Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1919)
- Date
- 1919-06-06
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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SS. Jahrgang. Nr. 23 Berlin, S. Juni ISIS Der Gemeindebare. Brilugr zur „Allgrinrlnrn Leitung deK Judentums". korresponl>kn?rn und Lachrichtru. SrutschlanL. £2 Berlin, 3. Juni. In der „Wissenschaftlicki-en Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen" in Berlin hievt Herr Dr. Aböls Löwenberg einen Vortrag über „Die Bedeutung des religiösen Genies". Es handelte sich darum, auf religionsgeschichtlichem Gebiete die alte Streitfrage zu prüfen: Sind die großen Männer die Träger der geschichtlichen Entwicklung oder knüpft sich der Fortschritt an die Massenentwicklung, die sich der großen Persönlichkeiten als ihrer Organe bedient? (Irrdividualistische und kollektivistische Geschichtsauffassung.) Der Vortragende kritisierte beide gegensätzliche Richtungen und schloß sich der von Herder, Goethe, Rancke, Bernheim und Simmel vertretenen vermittelnden Richtung an, die zwischen den großen Persönlichkeiten und der Massenentwicklung eine variable Wechselwirkung annimmt. Die i n d i v i d u a l i st i s ch e Geschichtsauffassung übersieht zum Beispiel, daß auch die Zeitverhältuisse mitbildende .Faktoren der Prophetenreden waren; daß auch die Tradition, die „ebenbürtige Tochter der Prophetie" (A. Geiger) schöpferisch und deshalb für die Religionsgeschichite nicht bedeutungslos ist; daß das religiöse Genie ohne eine weitgehende Homogenität zwischen Einzelgeist und Gesamtgeist eine unwirksame und unverstandene Größe geblieben wäre. Die k ol l e k t i v i st i s ch e Geschichtsbetrachtung, nach der die Masse den Geschichtsverlauf bestimmt, läßt unberücksichtigt, daß die religiösen Genies, durch keine Massenbewegung eingesetzt, der Stimme ihres eigenen Innern follgten; daß sie im Kampfe mit einer verständnislosen Umgebung große Einsame blieben: daß aus gärenden Zeitibeen, in denen sich Wahres und Falsches, Heidnisches und Göttliches, Zttkunftsicheres und Vergängliches mischte, niemals ohne das Zutun genialer Persönlichkeiten der ethische Monotheismus entstanden wäre. Ms «tzen Kardinalfehler des «Kollektivismus 'be^ zeichnete der Vortragende das Bestreben, anätog den Gesetzen der Naturwissenschaft auch Gesetze des Geschichtsverlaufs auszustellen oder die Einzekp-eriönlichkeit aus ihrem Milieu zu erklären. Beides erweist sich als nicht ausführbar. Die bedingenden Ursachender geschichtlichen Erscheinungen lassen sich nicht vereinzeln und verändern, und wäre es möglich, so ist -doch die vereinte Wirkung verschiedener Ursachen nicht völlig identisch mit der Summe der einzelnen Wirkungen; sie stellt vielmehr etwas Neues, über diese Sunrme Hinausgehendes, Verschiedenartiges dar, das zwar durch die historische Analyse aus der Verbindung jener geschichtlichen Faktoren abgeleitet, niemals aber aus ihnen durch eine a priori ausgeführte Synthese konstruiert werden kann. Der israelitische Prophetismus war so wenig noch durch sein Mikieu bestimmt, daß auf der Höhe seiner Entwicklung die Emanzipation des religiösen Menschen von dein volkstümlichen Beiwerk des Kultus, der Sitte -und der nationalen Zusammengehörigkeit ausgesprochen werden konnte. -- Erkennt man zwischen den großen religiösen Persönlichkeiten und der Dlassenentwicklung eine variable Wechselwirkung an, wo bleibt dann der Anspruch des religiösen Genies auf schöpferische Genialität? Die Genialität der israelitischen Propheten besteht nicht in einzelnen neuen Offenbarungen —- die Wellhausensche Schule hat die Besonnenheit der Propheten allzusehr übertrieben —, die Propheten haben die Gedanken von der Einheit Gottes und dem sittlichen Sinn der Geschichte, wie die neuesten Darstellungen über den Prophetismus zeigen, aus dem Vielerlei von Gewohnheiten, Herkommen, Volkssitten, kultischen und rituellen Forderungen und moralischen Sätzen herausgehoben, klar formuliert und in wenige Sätze zu einem einheitlichen Ganzen zusammengefaßt. Das ist ihre geschichtliche Großtat. Wenn somit an der Formulierung und Entwicklung religiöser Ideen geniale und nichtgeniale Menschen arbeiten, dann sind Offenbarung und Tradition, religiöses Heroentum und Massenentwicklung nicht qualitativ, sondern nur dem Grade nach verschieden. — Sind somit Heroentum und Massenentwicklung einander koordinierte Träger und Beweger des 'Geschichtsvierlaufs, so erweist sich doch in der zeitlichen Ansdehnung das allgemeine Leben tiefer und umfassender als das persönliche. Das jüdische