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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-06-06 · Heft 23 (6.6.1919) · p. Seite 247

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 23 (6.6.1919)
Date
1919-06-06
Page
Seite 247 (sequence 7)
Language
German
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247 Vorverhandlungen iveiterzliführen und den Termin noch vfsenzulassen. Nach Mitteilungen des Vorsitzenden Geheimrat.Tr. F u ch S legen die Zionisten nach der günstigen Entscheidllng über Palästina und die Autonomie durch die Friedenskonferenz auf die sofortige Einberufung des Kongresses keinen Wert. Zn einem S ch l n ß w v r t bittet Tr. W e r t h e i m , über den Antrag L e w i n zur Tagesordnüng überzugehen und -empfiehlt eingehend die Beteiligung am Kongreß unter Beschränkung ans die delltschen Staatsbürger jüdischen Glaubens. Auch Tr. Strauß spricht sich noch einmal für den Kongreß aus, dessen Bedeutung er nachdrücklich hervorhebt. Der Antrag Wertheim wird mit großer Mehrheit angenommen, ebenso der Antrag, Geheimrat Tr. Fuchs die Billigung. für seine Schritte im Auswärtigen Amt auszusprechen. Ter Vorstand zieht fo-bann die Paragraphen 11—16 zurück. — In später Stunde referiert Geheimrat De. Fuchs über das neue positiv e P r o g r a ur m d e s Z e n t r a l v e r e i n s. Bisher hatte der Verein als seine Abwehr eine negative Tendenz. Der Kamps um die jüdische Jugend zwingt zur Aufstellung eines positiven Programms. Hierfür liegen Vorschläge aus Berlin und Frankfurt a. At. vor. Der Vorstand wird beauftragt, aus den vorhandenen und noch eingehenden Allregungen den Entwurf eines positiv-jüdischen Arbeitsprogramms auszuarbeiten. — Rabbiner T. Lange - Essen: Das positive Programm muß auch unsere Stellung zum Zionisnlus restlos klarlegen und wirkliche jüdische Ideale bieten. Das mesfianische Ideal allein wird der jüdischen Zugend nicht genügen. Die Tempel stehen leer und gerade in Zentralvereinskreisen herrscht ein bedauerlicher Jndifferentismus. Diese Stagnation muß aushören/' Nachdem noch einige Redner ihre Meinung geäußert haben, wird beschlossen, die Redaktion eines Entwurfes für das neue Programm dem Hauptvorstand zll übertragen. Mit Tankesworten an die Teilnehmer wird die Tagung vom Vorsitzenden geschlossen. V e r lin, *29. Mai. E. M. Koch ift es £rit! Voll Rabbiner Tr. Sigmund Zampet (^chwedt a. d. Oder), ie Zionismus, -hie Zentratverei-n, hie Orthodoxie! Der Kampf zwischen dem Zionismus und seinen Gegnern! beider genannten Lager hat sich in den letzten Wochen außerordentlich verschärft und nimmt von Tag zu Tag an Heftigkeit noch immer zu. Dem Außenstehenden scheint es im ersten Moment, als drehe sich dieser lärmvolle Streit um die elementarsten Fragen des Praktischen Zionismus — als würden Zentralverein und Orthodoxie den Grundzielen des Zionismus, so der Kolonisation Palästinas, der Errichtung einer autonomen Heimstätte usw. hindernd in den Weg treten. Kaum aber, daß man sich zu orientieren beginnt, erfährt man, daß die grundlegendsten Absichten des Zionismus auch die Ideale seiner Gegner find; ja, daß diese, wie auch alle sonstigen philanthropischen Institutionen, an die Verwirklichung jener Pläne bereits geschritten waren, als der Zionismus sich kaum zu regen begann. Vier Fünftel der jüdischen Kolonien wie aller sonstigen Knlturschöpfungen des Heiligen Landes verdanken ihr Entstehen und Gedeihen der Allianz, der I. K. A. Rothschild, dem Hilfsverein usw. Der Zentralverein hat dem Zionismus schon öfter seine Hilfe angeboten, und die Agudah hat die Kolonisierung Palästinas in ihrem Programm. Wofür also tobt dieser erbitterte Kampf? Einzig und allein um den jüdischen Volksbegriff, den kein Gelehrter h Wir können nicht mit den Ausführungen des gelehrten Verfassers in allen Teilen völlig übereinstimmen. Die „Allgemeine Zeitung des Jndentums" lehnt den Zionismus, insbesondere den politischen, nach wie vor ab. Wir bringen aber diesen Artikel, dem noch ein zweiter folgen wird, aus dem Grunde gern zum Albdruck, weil er