Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1919)
- Date
- 1919-06-06
- Page
- Seite 251 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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251 - Daneben fehlt es allerdings auch nicht an vereinzelten in denen der Vorwurf des Plagiats, der manche - - und zuweilen waren dies hervorragende, geistige Kapazitäten — traf, jeder inneren Berechtigung entbehrte, vielmehr persönlicher Gegnerschaft oder gar den unlauteren Beweggründen des Neides undder Eifersucht entsprang. So mußte sich der große Grammatiker Jbn Gannach (geb. um 995) merkwürdigerweise einmal von einem nicht minder Großen, Samuel Harmgid, den Vorwurf gefallen lassen, daß er vieles -von älteren Grammatikern hergeholt und als sein geistiges Eigentum hingestellt habe (Grätz, IV. S. 21). Und ein R. Abraham b. David (geb. 1125), aufgebracht über die kühne Kritik des Serachja Halevi an Alfassi, ließ sich in seiner Parteinahme .für letzteren so weit hinreißen, Serachja des lviederholten Plagiats zu beschuldigen (Ozar Israel IV. 239), ein Geschick, das er teilweise mit dem großen Maimonides teilte, bei dem die unterlassene oder ungenaue Quellenangabe in seiner „Jad hachasaka" von Simson aus Sens scharf gerügt wurde. Auch der Arzt Juda b. Sab'batai Halevi aus Barcelona. der um 1208 seine ergötzliche Geschichte des „Weiberfeindes" unter dem Titel „Minchas Jehuda" veröffentlicht hatte, mußte sich gegen den Vorwurf, damit ein Plagiat an Josef ibn Alami begangen zu haben, was von seiten seines eigenen Jugendfreundes voll Neid ob des Erfolges seines Werkes allgemein verbreitet wurde, in der zweiten Ausgabe seines Buches verteidigen, wobei er in scharfen Versen eine s olche Ans chuldiguug zurückweist und dem Verbreiter derselben mit gleicher Münze heimzahlt, „ihn als vielertappten Plagiator enthüllt, der zur eignen Schmach einen Streit entfachte." Zuweilen läßt sich hier auch die Beobachtung machen, wie einzelne unter den Plagiatoren, vielleicht aus einem gewissen besseren Gefühl für das Unrechtmäßige ihres Vorgehens heraus, ihr Tu>n einigermaßen' zu beschönigen trachten dadurch, daß sie es dem Wissenden auf eine mehr oder minder versteckte, mitunter auch witzige Andeutung zu verstehen geben, daß er kein Originalprodukt vor sich habe. Von solcher Voraussetzung aus ließe sich beispielsweise der Titel erklären, den ein Rafael Norzi seinem um das Jahr 1579 veröffentlichten Buche „Sooh sauleth" (Maß feinen Mehles) gegeben, um eben mit diesem Titel zugleich anzudeuten, daß dieses „Maß feinen Mehles" aus dem „Mehlkruge" (Kad hakemach) des Bechai Beddera, 50 jährige Jüdin aus Jemen, feit 11 Jahren in Jerusalem. Aus: „Jerusalem", von Sven Hedin. F. A. Brockhaus. Leipzig. 191«. b. Ascher herausgehobeu worden. Und auch darin mag ein verhülltes Zugeständnis für die zweifelhafte Originalität seines Werkes liegen, daß er auf dem. Titelblatte es vermerkt, sein Werk sei nur für diejenigen geschrieben: „die nicht in der Lage sind, größere Werke zu lesen". Erwägungen ähnlicher Art, wie bei Norzi, mögen auch einen Abraham hakohen aus Porto bestimmt haben, seinen Kommentar zur Thora „Mincha belujah" („ Gem i s ch te Gab e") (1583) zu nennen, um mit solcher Namensgebung nicht bloß auf seine Herkunft als Kohen hinzudeuten, sondern zugleich es auszudrücken, daß er in seinem Werke verschiedene Meinungen seiner Vorgänger benutzt habe. Und wenn schließlich Juda Löb Margulies, ein Prediger des 18. Jahrhunderts, in sein Sittenbüchlein „Beth Midoth" (1778) ganze Stücke aus Josef Ezobis Lehrgedicht Kaarath kessef (13. Jahrhundert) cutf nimmt und als sein Geistesprodukt allsgibt, so sucht auch er einem etwaigen Vorwllrf des Plagiats dadlrrch zu begegnen, daß er in einem zweiten Werke, wo er wieder einiges aus Ezobi als Motto verwendet, die etwas sonderbar klingende Entschuldigung für sein Vorgehen anführt, daß sein Vater die Gedichte Ezobis handschristlich, erhalten habe und daß er gemäß einer Jamilientradition mit ihm verwandt sei (Brüll, Jahrbücher 11. Band). Da mag es denn nicht ohne Interesse sein, was ein Josef del Medigo (1591) in einem seiner Briefe über diese Art „Abschriftsteller" in witziger Weise bemerkt: „Ich sehe, daß den Büchern gleiches wie den Seelen widerfährt: wie die Seelen aus einem Körper in anderen versetzt und nun andere werden, so . ergeht es auch den Wissenschaften: sie werden alls einer Sprache in die andere übertragen mit etwas geänderter Darstellung, anderer Anordnung. Dann wird dem Buche ein neuer Namen gegeben: was früher „Kli chemdah" hieß, wird „Kli jakar" genannt. Inhalt llnd Worte sind dieselben», sie werden nur aus einem Gefäße (Kli) in das andere gegossen." So treffend solch beißende Bemerkungen das unlautere Treiben mancher Alltoren damaliger Zeit beleuchten, die ails die billigste Weise nach literarischen Ehren zu gelangen suchten, im gewissen Sinne sind wir heute gleichwohl manchen unter ihnen zll einigem Danke verpflichtet, insofern diese geistigen Diebstähle der Vergangenheit zuweilen ltrtfere Gegenwart bereichern, weil manch geistiges Gllt, das llns vielleicht ohne sie verloren gegangen wäre, jetzt cntf diese freilich nicht ganz einwandfreie Weise erhalten geblieben ist.