Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-06-06 · Heft 23 (6.6.1919) · p. Seite 246

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 23 (6.6.1919)
Date
1919-06-06
Page
Seite 246 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229392-3229413--74925-3287403
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

- 240 Aushebung von Beschränkungen undAusnahmegesetzen, die sich gegen Juden als solche richten. Er .kann nicht dulden, daß bk Grenzen des Vaterlandes nur gegen Juden gesperrt werden. §13. , Der Zentralverein fordert, daß die jüdischen Gemeinden neu organisiert und demokratisiert werden. § 14. Ter Zentralverein will die großen Gelneinschaftsaufgaben der deutschen Ju-denheit lösen und somit an einer Zusammenfassung der Gemeinden zu leistungsfähigen Jnteressenverbänden Mitarbeiten. § 15. Der Zentralverein fordert die nationale und kulturelle Autonomie für die.Juden in den neugebildeten Staaten.. in dem Umfange, den die Mehrheit der dortigen Juden fordert, unter. Wahrung des Rechtes der Blinder Heiken. § 16. Ter Zentralverein tritt ein für die Festsetzung solcher Politischen, adunnistrativen und ökonomischen Bedingungen für Palästina, die eine ungehinderte Ein- - Wanderung der Juden aller Länder und ihre gedeihliche und kulturelle. und wirtschaftliche Entwicklung gewährleisten. - Diese Leitsätze decken sich in: wesentlichsten mit denjenigen Punkten, die der Regierung als Forderung der deutschen Juden zum Friedenskongreß vyrgelegt worden sind. . Allen diesen Fragen muß . der Zentralverein Interesse wtdmen, obwohl er ein innerpolitischer Verein ist. Der Vorstand hat bereits seit langem erkannt, daß eine starke Abgrenzung nicht mehr, möglich ist. Das neue Programm soll die Außenarbeit des Vereins regeln. Zu den wichtigsten Gegenwartsaufgaben gehört die Vorbereitung. des jüdischen Kongresses, für den in weiten Kreisen der deutschen Judenheit Interesse besteht. Tie Jugend will den Kongreß, und wenn die Jugend uns erhalten bleiben soll, so müssen wir uns beteiligen. Aus den Meldungen unserer Ortsgruppen geht hervor, daß überhaupt die Mehrheit der deutschen Juden den Kongreß wünscht... An doktrinären Fragen darf diese große Sache, die nur durch Entgegenkommen von beiden Seiten gesichert werden kann, nicht scheitern. Die Zionisten können aus die Teilnahme der Ausländer nicht verzichten, nur brauchen ihnen aber nicht bedingungslos entgegenzukommen, . sondern können uns auf einer mittleren Linie durch die Forderung einer Karenzzeit einigen. Wir müssen uns auch für Palästina interessieren und können an der Entwicklung nicht Vorbeigehen. Immer schon stand die soziale Besiedlung Palästinas aus unserem Programm. Diesem Grundsatz soll der r^eue § 16 Rechnung tragen. Wir wollen praktische Politik, aber keine Prinzipienreiterei treiben. Einen entgegengesetzten Standpunkt vertritt der Korreferent Justizrat Josephsthal, Nürnberg, der darum bittet, von der beantragten Erweiterung des Programms abzusehen, die mit den innerpolitischen Ausgaben des.Zentralvereins nichts zu tun Haben. Weder in der Wahlrechtsfrage noch in irgendeiner Beziehung dürfen Kompromisse mit den Zionisten geschlossen werden, Palästina geht den Zentralverein nichts an. Sein Tätigkeitsgebiet ist Deutschland, seine Ausgabe die Bekämpfung -des ^lntisemitiSmus. (Lebhafter Beifall.) Tiefen Referaten folgt eine kurze Mittagspause. Tie Aussprache Fiber die K.o n g r e ß s r a g e eröffnet Professor Tr. Karl. Lewin, Berlin. Seit dem Jahre 1613 hat sich der Zentralverein immer mehr zur Vertretung der antiziouistischeu Juden in Deutschland entwickelt, -^eine Tagungen sind mehr von der Stellungnahme gegen den Zionismus, also gegen eine jüdische Partei, -ausgesüllt, als vom Kamps , gegen den Antisemitismus. Das war früher nicht der Fall. Sie bestreiten, daß man Deutschtum und Judentum im Sinne der Zionisten nicht vereinigen kann. Was der einzelne kann,^ das zu entscheiden, müssen sie ihm selbst überlassen, ^ie glauben, sich von denjenigen Juden trennen zu müssen, die sich als gute deutsche Staatsbürger und gleichzeitig als Glieder des jüdischen Volkes fühlen müssen. Diese Entwicklung zwingt mich, aus dem Zentralverein auszutreten. Sie fassen den Begriff des Staatsbürgers im clMwiuistifch-k^ Sinne auf; das ist die Anschauung einer Weltordnung, die bankerott gemacht hat. Staatsgemeinschast nnd Volkszugehörigkeit fallen durchaus nicht immer zusammen. Ter moderne «tctflt hat kein Interesse an der Meinung der einzelnen Bürger, wenn sie ihre Pflicht tun. Es hat heute auch wirklich keinen Zweck mehr, die Existenz eines jüdischen Volkes zu leugnen, nachdem die ganze Welt sein Bestehen, anerkannt hat. Tie Kampfstellung des Zentralvereins ist zugleich eine Geführdnng der bürgerlichen- Rechte