Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1919)
- Date
- 1919-06-13
- Page
- Seite 254 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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es nur verstandesmäßig durchdringen lernen. Auch für die Schüler der oberen Klassen bleiben die religiösen Lehren autoritativ. wie sie es für jeden Bekenner unseres Glaubens sind, aber sie sollen sich Rechenschaft über sie zu geben suchen und sie in ihrer autoritativen Wesenheit erkennen. Früher oder später werden sie doch dazu kommen, von ihrem Glauben Rechenschaft zu fordern. Da ist es denn besser, daß dies an der Hand des Lehrers geschieht. Dieser darf aber nicht glauben, wie in mathematischer Beweisführung die Richtigkeit der religiösen Grundsätze darstellen zu sollen. Mit leinseitigem, begrifflichem Denken wird das Gewissen nicht geschärft und der Wille nicht geweckt. Uebrigens läßt sich auch nicht alles denkend erfassen. Darum auch keine Beweise für das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der Seele, sondern Anrufung des inneren Bewußtseins und Hinweis auf die Geschichte, was in diesem Falle weit wirksamer ist. Wir halben es eben im Judentum nicht mit einem philosophischen System, sondern mit einer lebendigen Lehre zu tun, die auf die Gestaltung des Daseins Einfluß gewinnen, es lenken und leiten soll. Immerhin sollen die Schüler angeleitet werden, idenkend an es heranzutreten, um sich seine innere Wahrheit und Vernunftgemäßheit zu voller geistiger Anschauung zu bringen und seine Ueberlegenheit über andere Bekenntnisse in Klarheit zu erfassen. Das erfordert vor allem eine umfassende Darstellung und tiefe Begründung von seiten des Lehrers und eine gründliche Erkenntnis von feiten des Schülers. Ohne Vergleichung mit anderen Religionen würde sich dieser des Wertes der eignen kaum in vollem Maße bewußt werden können. Daher ist jetzt, wie bereits erwähnt, der Apologetik, die in den mittleren Klassen nur gelegentlich berücksichtigt werden soll, größere Beachtung zu schenken. Es sind vor allem die Schüler gegen die vorurteilsvolle Auffassung zu wappnen, die das Judentum als sittlich minderwertig dem Christentum gegenüberstellt und es als dessen Vorstufe anzusehen Pflegt. Und wenn sich auch der Lehrer hüten muß, sich irgendwie abfällig über das Glaubensleben anderer zu äußern, so liegt ihm doch die Pflicht ob, den eigenen Besitzstand gegenüber einseitigen fremden Darstellungen ins rechte Licht zu setzen und zu sichern. Es muß also beim Unterricht Wert und Eigenart der jüdischen Religion gerechtfertigt werden, damit die Jünglinge nicht in mattherziger Pietät, sondern in kraftvoller Erkenntnis sich zu ihrer Fahne halten. Insbesondere müssen sie erfahren, wie fast alles, womit sich andere Bekenntnisse als mit einer Originallehre brüsten, dem Judentum entnommen worden ist und daß vieles von dem, was als vermeintlich moderne Kultuverrungenschaft unsere Zeit bewegt, wie die soziale Fürsorge, Tierschutz usw., schon vor Jahrtausenden der jüdischen Religion ein Gegenstand der Fürsorge war. Auch gegenüber den der Religion widerstreitenden Lehren der Wissenschaft hat der Religionslehrer seine Schüler zu wappnen. Sobald er merkt, daß die Schüler von Zweifeln heimgesucht werden und sie seinen Darlegungen nicht das Vertrauen entgegenbringen, das die unerläßliche Vorbedingung jedes Lehrersolges ist, so leite er sie selber an, ihre Zweifel zu äußern, um in liebevoller Weise darauf einzugehen. Er hüte sich also vor Uebereifer. Ein allgemein absprechendes Urteil und ein ketzerisches Verdammen beschwichtigt nicht die vorhandenen Bedenken. Auch das absolute Betonen des von der Religion Geforderten erzielt nur wenig. Er messe vielmehr genau ab, auf welche Weise er den fast durchweg unreifen, ungeklärten Ansichten beikommen könne. Auf ein Widerlegen kommt es hierbei nicht immer an. Oft erzielt