Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1919)
- Date
- 1919-06-13
- Page
- Seite 255 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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855 Handhabung erheischen. Auch dieser Unterricht soll Religionsunterricht sein, aber nur im weiteren Sinne des Wortes. Und wenn in der jüdischen Geschichte der Pragmatismus der Ereignisse viel deutlicher hervortritt wie in der biblischen Geschichte, insofern wir hier den Zusammenhang von Ursache und Wirkung in voller Klarheit zu erkennen vermögen, so zeigt sich in diesem natürlichen geschichtlichen Verlauf die wqltende Vorsehung in ebenso überwältigender Macht wie in dem wunderbaren Verlauf der biblischen Geschichte. Ja, man konnte meinen, daß jener Pragmatismus der nüchternen Auffassung der Schüler gereifteven Alters noch näher steht als die von Wundern durchwebte biblische Geschichte. Darum ist die jüdische Geschichte in besonderem Maße geeignet, den Glauben an den endlichen Sieg des Guten und Wahren in der Seele des Schülers zu befestigen. Denn nicht um weltliche Macht und Herrschaft wird in ihr gekämpft. Es galt Geistes- und Gotteskämpfe zu vollführen. Und wenn Israel trotz seiner Minderzahl und zeitweiliger Niederlagen schließlich doch Sieger blieb, so ist dies ein Beweis für die Unüberwindlichkeit der Wahrheit und des Rechts, die am Ende doch zum Siege kommen. Und daß es gerade unsere Väter waren, die Jahrtausende hindurch im Dienste Gottes und der Menschheit kämpfend aushielten, das muß bei den Schülern das Zugehörigkeitsgefühl zu unserer Gemeinschaft stärken und ihre Bekenntnisfreude erhöhen. Damit wird dann auch das Streben erweckt, nach Maßgabe der eigenen Kraft an der Erhaltung unseres Judentums und seines segensreichen Wirkens mitzuhelfen. So handelt es sich in allen Zweigen des Religionsunterrichts in erster Linie darum, sachlich genau zu orientieren und zutreffend würdigen zu lehren. Nur wenn die Schüler den religiösen Wissensstoff durchdrungen und sich vollständig zu eigen gemacht haben, kann das religiöse Interesse erzeugt werden, das als nächstes Unterrichtsergebnis angestrebt werden soll und das sie im Leben ans das in der Schule Gelernte zurückgreifen läßt, um es zur Bildung einer festen, religiösen Lebensanschauung zu verwenden. Um dieser Aufgabe entsprechen zu können, bedarf es von seiten des Lehrers nicht nur eines aründlichen. religiösen und theologischen Wissens, sondern auch einer runfassenden philosophischen Bildung. Nur der Lehrer, in dem Wissen und Glauben sich harmonisch einen, wird den Schülern ein wegkundiger Führer bei der Bildung einer religiösen Uoberzeugung werden können. Und nur . zu einem solchen Lehrer werden die Schüler mit dem Vertrauen und der Hochachtung emporblicken, die die Vorbedingungen allen Lebrersolges bilden. Die Schüler müssen die Ueberzeugung gewinnen, daß keine ihrer Ansichten vom Lehrer verketzert wird, sondern daß jedwede Einwendung, die ein Körnchen ernsten Strebens enthält und eine Spur von Berechtigung hat, von ihm liebevoll geprüft wird. Um die Schüler zur rückhaltlosen Aussprache anzuhalten, beschränke er die akvoamatische Leihrsorm auf das notwendigste und wähle lieber die dialogische, bei der ihnen Gelegenheit zur Darlegung ihres Denkens und Empfindens gegeben wird. Auch wehre er nicht häufigen Zwischenfragen. Er wird alsbald erkennen, welche Gesinnung aus dem Schüler spricht, und vorlautem Wesen entgegentreten können, anderseits es aber auch freudig begrüßen müssen, wenn er in ihnen Zeichen geistiger Mitarbeit erblickt. Verständnisvoll gehe er dem Gedankengang der Schüler nach, um sie vorsichtig auf die richtige Bahn zu geleiten. Dann werden diese die Empfindung haben, als hatten sie die in Frage stehende Wahrheit sich selbst angeeignet. Selbst erarbeitete Wahrheiten haben für das Seelenleben aber einen ungleich höheren Wert als solche, die uns von außen zum Nachdenken und Nachsühlen