hätten. Wir wollen hoffen, daß die Prager Machthaber von heute die im -Fall Klinger beleidigte Gerechtigkeit sühnen -und nicht dulden werden, daß schlafende Geister des Blutes wieder erwachen werden. Der Name Masaryk ist eine Bürgschaft un\> wird hoffentlich imstande sein, die neue tschechische Freiheit auch für die Juden in Geltung zu bringen. Tie Tschechen bezeichnen sich gern als Märtyreruation. Aus ihrer Erfahrung heraus sollten sie also nicht drüben. daß ihr Niob den unschuldigen Juden ein Märtyrertum bereite. * Die ungarischen Kommunisten beklagen sich über die Juden. Der ungarische Dolksbeau-stragte für Kultus und Unterricht, Sigmund Kunst, der nach dem Verschwinden des Präsidenten der jüdischen Kultusgemeinde Franz Mezeh auch die Agenden dieser Gemeinde versteht, äußerte sich einem Spezia-lkorres-pondent-en. der „Wiener Morgenpost" gegenüber u. a.: „Der Kommunismus verträgt sich nicht mit den Bestrebungen des jüdischen Nationalismus, da wir jeder nationalen Bewegung feindlich gesinnt sind. Wir lassen den Juden dieses „Spielzeug" mtt deshalb, weil sich diese in zweitausendjähriger Knechtschaft das Recht erworben haben, eine eigene Nationzu sein. Zuletzt werden sie sich doch assimilieren." Aus die Frage des Korrespondenten, roeshalb man die jüdischen Flüchtlinge so sehr verfolge, antwortete Kun-fi: „Die Juden selbst sinddaran schuld, weil sie sich nicht genügend der heiligen Sache des Kommunismus widmen, nur so mehr, als ihre große Intelligenz die Indenfür das Verbreiten der kommunistischen Ideen besonders geeignet macht." * lieber die Judenpogrome, die in den letzten Monaten in der Ukraine stattgefunden haben, ist dem Jüdischen Preßbureau in Stockholm aus zuverlässiger Quelle ein ausführlicher Bericht zugegangen, den wir nachstehend -auszugsweise Wied erg eb en: lieber die Ukraine fährt der Sturm der Pogrome einher, der die Städte und Ortschaften mit jüdischer Bevölkerung hinwegfegt, welche von den „republikanischen" Truppen den: Tode und der Vernichtung preisgegeben werden. Das Grauen und Entsetzen der Pogrome mit Hunderten von gemarterten und zu Krüppeln geschlagenen Juden, vergewaltigten Frauen, mit Tausenden von ruinierten Familien, hat das ganze Territorium der Ukraine -ersaßt, nördlich von Hömel und Bachmatsch, südlich bis Wannjarki und Proskurow. Ueberallher dringt zu uns Stöhnen und Wehklagen, von überall hört man Hilferufe, kommen schreck-enerreg-ende Mitteilungen über tierische Roheiten und Judenmetz-e'leien. Diese Schrecken müssen die Aufmerksamkeit der ganzen europäischen Gesellschaft auf sich lenken, von -der -wir wie onrch eine chinesische Mauer getrennt sind, müssen Empörung und Protest in den Ländern Westeuropas Hervorrufen, wo man nicht den geringsten Begriff hat von den aller Beschreibung spottenden tierischen Roheiten, die hier Vorgehen. Der erste Punkt, wo der Sturm der Pogrome in der Uktaine begann, war Schitomir. U-eber diesen Pogrom berichtete der Delegierte der Jüdischen Gemeinde von Schitomir, D. Lipetz, in einer in Kiew stattgefundenen Versammlung folgendes: „In den Annalen der jüdischen Pogrome wird der Pogrom von Schitomir eine der ersten Stellen einnehmen. Es genügt, wenn man sagt, daß der Pogrom von Schitomir im Jahre 1905 >im Vergleich zu dem jetzigen als ein Kinderspiel erscheint. Der Pogrom begann nach der Flucht der dortigen Bolschewiki, die vorher die Macht in der Stadt in Händen hatten. Desorganisierte Banden begannen die Stadt zu plündern. Gleichzeitig 287 -- rückten Miilitüra-bteilungen des sogenannten „TodesbataiÜons" („Kurenj Smerti") unter dem Befehl des Obersten Polienko ein — und der Pogrom nahm einen organisierten, planmäßigen Charakter an. Die Juden wurden in den Läden, öffentlichen Aemtern, auf den Straßen, auf dem Bahnhof sowie in den Wohnungen abgesangen, geprügelt und erschossen. Gleichzeitig ging eine planmäßige Plünderung vor. Die Haidamaken drangen in die jüdischen Wohnungen ein, und den Einwohnern wurden „Kontributionen" von 1000 bis 100 000 Rubel auferlegt. W-er kein bares Geld hatte, wurde gezwungen, Schecks zu