streng sachlich eine der wichtigsten Gegenwartsfragen des Judentums behandelt und wir der Ansicht sind, daß man die zionistischen Bestrebungen und Strömungen, ganz gleich, wie man zu ihnen Stellung nehmen möge, nicht unbeachtet lassen darf. Die Redaktion. ' der Welt bis jetzt mit Sicherheit zu definieren vermocht hat. Auf zionistischer Seite wird dieser Gedanke ganz im Sinne des strengsten Nationalismus gefaßt und bekommt dort eine jüdisch-völkische Prägung, die den meisten europäischen Juden als mit der von jedem Staatsbürger zu fordernden Vaterlandsliebe nnvereinbart erscheint. Die Orthodoxie sieht in jener rein nationalistischen Definition des Volksbegrisss eine Profanisierung der Mission Israels, eine Verweltlichung seines Daseinzwecketz. Hier fragt mau sich unwillkürlich: Ist diese ganze Auseinandersetzung nötig? Wäre es nicht viel richtiger, diese Diskussion bis zu dem Zeitpunkt zurückznstellen, wo die Frage aktuell wird, wo politische Konstellation und Gebietabgrenznng zwischen Staat und Religion auf die Tagesordnung werden gestellt werden müssen? Solch heikle Fragen sollten doch auch schon allein aus diplomatischen Rücksichten bis zum unaufschiebbaren Zeitpunkt hinansgerückt werden. Es ist nicht zutreffend, wenn zionistischerseits neuerdings immer wieder betont wird, daß das Judentum nur . mit einem konkreten Volkscharakter an den Völkerbund wird herantreten können. Den Völkerbund werden bei dieser Erwägung lediglich kolonial- . politische Vorteile leiten, bestenfalls dürfte auch das moralische . Motiv, das Bibelvolk -endlich -ans der jahütansend-elangen Sklaverei zu befreien, im Hintergründe mitspielen. In keinem Falle aber wird der Völkerbund danach fragen, ob sich die Zionisten „Volk" -oder „Nation" nennen. Und sollte der Völkerbund nicht gewillt sein, den jüdischen Wünschen entgegenznkommen, dann wird auch der Name nichts daran ändern. Nun wird auf seiten des Zionismus geltend gemacht, daß es zur Erneuerung und Regenerierung des Judentums in den Ländern der Diaspora des jüdischen NatrKlalbewnßtseius bedarf, weil nur ein solcher als wirksames Mittel gegen die Assimilation angewandt werden kann. Aber, woher soll denn der Nationalstolz seine Nahrung erhalten? Braucht das erst betont zu werden, daß ein Nationalismus ohne Land und Muttersprache eine Chimäre ist? Die -Gegenwart, in der das Judentum alle nationalen Eristenzbeidingnngen ermangelt, kann gewiß nicht eine Basis für ein starkes Volksbewußtsein abgeben. Auf seine große Vergangenheit kann das Judentum sicherlich mit mehr Stolz znrückschauen als alle Völker der Erde, und doch -sehen wir, wie es mit dem Judentum gerade in den Ländern bestellt ist, wo das ganze religiöse Denken und Fühlen ans Geschichte und Vergangenheit sich zusammensetzt. Vor lauter Ahnenstolz schämt man sich seines Judentums, und spielt Versteckens mit demselben. Nein, Zukunft und Hoffnung ganz allein sind die unversiegbaren Lebensqnellen des Menschen, des Einzelindividnums wie des Volkes. Alle Völker des Altertums sind mitsamt ihren Religionen zusammengebrochen, weil die letzteren ihnen das Paradies nur in der Vergangenheit zeigten. Die Bibel des verschmähten Judentums aber hat die verfallene Menschheit wieder erlöst, weil sie ihr das verlorene Paradies in der messianischen Zukunft wiedergab. Nur weil der zionistische Gedanke das Augenmerk des Judentums auf sonnige Höhen lenkt, die noch vor ihm liegen, wird er es mit sicherer Hand durch das düstere Tal gegenwärtigen Elends führen können. Die anfmunternde Kraft und die Lebensfreude des Zionismus dokumentiert sich darin, daß er das mesfianische Znknnftsideal, dem auch Orthodoxie und Liberalismus ihre Nahrung verdanken, in tastbare Nähe rückt. Dieser trostreiche Gedanke aber, daß Israel in absehbarer Zeit sich auf dem Boden seiner Väter zu einem kompakten nationalen Gebilde sich verdichten wird, müßte gerade für den Zionisten die müßigen akademischen Erörterungen des jüdischen Volksbegrisfes in der Diaipora ganz

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