Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1919)
- Date
- 1919-06-06
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Pinsk 1× ep/1045440
- Vilnius 1× ep/1000947
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NN dem erwähnten Datum erhalten. Nach Jnsormatiouen van polnischen Behörden wa-ren diese Personen in ein Komplott verwickelt, das bezweckte, sich der kleinen polnischen Vorposten an der polnischen Ostfront zu bemächtigen und sie zu töten. Was« den Pogrom in Wilna betreffe, so habe der «britische Vertreter in Warschau soeben berichtet, daß er keine Informationen bezüglich dieses Vorfalls hckbe. . Colonel Wedgwood fragte weiter: - „Ist dem Unterstaatssekretär bekannt, daß die betreffenden Juden in Pinsk sich in einer Sitzung befanden, die sich ^mit Fragen der Roten-Kreuz-Verwaltung beschäftigte, als sie von den Polen überfallen wurden, und daß der kommandierende Major des polnischen Detachements, der den Mord allsführen ließ, einen Verweisvon den polnischen Behörden erhielt, und daß sonst nichts in dieser Sache erfolgte?" Unter diesen Umständen beantrage er, daß Vorstellungen bei der polnischen Regierung erhoben werden, daß England mit äußerstem- Bedauern die gegenwärtige Aktion der Polen zur Aufreizung zu Judenmorden betrachte. Shaw, der Abgeordnete für Kilmarnock, fragte, ob dem Unterstaatssekretär bekannt sei, daß alle schottischen Mitglieder des Parlaments ein Telegramm erhalten haben, wonach Tausende von jüdischen Männern, Frauen und Kindern von polnischen Soldaten unter dem Schutz der gegenwärtigen polnischen Regierung ermordet worden seien. Unterstaatssekretär Harmsworth antwortete, diese Mitteilung sei für ihn ganz neu, er würde gern die Einzelheiten erfahren. Dir tzaupwerlsmmluns des Lentrslorrems. m Donnerstag, den 29. Mai, traten im Logenhaus in Berlin 44^ etwa 170 Delegierte zur Hauptversammlung des Zentralvere:ns zusammen. Die Tagesordnung sah eine Statutenänderung, die Aufstellung eines positiv-jüdischen Programmes und nicht zuletzt die Beratung über die Kongreßfrag^ vor. In der äußerst lebhaften Aussprache lebte die Zionisten debatte der Voirk-riegKzeit wieder auf.. Gegen d e n W u n s ch d e r Be rli ne r Le i t u n g, das darf wohl sestgest-ellt werden, ist im Zentralverein gegen den Zionismus in einer Weise Stellung genomen worden, wie sie bisher in jüdischen Organisationen noch nicht vorgekommen ist. Die schärfsten Töne fanden merkwürdigerlveise einige Rabbiner. Jrn Endergebnis hatte sich 'der Zentralverein lnit überwältigender Mehrheit für einen Kongreß aller deutschen Juden ausgesprochen. Die Beratung der Kongreßfrage nahm den größten Teil des Tages in Anspruch, so daß daspositive Programm, das von allen Rednern mit Hinsicht auf die Jugendpropaganda gefordert wurde, nicht mehr erörtert werden konnte. Geheimrat Dr. Fuchs'leitete die Verhandlungen mit dem Gelöbnis treuer Arbeit für den Aufbau des gebeugten Vaterlandes ein. Wenn in den gegenwärtigen Tagen Deutsche sich versanrnreln, schließen sich die Herzen und die Hände zusammen in dem Gelöbnis, in den Tagen des Unglücks treu 514 stehen zum deutschen Vaterland. Mit diesem Bekenntnis beginnen wir unsere Arbeit. Dieses Bekenntnis soll als Wahlspruch die Arbeit des Zentralvereins lenken und uns die Kraft geben, auszuharren und aufzubauen. Der Redner wies dann auf die hohe Bedeutung der Tagung hin, welche die grundlegenden Fragen des deutschen Judentums zu erörtern habe. Der Kampf gegen den Antisemitismus soll nach wie vor im Vordergründe der Vereinsarbeit stehen. Neben den antisemitischen Fragen liegen innerjüdische Probleme von höchster Wichtigkeit vor: die Stellung zunr jüdischen Kongreß, zur Palästinafrage und endlich die Schaffung eines positiv-jüdischen V e r e i n s p r 0 g r a m m s. — Syndikus Dr. Hvllän d e r hielt den ersten Vortrag über die L a g e u n b A x b e i t d e s Z e n t r a l - Vereins. „In nie geahntem Umfang hat der Judenhaß wieder sein Haupt erhoben. Die Volkspsyche ist durch das Unglück des Vaterlandes so erregt, daß die sinnlosesten Lügen der antisemitischen Presse Glauben finden, auch bei den Gebildeten. Auch heute noch sitzen an den leitenden Stellen Männer genug, die ihre Machtbefugnisse zur Bekämpfung des Judentums mißbrauchen, wie z. B. Generalmajor v. W r i s b e r g in seinem Artikel im Militärwochenblatt. Bezüglich der Stellung des Vereins zu den politischen Vereinen kann mit Genugtuung festgestellt werden, daß die Deutsche Volks- 245 -i Partei mit aller nur wünschensnierten Klarheit vom