Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1919)
- Date
- 1919-06-06
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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248 überflüssig machen. Der Glaube an die -herannahende nationale Wiedergeburt auf dem heiligen Boden mutz -sein Herz dermaßen ausfüllen, daß die Frage, ob das Judentum auch heute als Volk oder Nation angesprochen werden kann, in ihm gar keinen Raum mehr finden soll. In den ersten Jahren seiner Entwicklung, als der Zionismus die Seelen seiner Treuen noch impulsiver ergriff, da ließ er die gekünstelten Definitionen des jüdischen Volksbegriffes beiseite, da ihm das glühende Streben, der nationalen Auferstehung in Palästina vorzuarbeiten, hinreichend schien, um das Judentum in «der Diaspora über Wasser zu halten: .Heute glauben die zionistischen Kreise, des nationalistischen Gedankens als Waffe gegen die Assimilation nicht entbehren zu können. Dazu meint die zionistische Presse, der jüdische Volksgedanke lockere keinesfalls das Band, das Judentum und Deutschtum verknüpft, und daher wundert sie sich, daß sich ihre Gegner so sehr darauf versteifen. den Gedanken einer jüdischen Nation zu negieren. Fast scheint -es, als wäre dies nu,r eine Pose^ Denn von Zeit zu Zeit läßt die zionistische Presse irgendeinen nationalistischen Draufgänger in ihren Spalten zu Worte kommen, der jedes Band zwischen jüdischem Volkstum und Religion ebenso wie zwischen Judentum und Deutschtum völlig zerreißen zu müssen glaubt. Daß man nicht erst Orthodoxer sein muß, um gegen die Trennung von Volk und Religion im Judentum sich aufzulehnen, — daß man nicht erst Assimilant sein muß, um sich nicht selbst als „Fremdling" zu stigmatisieren, dürfte eigentlich auch der zionistischen Presse klar sein. Zionisten weisen ferner darauf hin, daß die Realität des jüdischen Volkstums in maßgeblichen christlichen -Kreisen allgemein bejaht wird, besonders bei den englischen Staatsmännern. Ob aber auch die englischen Zionisten den Juden ständig dazu auffordern, sich selbst als ein ..fremdes Element" zu bezeichnen? — ob auch sie dem Judm jede Fähigkeit, an der englischen Kultur mitzuarbeiten, leichten Herzens ab'sprechen? Oder soll das vielleicht doch der Fall sein? Dann haben sich wohl die nichtzionistischen Kreise letzt revanchiert, indem sie, — was kein Geheimnis mehr ist — den neuesten Sieg des Zionismus schon fast illusorisch gemacht haben. Dann kann sich aber der Zionismus bei seinen Chauvinisten herzlich bedanken. Wenn doch die jungen zionistischen Wortführer, die, weil in der Millionenstadt lobend und nur in aleichgesinnten Kreisen verkehrend, sede Rücksichtnahme aus Andersdenkende wie auf die außersüdische Welt schroff ablehnen zu dürfen glauben, sich in die Lage eines Rabbiners in der Provinz versetzen wollten, der einerseits mit jeder Faser seines Herzens am zionistischen Gedanken hängt, aber andererseits aus Furcht vor der Mitverantwortung für jene, die dem Zionismus durch Bekräftigung antisemitischer Vorurteile und Verlästerung der Religion dienen zu können glauben, dem Zionismus ans dem Wege zu gehen sich genötigt sieht! Ich denke hierbei wahrlich nicht an mich allem. Ein großer Teil der deutschen Rabbiner würde bei der Fahne des Zionismus schwören, wenn er sie nicht vor Gemeinde und Schule stets kompromittieren würde. Und gilt dies etwa von den Rabbinern allein? Welcher deckende Jude sieht nicht in Palästina die einzig mögliche Lösung mindestens des osteuropäischen Judenproblems? Welcher Jude weiß nicht, daß die Realisierung des zionistischen, Planes auch für die Judenheit in den Diasporaländern von ungeahntem moralischen Gewinn sein würde? Wenn aber die