derjenigen.Juden., die sich als Glieder des jüdischen Volkes fühlen. Es ist nötig, daß die heutige Tagung zu dieser ^rage Stellung nimmt, um den jüdischen Kampf zu entgiften. Es muß klar und offen erklärt werden, daß das Bekenntnis zum jüdischen - Volke keine Beeinträchtigung der bürgerlichen Rechte zur Folge haben darf. — Justizrat C a h e u - Köln -tritt energisch für die Bernnstaltüng eines Kongresses in Gemeinschaft mit dem Zentralverein ein. Tie bestehenden Schwierigkeiten müssen durch beiderseitiges Entgegenkommen behoben werden. Fv Köln sind Zionisten and Zenkralvereinler in gemeinsamer Arbeit für den Kongreß zu gemeinschaftlicher Zusammenarbeit gelangt. Wenn die Zionisten sagen, daß sie Deutschtum und Judentum Vereinen können, wäre es eine Anmaßung, es ihnen zu bestreiten. Ich glaube, daß wir mit unserem antizionistischen Programm zu weit gehen. Im Interesse des Zentralvereins wollen wir das Band nicht zerreißen, das uns mit allen deutschen Juden verbindet. Ich beantrage, daß die Versammlung erklärt, daß als Mitglieder des Zentralvereins auch diejenigen deutschen Juden willkommen sind, die neben der Zugehörigkeit zum Zentralverein auch ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Volke bekennen. — Rabbiner Dr. Goldmann- -eipzig Protestiert mit scharfen Worten gegen ein Zusammengehen mit den Zionisten. Wir wollen und müssen den Kongreß mitmachen, aber nur dann, wenn wir von unseren Anschauungen nicht das geringste aufzugeben brauchen. Es muß eine reinliche Scheidung zwischen den Zionisten und dem Zentralverein geschaffen werden. - Justizrat Dr. E o h n-Dessau: Der Zionismus liefert den Antisemiten Wasser auf ihre Mühlen. Wir müssen ihn auf das schärfste bekämpfen, nach dem Worte Schillers: „Was die Medizin nicht heilt, heilt das Schwert." Den Kongreß wollen wir mitmachen, wenn er sich aus dem Wahlrecht nur der deutschen Juden aufbaut. Der Kongreßtermin müßte aber bald angesetzt werden, weil bei einem eventuellen Sturz der Regierung eine unabhängige Regierung sofort alle ausländischen Juden einbürgern würde. — Rabbiner Dr. Lange-Essen lehnt jede Gemeinschaft mit den Zionisten ab. Das Tischtuch ist zerschnitten. Wenn wir heute nicht klare Stellung nehmen, so verlieren wir Tausende von Anhängern. Wir wollen die Trennung heute hier klar - aussprechen. Ich warne sie, dem Zionismus die Hand zu reichen. Wie können wir ihm die Rechte bieten, wenn wir sie mit der Linken bekämpfen müssen. — Rabbiner Dr. I aco b - Dortmund spricht sich gegen die Satzungserweiternng aus. Als inländischer Verein hat der Zentralverein keine international-jüdische Politik zu treiben. Redner ist ein Gegner eines gemeinsamen Kongresses mit den Zionisten, der den notwendigen Bruch nur hinausschieben würde. - Justizrat Sonne n s e l d - Berlin spricht sich gegen den Antrag Cahen-Köln ans und polemisiert gegen Professor Dr. Lew in, dessen Zionismus schwächer sei als sein deutsches Gefühl. Redner bittet, nicht so weit zu gehen wie einzelne seiner Borredner, die, wie Gustav Freytag von evangelischen Geistlichen des Resormationszeitaltertz sagt, stärker in der Verfolgung der Ketzer als in der Bruderliebe waren. Er protestiert energisch gegen die Aeußerung, daß Nur den Zionisten nicht die Bruderhand reichen dürfen. Der Zionismus ist nicht als Ursache des Antisemitismus zu betrachten. Der Antisemitismus wäre ohne Zionismus nicht geringer, er bestand schon lange vor dein Zionismus. Wir wollen uns gemeinsam an einem Kongreß beteiligen und dürfen deshalb keine ^unannehmbaren Forderungen stellen. Die Gewissensfreiheit, die wir für uns fordern, müssen wir auch den Zionisten znbillig-en. Der Redner empfiehlt dann die Statuten- - ände ru ngsa nträge des Berliner Vorstandes und regt an, falls diese Anträge abgelehnt werden, dem Vorsitzenden für seine Verhandlungen im Auswärtigen Amt in der Friedensfrage das Vertrauen auszusprechen.' Justizrat Auerbach-Frankfurt a. M. 'lehnt alle Anträge zur Kongreßfrage ab. - Justizrat B r o d n i tz - Berlin: Tie Trennung von den Zionisten ist seit langem vollzogen. Trotzdem müssen wir die Beteiligung an einem allgemeinen Kongreß beraten, da er allgemein auch in unseren Reihen gefordert wird. — D r.- Geiger- Frankfurt v. M. spricht sich gegen die geplante Programmerweiterung und den Kongreß aus. Dr. Paul Nathan-Berlin begründet seine Stellungnahme gegen' den Kongreßgedanken mit der gereizten Stimmung der Antisemiten gegen das Judentum. Wir stehen vor schlimmen Erlebnissen in der nächsten Zeit. Einen Kongreß unterwiesen Umständen einzuberusen und die Gegensätze innerhalb, des Judentums hervorzukehren, würde uns-nicht nur 'schädigen, sondern auch dem Antisemitismus zum Vorteile gereichen. Er empfiehlt die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.