Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1919)
- Date
- 1919-06-13
- Page
- Seite 256 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ö56 fünf Tagen zur Zustimmung zum Friedensvertrage oder zur Weigerung. Man sieht jedoch nicht ein, welches Interesse die Deutschen an einer Weigerung der Unterzeichnung haben, für welche übrigens alle Maßnahmen von der Obersten Heeresleitung und von Marschall Foch ins Auge gefaßt sind. Die „München-Augsburger Abendzeitung" gibt ein Berliner Privattelegramm wieder, wonach Clemenceau den französischen Arbeiterführern erklärt habe, daß die deutschen Kriegsgefangenen sofort nach Unterzeichnung des Friedensvertrages heimbefördert werden. Frankreich beabsichtige .keinesfalls, ein§ neue Form der Sklaverei einzuführen. W Die oberschlefischerr Juden an den Viererrat. Aus Breslau wird uns geschrieben: Der Staatskommissar H ö r f i n g hat, wie die Preßstelle des Staatskommissariats für Schlesien mitteilt, an den Reichspräsidenten Scheidemann in Berlin nachstehendes, soeben eingegangenes Telegramm weitergegeben mit der Bitte, es durch Funkspruch an den Viererrat in Paris weiterreichen zu wollen: „An den Biererrat in Paris. Trotz des Entrüstungsschreis aller Kulturnationen nehmen die Iudenpo g r o m e nicht ab. Sie dehnen sich im Gegenteil weiter und weiter aus und haben auch den gesamten polnischen Gren-zbezirk erfaßt. Das entsetzliche Leid der Gequälten und Mißhandelten, der Jammer der Vernichtung dringt aus Czenstochau, Oswieeim und Ehrecanow zu uns, den b e n a ch barte n deutschen G e - m ei n'd-e n, herüber. Wir bitten daher den Rat der Alliierten, alles zu tun, damit diese unerhörten, ständig, wachsenden barbarischen Greuel ein Emde nehmen. Die gesamte Judenheit Oberschlesiens bittet ferner, sie nicht durch Losreißung vonDeutschland der Gefahr gleichen qualvollen Elends, gleicher unsagbarer Folter und gleicher unmenschlicher Vernichtung preiszugeben und ihren schmerzvollen Wehruf zu hören. Der Verband der Shnagogengenreinde des Regierungsbezirks Oppeln. Der Verband der Rabbiner Oberschlesiens. Justizrat B e r g e r. Dr. Ky r f st e i n." * Die Feme de? Daleg. Diese Unterschrift, unter der sich noch ein germanisches Hakenkreuz befindet, trägt ein Aufruf an die Reichsregierung, der in diesen Tagen an den Leipziger Plakatsäulen zu lesen war. Der Aufruf kritisiert die maßlosen Friedensbedingungen unserer Feinde und fährt dann fort: „Wird die Reichsregierung alle Daterlandsgetreuen aufrufen, wieder zu den Waffen zu greifen und die deutsche Wildheit zu entflammen? Sie kann es, wenn sie die Bürgschaft übernimmt, daß die Kämpfer nicht abermals schnöde und gemein ausgebeutet werden. Den jüdischen Schleichhändlern und Lebensmittelschiebern, Lederfabrikanten, Zeitungsinhabern, Universitätsprofessoren, Anwälten, Aerzten usw. muß das schimpfliche Handwerk gelegt werden; sie müssen unschädlich gemacht und die Verwaltung aller Angelegenheiten deutschen Händlern anvertraut werden. Abschüttelung der Knechtschaft der äußeren Feinde! Niederzwingung der Fremdherrschaft im Innern! Das internationale Judentum darf nicht länger die Völker in das Joch des Kapitalismus zwingen." Wer hinter dieser geheimnisvollen „Feme der Daleg" steckt, ist aus dem Plakat nicht zu erschen. Sie erinnert verdächtig an die „Schwarze Hand", mit der unreife Köpfe, in denen die Lektüre von Schauergeschichten Unheil angerichtet hat, zu prahlen lieben. Jedenfalls ist es ein öffentlicher Unfug, der hier verübt wird, und diese Wochen, die über das Schicksal des deutschen Volkes entscheiden werden, sind viel zu ernst, als daß irgendwer, der nur die Druckkosten eines Plakates bezahlen kann, direkt oder mittelbar auffordern darf, die Waffen von neuem zu ergreifen. Da wir keine Waffen mehr haben und auch keine Munition, sind solche Aufrufe nichts werter als Prahlereien eines