nahe gebracht werden. Dies sind alles nur einzelne Hinweise und Fingerzeige für das in den oberen Klassen der höheren Lehranstalten innezuhaltende Verfahren. In ein bestimmtes Schema läßt sich dies aber nicht fasten. Dazu sind die Schüler viel zu verschieden geartet, und was für den einen eindrucksvoll, das geht an dem anderen spurlos vorüber. Es ist die Aufgabe des Lehrers, seine Zöglinge psychologisch zu erkunden und das Seelenleben eines jeden einzelnen hinsichtlich seiner Empfänglichkeit für das Religiöse beurteilen zu lernen, um, soweit es im Gefüge der Klasse möglich ist, zu individualisieren und aus die Eigenart und den religiösen Standpunkt jedes Schülers, welch letzterer gewöhnlich durch die Stellungnahme des Hauses bedingt wird, Rücksicht zu nehmen. Dabei nehme er sich derer am meisten und liebevollsten an, die zu Hause nur wenig religiöse Anregungen erfahren. Und ist es ihm gelungen, in ihnen ein lebhaftes Interesse für die religiöse Belehrung und religiöse Erkenntnis zu erwecken, dann kann er mit dem Unterrichtserfolg zufrieden sein. Denn wenn auch das eigentliche Ziel des Religionsunterrichts die praktische religiöse Löbensgestaltung bildet, so liegt deren Verwirklichung doch nicht im Machtbereich des Lehrers. Er hat genug getan, wenn er die ausgestreute religiöse Saat auf dem Herzensboden feiner Schüler zum Spvosten und Emporwachsen brachte; reisen kann sie erst im späteren Leben. Und hat er ihnen ein umfassendes religiöses Wissen vermittelt und ihre religiöse Urteilskraft geschärft, dann treten sie wohlgerüstet in das Leben ein. Das ihnen vor die Seele gestellte religiöse Ideal wird seine Anziehungskraft bewähren, und. so werden sie sich schließlich auf Grund der erlangten religiösen Kenntnisse zu einer eigenen Ueberzeugung und religiösen Welt- und Lebensauffassung durchringen. Sie Woche. Berlin, 9. Juni. ie Beantwortung der deutschen Gegenvorschläge ist bisher nicht erfolgt. Wie der „Temps" meldet, ist es, da der Viererrat die allgemeine Prüfung der deutschen Gegenvorschläge noch fortsetzt, zweifelhaft, ob die Antwort der Alliierten dem Grafen Brockdorff-Rantzau vor Ende dieser Woche überreicht werden wird. Eine Meldung des W. T. B. aus Paris, 6. Juni, lautet: Nach dem diplomatischen Lagebericht van Havas hat der Viererti t am Donnerstag die Prüfung der Gegenvorschläge und die zuständigen Ausschüsse und die Sachverständigen die Prüfung der verschiedenen Artikel der deutschen Gegenvorschläge fortgesetzt. Mt Paderewskis Vortrag über die Grenze Oberschlesiens waren die vier Regiernngshällpter völlig einverstanden; sie wird nicht geändert, bis auf einige Grenzberichtigungen, bte Städte und Dörfer betreffen. Ein Sonder,ausfchutz, bestehend aus General Lerund für Frankreich, Hedlan Morl-eh für England und Dr. Lord für Amerika, wird diese Frage besonders Prüfen. Hinsichtlich des Saarbeckens und der Besetzung des linken Nheinufers ist keine Aenderung zu erwarten. Vielleicht wird der Viererrat wenigstens annähernd die Höhe der von Deutschland zu fordernden Gesamtentschädigung festsetzen. Der Viererrat wird Dienstag di>ese Bedingungen endgültig Prüfen und loahirscheinlich tags darauf mit der Redaktion, der Antwort auf die deutschen Gegenvorschläge beginnen, die vielleicht am nächsten Freitag der deutschen Delegation übergeben wird. Soviel man jetzt sagen kann, wird sie in -erster Linie die deutsche Behauptung von der Verletzung der 14 Punkte Wilsons ablehnen, indem sie auf Grund der alliierten Proklamationen aus dem ersten Vierteljahre des Krieges seststellt, daß die Alliierten ihren Entschluß bekundet haben, Entschädigung zu verlangen, die Wiederherstellung Polens zu fordern usw. Die Antwort wird auch den Bericht des Entfchädigungsausschusses weiter ausführen, indem die Gründe gegen seine Erweiterung durch deutsche Vertreter dargelegt werden. Die Antwort setzt dann der deutschen Delegation eine Frist von wenigstens drei und höchstens