unterzeichnen, Safes in den Banken zu öffnen, usw. War das Haupt des Hauses abwesend, so wurden Frau und Kinder als Geiseln genommen. Alle jüdischen Läden und Buden wurden vollständig .ausgeplündert. Unberührt blieben nur die christlichen Läden, ans denen Kreuze prangten und die Ueberschrift: „Das ist ein christlicher Laden." Der Pogrom dauerte fünf Tage. Die jüdische Bevölkerung der großen Gouvernementsstadt blieb brotlos. Keiner von den Räubern und Mördern wurde verhaftet und eine nach Abzug der Truppen zurückgehaltene Gruppe von Offizieren, direkten des Pogroms, wurde auf Befehl von Kiew sofort befreit. Die Anzahl der während des Pogroms in Schitomir Erschlagenen beläuft sich, nach ungenauen Angaben, auf siebzig; doppelt oder dreifach ist die Zahl derjenigen, die von Säbelhieben verwundet, angeschossen, mit dem Gewehrkolben geschlagen worden sind. Die Ereignisse von Schitomir pflanzten sich in die Nachbarstadt Berditschew fort, wo der Pogrom am 5. Januar begann und dasselbe Bild wie in Schitomir bot: zu den bewaffneten Banden gesellten sich die verbrecherischen Elemente des Ortes, die in die jüdischen Häuser leindrangen, raubten und mordeten. In Berditschew sind dreißig Tote registriert. In Angelegenheit der Pogrome von Schitomir und Berditschew begab sich eine Delegation, bestehend aus den Vertretern der jüdischen Gemeinden in Berditschew und Schitomir und den Vertretern der jüdischen politischen Parteien, zum Vorsitzenden des Direktoriums, Winnitschenko. Als sich die Delegation Winnitschenko vorstellte, war auch der Minister für jüdische Angelegenheiten Rewutski anwesend. Die Delegation erstattete ausführlichen Bericht über die Pogrome, an denen hauptsächlich die Truppen teilgenommen hatten. Besonders hatte sich darin das sogenannte „Todesbataillon" (Kurenj Smerti) ausgezeichnet. Die Delegation stellte folgende Forderungen: 1. Sofort eine Untersuchungskommission mit weit gehend er Vollmacht zu bilden zur Untersuchung der stattgehabten Pogrome und um die Schuldigen dem Gericht zu übergeben, wobei Vertreter der öffentlichen Organisationen im der Kom-mission teilnehmen müssen; 2. Ersatz der durch den Pogrom verursachten Verluste der Juden aus Staatsmitteln; 3. der Presse volle Freiheit zu gestatten, die Bevölkerung über die Pogrome zu informieren und die entsetzlichen Ereignisse nicht, tute das bisher praktiziert worden war, als Staatsgeheimnis zu behandeln. Eine klare Antwort erhielt die Delegation nur aus die erste Frage: eine Untersuchungskommissiolr werde eingesetzt werden und bald an die Arbeit gehen. Das Direktorium wies eineinhalb Millionen Rubel zur Unterstützung der Pogromopser an. Bezüglich der Presse sagte Winnitschenko, daß, -ehe ein wahres Bild der Pogrome vorliege, es sich nicht empfehle, die Presse über die Pogromereignisse schreiben zu lassen. Zum Schluß.wies Winnitschenko die Delegation darauf hin, daß die jüdische Gesellschaft energische Maßregeln g e gen die ana r ch i sti s ch - bo l sch e w i st t s ch e n Elemente unter den Juden ergreifen, müsse. — Die Zensur fährt unerbittlich fort, jede Pressemeldung über die Pogrome oder selbst jede Anspielung auf sie zu unterdrücken. Hierbei ist folgender Inzident sehr bezeichnend: In Kiew wurde ein Pogrom befürchtet it-nb eine Delegation der Stadtduma suchte Winnitschenko aus, um von ihm Maßnahmen zur Vorbeugung des Pogroms zu verlangen. Winnitschenko sagte hierbei, daß es dem Direktorium bekannt sei, daß in Schitomir und Berditschew die Truppen an den Pogromen teigenommen hätten, aber die Schuldigen seien streng bestraft -worden. (Was keineswegs zutrifft.) Die Veröffentlichung dieser offiziellen Erklärung wurde der Presse von der Zensur nicht gestattet. Die obenerwähnte Untersuchungskommission schritt einen ganzen Monat lang nicht an die Ausführung ihrer Aufgabe, obwohl die Anstifter des Pogroms allen, auch dem Direktorium, bekannt waren. Die Urheber aber und die direkten Teilnehmer der Pogrome setzten ihre „hochpatriotische" Tätigkeit fort die Städte und Flecken der vom Mischen Blute triefenden Ukraine dem Feuer und