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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-06-06 · Heft 23 (6.6.1919) · p. Seite 252

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 23 (6.6.1919)
Date
1919-06-06
Page
Seite 252 (sequence 12)
Language
German
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252 Ser Spittrtjudk. Erzählung von Clemens Berg. V\A enn der Paschke-Josef geglaubt hatte, er werde nach ment arbeitsreichen, von Sorgen zermürbten Leben im Hospital, unter der Aegide des heiligen Georg, des Drachentöters, die wohlverdiente Ruhe finden, so hatte er eben die Rechnung ohne mehrere seiner Zeitgenossen, die Mitbewohner des Altmännerspittels in der Heiligen Geiststraße, gemacht — nein! — was diese gebrechlichen, hustenden, hinkenden und kopfwackelnden Jammergreise noch für einen Kraftaufwand meisterten, einem Mitmenschen das Leben zu verbittern, das war wirklich nicht schön, und Sankt Georg hätte recht gut wieder einmal auf seinem Schimmel herangeritten kommen können und die Drachen des Neides und der Ungunst erwürgen, die in dem seinem Schutz befohlenen Hause dem armen Josef Paschte durch ihr höllisches Unwesen den Lebensabend vergifteten. Und an alledem waren nur «die Plüschmöbel schuld! Wenn das sein guter Herr Fingerhut geahnt hätte, als er ihm das schöne dunkelrote Sofa mit den breit ausladenden mächtigen Sesseln, die so behaglich-bequem waren, vermacht hatte! „Josef", hatte der alte Herr gesagt, als er ihn vier Wochen vor seinem seligen Ende noch einmal zu sich beschieden hatte, „Josef, Geld gebe ich dir nicht, du verstehst doch nicht damit umzugehen, aber eine richtige gute Stube sollst du haben wie andere bessere Leute buch; diese vermache ich dir, damit du es ein bißchen hübsch hast bei dir, denn du hattest immer einen Tick für das Schöne. Und deine alten Möbel tvird dir der Meier von der Hintergasse abnehmen, meine Frau hat schon alles mit ihm besprochen, denn du läßt dich doch nur betrügen." Solch ein guter Herr war der Herr Fingerhut gewesen; einundfünfzig Jahre hatte der Josef der Firma treu gedient als Haushälter, Lagerhalter und Kutscher in einer Person, und vor zwei Jahren hatte Harr Fingevhut selbst den Josef in das Spital gebracht und durch ein fürstliches Trinkgeld an den Inspektor die größte, schönste und hellste Stube als Alleinmieter für ihn gewonnen. Schon damals hatte sich über diese Bevorzugung ein Murnteln der Unzufriedenheit rinter den Eingesessenen erhoben, aber Herr Fingevhut hatte es verstanden, die unzufriedenen Mäuler mit Zigarren und diversen Schnäpsen zu stopfen, und da, dank seiner Freigebigkeit, der Josef einen Schrank voll dieser guten Dinge behielt und jedem, der ihn besuchte, gern davon spendete, so wurde der Neue bald im ganzen Altmännerhause außerordentlich beliebt. Diese Beliebtheit steigerte sich noch, als man erfuhr, daß der interessante Schrank an jedem Quartalsersten, an Geburts- und Feiertagen und vornehmlich zu Weihnachten, aus dem Kolvnialwarengeschäst von Fingerhut u. Comp, angemessene Reserven erhalte, und der Paschke- Josef wäre gewiß, umschmeichelt und höchst geschätzt von seinen Mitspittelbrüdern, ins Patriarchenalter gestiegen, wenn nicht Herr Jonas Fingerhut zum größten Schnrerz seiner Frau und seines einzigen Sohnes und zur aufrichtigen Trauer aller seiner Freunde und Untergebenen sich auf jenem Ort dauernd niedergelassen, den man den guten nennt, itnd vielleicht verdient er diesen Namen, weil noch keiner seinor Bewohner jemals von chm wiedergekommen und ihn freiwillig verlassen hat. Die Witwe erfüllte pietätvoll alle Bestimmungen ihres Gatten. Eines Tages erschien der Meier von der Hintergasse in Paschkes Stube, legte ihm achtundneunzig Mark auf den Tisch — es sollten eigentlich hundert sein laut Verabredung — und holte den bescheidenen Hausrat des Josef alb, und schon