unverantwortlichen Kraftmeiertums und verfolgen lediglich den Zweck, in unverschämter Weife gegen die Juden zu hetzen und den Frieden im Innern zu stören. * Antisemitische Hetze. Die „Königsberger Hartungsche Zeitung" vom 30. Mai schreibt: In einer Besprechung!, die mit Mittwochabend', vom, Reichskommissar Winnig veranlaßt, zwischen den Vertretern der Parteien und der Presse über die politische Lage gepflogen wurde, wurde vom Reichskommissar wie von den Vertretern der Parteien und der Parteipresse besonders betont, daß die Zeit nicht dazu angetan ist, parteipolitische Zwistigkeiten auszusechten, daß vielmehr eine völlige Geschlossenheit unseres Volkes notwendig sei, wenn wir die furchtbare Krisis, in der sich unser Bolk befindet, überstehen und den Feinden gegenüber erfolgreich für die Lebensinteressen unseres Volkes eintreten wollen. Der „Burgfriede" aber, zu dem die Königsberger Parteivertreter sich bekannten, wird aufs äußerste durch die antisemitische Hetze beeinträchtigt, die Abgeordneter Bartschat recht treffend bereits in der öffentlichen Protestversammlung gegen die Zerstückelung Deutschlands in der Börse am 19. Mai charakterisierte. So wenig wir mit den Bestrebungen der Spartacisten und Unabhängigen sympathisieren, so mutz doch das Flugblatt, das die Juden für alle Schäden der Revolution verantwortlich macht, mit aller Entschiedenheit'zurückgewiesen werden. Was in dem „Führer der Revolution" überschriebenen Flugblatt an antisemitischer Hetze geleistet wird, übersteigt alles Maß des Erträglichen. Dabei kommt es den Pogrvmhetzern gar nicht darauf an, uw den hetzerischen Zweck zu erreichen, auch Leute wie Toller (Freiherr v. Toller) den Juden zuzurechnen und die Lüge zu verbreiten, die jüdische Kultusgemeinde habe für die' Spartacisten eine Million Mark gestiftet. Durch solche Verhetzung, die sich an die schlimmsten Instinkte einer urteilslosen Menge wendet, wird der schwerste Schaden angerichtet, und es werden Teile unseres Volkes aus dem geschlossenen Volksverbande gedrängt, die sicherlich in ihrer großen Mehrheit für das Deutschtum und Deutschlands Lebensinteresse mit aller Entschiedenheit eintreten und die sich als Teil der großen deutschen Gesamtheit fühlen. Kein Wort der Verurteilung kann gegenüber einem solchen Vorgehen scharf genug sein, und die Parteien haben alle Ursache, von den Hetzern entschieden abzurücken. W Die Sabbatruhe im deutschen Völkerbund-Entwurf. Dem deutschen Entwurf zur Organisation eines wahrhaften Menschheitsbun'des der Nationen ist als besondere Anlage ein internationales „Abkommen über Arbeiterrecht" beigegeben. In Artikel 4 dieses Abkommens wird folgendes bestimmt: „ . . . Auch soll dafür Sorge getragen werden, daß allen Arbeitern wöchentlich, und zwar in der Zeit von Sonnabend bis Montag, eine zusammenhängende Ruhepause von mindestens 32 Stunden gewährt wird, wenn nicht im Interesse der Allgemeinheit die Verlegung dieser Ruhepause auf einen Wochentag durch das Gesetz ausdrücklich gestattet ist." Alsdann heißt es: „In Ländern, in denen allgemein oder für bestimmte Teile der Bevölkerung ein anderer Tag der Woche als Ruhetag üblich ist, tritt für die im vorstehenden vorgesehene Arbeitsruhe an Stelle des Sonntags dieser Ruhetag." * „Dr. Blochs Wochenschrift" 'entnehmen wir folgende Notiz: Eine entsetzliche Nachricht kommt -aus Prag. Dort hat die aufgeregte Menge das Ehepaar Klinger gelyncht, welches in seinem Geschäft in einer Vorstadt die -tschechische Nation beleidigt haben soll. Wie nicht anders zu .erwarten war, erwies sich die Polizei 'gegen die .aufgeregte Menge als machtlos, und nachmittags mußte eine Abteilung Legionäre ausgeboten werden, um den aus Taufende von Köpfen vermehrten^ Mob i.m Zaume zu halten. Die Verleumdung des Ehepaars liegt auf der Hand. Sie werden sich wohl hüten, in ihrem Laden der tschechischen Nation Trotz zu