Antisemitismus abgerückt ist, wie dies aus einem diesbezüglichen Schreiben des.Vorsitzenden der Fraktion der Deutschen Volkspartei in der National Versammlung hervorgeht. Aber auch bei der D e u t s ch n a t i 0 - na len V 0 lkspartei herrscht Klarheit, aber in entgegengesetztem Sinne. Dort steht man nach wie vor auf dem Standpunkt des finstersten Mittelalters. An unserer Ablveh rarbeit muß jeder Jude teilnehmen. Durch Ausbreitung und Vertiefung unserer Organisation nnch der letzte Mann im fernsten Winkel zur Arbeit herangeholt lverden. In dem Kampf für die Gleichstellung und Gleichberechtigung werden wir uns weder von antisemitischer noch von jüdisch-nationaler Seite beeinflusien lassen. Dr. Strauß, Frankfurt a. M., sprach über die Stellung de s Z e n t r a l v er e i n s zudem jüdischen Kongreß. Der Kongreßgedanke, der ursprünglich von den Zionisten ausgegangen ist, hat in den weitesten Kreisen der deutschen Judenheit Wurzel geschlagen, so daß der Zentralverein gezwungen ist, hierzu Stellung zu nehmen. Während die Zionisten allen in Deutschland wohnenden Juden das Wahlrecht zürn Kongreß einräurnen wollen, muß vom Standpunkt des Zentralvereins aus eine Beschränkung auf die deutschen Juden verlangt werden. In gemeinsamer Besprechung mit den Zionisten wurden sechs Verhandlungspunkte ausgestellt: 1. Gleichberechtigung und Gleichstellung der Juden und des Judentums in allen Ländern der Welt. 2. Beseitigung und Verbot aller Gesetze, Verordnungen und Bestimmungen, die Beschränkungenlediglich für Juden enthalten, insbesondere von Einwanderungsverboten und Grenzsperren. 3. Nationale und kulturelle Autonomie in den neugebildeten Staaten in dem Umfang, den die Mehrheit der dortigen Juden fordert, unter Wahrung des Rechtes der Minderheit; Berücksichtigung des Sabbats in der Gesetzgebung. 4. Fortsetzung solcher "politischen, administrativen und ökonomischen Bedingungen für Palästina, daß seine Entwicklung zu einem von der gesamten Judenheit getragenen autonomen Gemeinwesen (common wealth) gesichert wird. 5. Entschädigung von Pogromopfern durch den 'betreffenden Staat. 6. Einsetzung eines internationälen Ausschusses mit', der Aufgabe, darüber zu wachen, daß die Grundsätze und Beschlüsse der Friedenskonferenz hinsichtlich der Juden durchgeführt werden. Der Kongreß r stellt den ersten Versuch dar, eine gemeinsame Vertretung 'der gesamten Judenheit zu schaffen. Wir wollen das Trennende beiseite stellen und Hand in Hand mit den Zionisten praktische Arbeit leisten, ohne Unklarheiten über die Grundprinzipien aufkommen zu lassen. — Rechtsanwalt Dr. Wertheim erklärt sich als Korreferent ebenfalls für die Teilnahme am Kongreß. Er faßte seine Ausführungen in drei Fragen zusammen: l.Wer erhält das aktive und passive Wahlrecht zum Kongreß? 2. Was darf behandelt lverden? 3. Wann soll der Kongreß abaehalten werden? Die erste Frage ist die wesentlichste. Der Kongreß soll ein Forum für alles sein, was uns belvegt, also auch für die innerpolitischen Fragen. Hier kann es für uns nur annehmbar sein, daß die deutschen Fragen nur von deutschen Staaatsbürgern erörtert werden. Es ist ausgeschlossen, daß innere deutsche Dinge von einem Kongreß behandelt werden, an dem nichtdeutsck)e Juden teilnehmen. Es wind auch eine Aufgabe des Kongresses sein, die Einbürgerung zu ermöglichen und Ausnahmebestimmungen zu beseitigen, doch kann vor erfolgter Einbürgerung kein Wahlrecht gegeben wenden. Der Kongreß soll alle Fragen behandesln können, die die. Vertreter -des deutschen Judentums interessieren. Alls verschiedenen Erwägungen heraus erscheint die augenblickliche Zeit, in der die Not des Vaterlandes alle Herzen erfüllt, für die Veranstaltung eines Kongresses wenig geeignet, da alle diese Fragen jetzt erst an zlveiter Stelle stehen. Die Ausführungen des Herrn Dr. Wert heim gipfelten in folgendem Antrag: Der Zentralverein begrüßt die Schaffung jüdischer Kongresse in Deutschland, auf denen die das deutsche Judentum benagenden Fragen von der gewählten. Vertretung aller deutschen Inden behandelt werden. Die Generalpersanrmlung erwartet vvm Vorstände, daß der erste Kongreh erst zu einer Zeit einberusen wird, zu dtzr die Abhaltung aus allgemeinen Erwägungen heraus angebracht erscheint. näheren Bestinnnungen werden dem Vorstände überlasten. a Hierauf behandelte Geheimrat Fuchs das neue Programm ec- Fentrallvereins. Die Berliner Leitung schlägt die Ausnahme folgender Bestimmungen als §§ > bis 16 in das BereiM.rvgramm v>or. § 12. Der Zentralverein verlangt in allen Landern die