nach zwei Strinden stand ein Möbelwagen vor dein Portal, und zwei Packer brachten zum Staunen der aus allen Türen und Fenstern vor Neugier zitternden Inquilinen ein richtiges Vertikow, einen blank polierten runden Tisch, der auf anmutig geschwungenen Beinen förmlich kokett bewußt dastand, als wollte er sagen: „Seht mich nur an, da bin ich!" und jenes schon erwähnte Prachtstück von Sofa mit den beiden Armsesseln, von denen der alte Mutzel alle Tage von dato ab eiferte, daß es ein sündhafter Hochmut für einen Spittelsmann sei, solchen Prunk in seiner Stube zu haben, kein Graf brauche sich schämen, auf solchen Sesseln zu sitzen! Und dann fügte er mit hämischem Lachen hinzu: „Ja, da sieht man's wieder, wo alles Geld steckt!" .Die anderen Mtmännlein blinzelten Wohl verständnisvoll, schwiegen aber noch klüglich; mit einem Nachbarn, der so gutes Rauch- und Trinkbares zu vergeben hatte, wollte man es doch lieber nicht verderben. Nach einigen Tagen kam die verwitwete Frau Fingerhut in Begleitung ihres einzigen Sohnes, um ihrem alten Diener Lebewohl zu sagen, sie zogen nach Berlin. — Die Dame erkundigte sich freundlich, ob auch dem Josef nichts fehle, dann solle er ja schreiben, und sie werde ihm noch heute ein Paar gute Vorhänge schicken, um die Fenster und das Bett nebst Waschtisch wirksam zu verkleiden. Auch dieses Geschenk traf pünktlich ein, leider war es das letzte, was Paschke-Josef von seiner einstigen Herrin noch erhielt, da sie schon nach wenigen Monaten ohne jede vorhergehende Krankheit ganz plötzlich starb. Schon damals, mit dent für ihn so ehrenvollen Besuche fingen recht eigentlich Paschkes Leiden an; denn kaum hatte Frau Finger- Hut mit ihrem Sohne das Haus verlassen — der Josef hatte feinen Gästen das Ehrengeleit bis aus die Straße gegeben —, io schlenkerte der alte Mutzel auf seinen dürren Beinen heran und fragte, obwohl er längst recht gut Bescheid wußte: „Wer war'n denn die?" „Meine frühere Herrschaft", sagte Josef stolz. „Die sind wohl jüdisch?" forschte Mutzel. „Ja, freilich" antwortete Paschke arglos. Der Mutzel spuckte aus und tagte so recht breit und flämisch: „Man sieht's ihnen an!" Damit waren die Feindseligkeiten eröffnet: denn Paschke-Josef, der wie jeder richtige Haushälter gehörig grob sein konnte, schrie mit roten: Kopf: „Und dir sieht man an, daß du ein alter Esel bist! Das geht dich 'nen Quark an, ob die jüdisch oder heiduckisch sind, verstehste!?" „Na, ja", machte der alte Mutzel, „das ist nu mal so, Juden haben halt so was an sich ..." „Du nicht", parierte Josef erbost, „du hast nischt an dir, wenigstens nischt Anständiges!" „Das ist ja ausverschämt", schrie Mutzel beleidigt, „du bist ein ganz meschant grober Kerl, weißt du, du kannst mich am Abend besuchen!" „Nee, ich geh' nicht ins Affentheater", sagte Josef seelenruhig und machte die Tür hinter sich zu. „Geh nur, geh, setz' dich fest auf deine Plischmöbel", schrie ihm der Mutzel nach, „auf deine Judenmöbel, du bist wohl selber ein Jude? Hörst du, du alter Jude!" Er schrie so wütend, daß der Inspektor des Hauses herauskam und ihm Ruhe gebot. Da mußte der brave Mutzel gehorchen, die Hausordnung war streng, aber von diesem Tage an war er dies Paschke-Josef geschworener Todfeind und versuchte, der ganzen eigensinnigen Beharrlichkeit seines vertrockneten Greisengehirns gemäß, die Mitgenossen gegen „den Juden" aufzuhetzen. Anfangs hatte er damit wenig Glück. Da war der Bruder Martin, ein ^ehemaliger Schneider, der verwies dem Mutzel sein wüstes Aufbegehren gegen den Paschke: „Hör' schon auf, auf den Josef laß ich nichts kommen, wes Schnaps ich trink', des Lob ich sing'! . . . und die Juden sind auch Menschen, ich Hab' sehr gute Kunden unter ihnen gehabt." „Geht mir ab", schrie Mutzel, „die Juden sind alle Betrügelr!" (Fortsetzung folgt.)

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