offizielle zionistische Presse ihre schützenden Fittiche über die ausbreitet, die für den Eintritt in die Reihen des Zionismus das Abschwören der Zugehörigkeit zur deutschen Nation als erste Bedingung ausstellen, so wird man es sehr wohl begreiflich finden, daß die zionistischen Kolonnen all der Länder, in denen sich der Jude als Staatsbürger fühlt, sich immer mehr gelichtet, ja. im Verhältnis zu den ersten Jahren sich geradezudezimiert haben und, daß es besonders die ruhigen und abgeklärten Elemente waren, die sich in jener Atmosphäre nicht wohl fühlten. Freilich tun sich jetzt die zionistischen Kreise zugute darauf, daß sich ihre Reihen, dank der neuen politischen Konstellation Palästinas, verdoppelt und verdreifacht haben. Daß sie sich aber bei einer Abschleifung des schroffen nationalfftischen Separatismus sicherlich verhundertfacht hätten, wird begreiflicherweise verschwiegen. Und doch wird man die Schuld auf der anderen Seite suchen müssen! Wenn man so das Bild der ersten Zionistenkongresse vor seinem geistigen Auge vorüberziehen läßt, wenn man die große Schar jener osteuropäischen Gaonim sieht, die sich um einen dem jüdischen Gefetzesle'beu ganz fernstehenden Herzel in tiefer Verehrung gruppierten, wenn man an die vielen jüdischen Notabeln denkt, die damals unter dem zionistischen Banner schritten, so muß man doch fragen: Mit welchem Recht haben sich jene Geistesführer des Judentums sowie jene hervorragenden Persönlichkeiten von einer kleinen Gruppe nationalistischer Schwärmer aus dem zionistischen Lager hinausdrängen lassen? Den wenigen zionistischen Studenten, die dem Rassenstolz ihrer antisemitischen Kommilitonen ihren jüdischen Nationalstolz entgegenstellten, wird es sicherlich niemand verargen wollen. Anstatt aber der zionistischen Leitung den Vorwurf zu machen, daß sie jenen Draufgängern die Spalten ihrer Presie öffnet, muß man da nicht vielmehr über die Ohnmacht derer klagen, die sich aus der leitenden Stellung binausstoßen ließen? Jede Partei hat ihren Prozentsatz von Chauvinisten und Fanatikern, aber nirgends ist es gehört worden, daß eine Majorität der Minorität den Platz geräumt hätte. Daß der Zionismus sich nicht im Sande verlaufen wird, daß diese elementare Bewegung nicht ohne Einfluß auf das Geschick der Gesamtjudenheit bleiben kann, war für jeden stets klar, und doch haben sich die einflußreichsten Führer des Judentums das Heft aus der Hand nehmen lassen und begnügen sich allein mit der Abwehr. Wie nun. wenn der zionistische Wurf gelingt und die politischen Lenker der Völkeraeschicke mit den Vertretern des Zionismus als mit der Repräsentanz des Judentums überhaupt verhandeln würden, wie dies zuweilen auch der Fall zu sein scheint? Dann werden sich die berufenen Führer des Judentums reuevoll fragen: War es recht, daß wir einer kleinen Opposition wegen unseren Stand verlassen haben», anstatt aus dem Kampfplatz zu verharren und den Sieg unserer Idee durchzufechten? Und wenn man mit der künftigen Entwicklung des Zionismus selbst nur als mit einer Möglichkeit rechnet, dürfen , sich dann berufene Vertreter des Judentums die Zügel aus der Hand gleiten lassen? Die Gefahr des extravaganten jüdischen Nationalismus, deren Tragweite heute noch nicht zu bemessen ist, wäre nur dadurch zu beseitigen, daß die anerkannten Führer des Judeuwms nicht gegen den Zionismus, sondern um den Zionismus kämpfen würden. Solange die Augen aller Juden gen Jerusalem gerichtet sind, wird die Judenheit die Verantwortung für den hyperzionistischen Separatismus nicht von sich wälzen können. DieGroßen Israels müssen die Offensive ergreifen, den Zionismus okkupieren, ihn in ihre m Sinne leiten. N o ch i st e s Zei t!