Volk nahm, da in. ihm verwandte Anl-ageu schlummerten, die Ideen seiner großen Gottesmänner in sich auf: die Psalmendichtung ward das Echo der Prophetenrede. Aber die Ideen der Propheten mußten, um als treibende Kräfte in die Zeitbewegung einzugehen, Kompromisse schließen mit niederen Kräften und Zw.ecken, der Buchstabe überwog das lebendi;e Wort. So bedarf die religiöse Entwicklung nach längeren Zeitläuften stets wieder einer genialen Persönlichkeit, die das Erstarrte im Feuer ihrer religiösen Begeisterung schmelzt und von den anhaftenden Schilacken reinigt, die aus dem Vielen und Vielartigen den wertvollen Kern einfach und groß herausgestaltet und zum Ausgangspunkt einer neuen Neligionsepoche macht. Die Religionsgeschichte zeigt somit das Bild höchster Lebendigkeit, in dem Heroentum und Massenentwicklung sich gegenseitig bedingen und durchdringen. BerliN, 3. Juni. Die Berliner Gemeindebehörden haben eine Aenderung des Gemeindestatuts bei der Aussichtsbehörde nachgesucht, die bisher ihre Zustimmung noch nicht erteilt hat. Die vorgeschlagenen Aenderungen sollen die Gemeindeverfassung auf eine moderne Grundlage stellen, soweit das im Rahmen des Judenge'etzes von 1847 möglich ist. Da dürfte wohl ein Rückblick a-uf die erste Verfassung der Berliner Großgemeindc von Interesse sein. Die e r st e I n st r n k t i o n und Bestätigung von jüdischen GemeindeülLesten datiert« vom 24. September 1698: es sind also mehr als 220 Jahre vergangen, seitdem die jüdische Gemeinde zu Berlin eine von der Regierung anerkannte Behörde hat. lieber die vorher in der Gemeinde geltende Hebung ist wenig, bekannt. Aelteste hat es wohl immer gegeben, die das Mandat hatten, die Mgabe -der Judenschaft auf die einzelnen nach deren Vermögen zu verteilen. Eine gesetzliche Regelung erfolgte aber erst im Herbst 1698, und zwar ans folgender Veranlassung: Zn Anfang des Jahres wurde ein gewisser Wolf P^rlheffter. nachdem er sich erboten, dafür 100 Taler jährlich an die kurfürstliche Kasse abzüliefern, zum Oberältesten ernannt. Perlhejfter kam aber seiner Derpsllichtung nicht nach und mußte wiederholt daran erinnert werden. Dieses willkürliche Einsetzen eines Oberältesten hatte wahrscheinlich eine Spaltung in der Judenschast zur Folge, so daß der Hausvogt sich genötigt sah, den Antrag zu stellen, die Regierung möchte eine Aeltestenwaht gebieten. Dies geschah auch am 29. April, und die infolgedessen Gewählten erhielten om 24. September 1698 ihre kurfürstliche Bestätigung und Instruktion. Die Namen dieser ersten Gemeindeältesten in Berlin waren: Wolf P e r l h e f f t e r, Anschel Jacob Schuellhoff, Wolf Satomon und Aaron Jsaac. Die Instruktion bestand darin, daß sie dieses Amt „ohmveigerlich" übernehmen mußten, daß ste die Ausgabe hatten, „der ganzen Gemeinde, wie sölches anderweitig, wo Juden wohnen, gebräuchlich ist, vorzustehen." Alle drei Jahre sollte eine neue Wahl vorgenommen werden. Das wichtigste Mandat der neuen Gemeindeältesten aber war die Aufsicht über und die Fortschaffung der sogenannten nnvergleiteten Juden. Jedes Auwiderhandetn gegen dieses Mandat wurde mit 100 Dukaten fiskalischer Strafe geahndet. Man kann sich denken, welche Unannehmlichkeiten aus dieser Instruktion den Gemeindeältesteu erwuchsen. Auf - Ihren eigenen Antrag wurden ihnen die Amtsbe.fu'gnisse bald eingeschränkt und das Odium der Fortschaffung der unvergleiteten Juden den kurfürstlichen Räten aufgebürdet. Die Behandlung der Berliner Judenschast durch die Behörden wechselte vielfach, bis das erwähnte Judengefetz von 1847 Stetigkeit in die Verhältnisse der preußischen Judenheit brachte. E. M. Berlin, 3. Juni. Eine Gedächtnisse i e r für die im Kriege gefallenen Kameraden veranstaltete der jüdische Militärverein „Deutsches Vaterland" am letzten Mittwoch im großen Saal der „Gesellschaft der Freunde". Der erste Vorsitzende des Vereins, Rechtsanwalt Dr. D o n i g, eröfsnete die Feier mit einer Ansprache, in der er auf die treue Pflichterfüllung der gefallenen jüdischen Krieger hinwies. Bei Ausbruch des Krieges eilten alle Kameraden, die dem Vereine angehörten, zu den Fahnen. Auf dem Schlachtselde und hinter der Front gaben alt und jung ihr Bestes dem Vaterlande. Rabbiner Dr. B l u mentha l beantwortete in der Gedenkrede die Frage, für wen unsere Krieger das Leben Hingaben: für das Vaterland, dem wir alles verdanken. Wer diesem Ideal sein Leben opfert, erfüllt damit auch seine höchste religiöse Pflicht als Jude. Das Andenken unserer Toten ist uns Mahnung zur Einsetzung aller Kräfte für den Wiederaufbau des Vaterlandes