er schon einen nachhaltigen Eindruck, wenn er die Schranken der Wissenschaft und die Unzulänglichkeit der menschlichen Erkenntnis nachweist. Es ist dies 254 - zuweilen von noch größerem Gewinn als eine fertige Antwort, . insofern es zur Selbsterkenntnis und zur Selbstbescheidung beiträgt und die sittliche Erziehung fördert. Er lege ferner , dar, wie das Gemütsleben bei der Gestaltung des menschlichen Daseins eine nicht unbedeutendere Rolle spielt als das verstandesmäßige Erkennen, oft gar eine weit höhere Bedeutung hat, und daß dies durch die Religion die vorzüglichste Vflege findet. Uebrigens gibt es eine ganze Anzahl Fragen der Religion und der wissenschaftlichen Erkenntnis, die man dem Schüler wohl beantworten kann. Ja, solange der Glaube an einen Gott nicht angetastet wird, droht dem Judentum von der Wissenschaft überhaupt keine Gefahr; denn nicht die Offenbarung einer Welterkenntnis will uns die Religion vermitteln, sondern die Offenbarung des göttlichen Willens in betreff unserer Lebensführung. Der Hinweis auf di« erhabene Auffassung unserer Religion vom Wesen der Gottheit, ihrem Wirken und Walten, die Darlegung ihrer Ideen über die Bestimmung des Menschen, sein Verhältnis zu Gott und den Nebenmenschen werden in ihrer inneren Wahrheit und Ver- . nunftgemäßheit des Eindrucks nicht verfehlen und stets den Schülern bei ihren Zweifeln zum Rückhalt dienen. Eine ähnliche Stellung nehme auch der Lehrer der Skepsis gegenüber ein, die sich einzelnen biblischen Berichten, besonders den Wundern, gegenüber geltend macht. Auf eine kritische Erörterung oder rationalistische Erklärung derselben lasse er sich nicht ein. Zunächst hebe er hervor, daß auch auf die, welche an Wunder glauben, nicht der Schein der Rückständigkeit falle. Er flöße den Schülern vielmehr Achtung vor der Ueberzeugungstreue jener ein. Er lehre sie, den Wunderglauben in engstem Zusammenhang mit dem Vorfehungsglaüben zu betrachten. Gar beherzigenswert ist hier der Ausspruch des Jenenser Philosophen Eucken: „Es ist der Glaube a n W und er das Aufleuchten einer selbständigen, geistiigen. Welt, einer Welt der Zwecke inmitten der materiellen Welt des , blind wirkenden Kausal ge fetze 3." : Anderseits gebe er aber auch den Schülern zu verstehen, : daß mit der Leugnung des Wunders die Wahrheit und Erhabenheit unserer Religion nicht in Frage gestellt werde. Ihre Wahrheit beruht in ihr selbst, und nicht auf äußren Vorgängen und Begleiterscheinungen, mögen diese an und für sich eine noch so hohe Bedeutung haben. Bei solcher Darstellung werden die Wundererzählungen Wahrheit beruht in ihr selbst, und nicht auf äußeren Vorgännach auf Zweifel stoßen, veredelnd auf das Gemüt der Schüler wirken. Dabei ist der sittlich-religiöse Gehalt, der in diesen Erzählungen enthalten ist, zur geistigen Anschauung zu bringen und als Kern der Sache zu kennzeichnen. Dann wird keine spätere Skepsis mit dem Wunderglauben die Religion selbst verleugnen. Dies gilt mutatis mutanäi» besonders dem biblischen Schöpfungsbericht gegenüber. Den Schülern der oberen Klassen wird gewöhnlich die Entwicklungstheorie als einzig mögliches Prinzip der Welterklärung hingestellt. Dadurch werden sie geneigt, den Erzählungen der Bibel keinen höheren Wert beizumessen als den Sagen anderer Völker. Demgegenüber ist auf den himmelweiten Unterschied hinzuweisen, der zwischen beiden besteht, indem die sittlich-religiösen Ideen hervorgekehrt werden müssen, die in jenen sich widerspiegeln. Haben die Schüler für diese Verständnis gewonnen, dann mögen sie sich irgendwelche wissenschaftliche Theorien zu eigen machen; sie werden dadurch nie zur Geringschätzung der Bibel kommen und sich der Religion entfremden. Wenden wir uns nun zur jüdischen Geschichte und zu ihrer Behandlung! Im allgemeinen gelten hier die Herbart-Zillerschen Formalstufen, die aber auf der Oberstufe nur eine freie