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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-06-06 · Heft 23 (6.6.1919) · p. Seite 244

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 23 (6.6.1919)
Date
1919-06-06
Page
Seite 244 (sequence 4)
Language
German
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-244 -Bei ihrer. Verfolgung der Beerfelde-Versanrnrlungen scheinen unsere maßgebenden Stellen keine Zeit zu haben, diesen unverhüllten Aufforderungen zu Gewalttätigkeiten und Mord nachzugehen." Es ist, in der Tat, schon Weib gekommen in unserer jungen Republik, wenn fanatische, aber ehrliche Friedensfreunde mit Feuer und Schwert verfolgt werden und offene Mordprediger ruhig ihres Weges ziehen können. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" vom 30. Mai schreibt hierzu: „Die Presse äußert ihren Unwillen darüber, daß die Behörden der Verbreitung antisemitischer. Hetzflugblätter untätig gegenüberstehen. Das trifft nicht zu; die Polizeibehörde tut ihr möglichstes, um diesem Unfug zu steuern. So wurden am Dienstag annähernd 2000 derartige Hetzblätter an ihrem Herstellungsorte polizeilich beschlagnahmt. Auch sonst ist alles angeordnet, um der Verbreitung <nif Straßen usw. nach Möglichkeit zu begegnen. * Eine gemischte Gesellschaft. Die nun glücklicherweise beseitigte Kommunistenregierung in München wurde von vielen Blättern für „jüdisch" erklärt. Hierüber wird geschrieben: „Wenn die Bayern sich über die „Landfremden" entrüsten und dabei — neben den „Saupreußen" und dem 27jährigen Verkehrsminister Paulnkum, einem Tschechen, der kaum deutsch sprechen kann — insbesondere jüdische Bolschewisten aus Rußland oder Spartacisten aus dem Reiche im Auge haben, so muß zur Steuer der Wahrheit doch gesagt werden, daß zu dieser Gesellschaft von geistig Nebergeschnappten, politischen Trunkenbolden und eiskalten Verbrechernaturen nicht nur die Juden, sondern auch andere Völker und Nassen ein reichliches Kontingent gestellt haben. Da ist z. B. der Schweizer- Silvia Gesell, der mit seiner phantastischen Münzresorm, der Abschaffung des Geldes und seiner Ersetzung durch ein Arbeitswertzeichen bisher nur in völkischen Blättern Gegenliebe gefunden hat, dann der Walache Wesow, den man der Menge als „Volksgenossen Waibel" ans dem Schwabenlande vorstellt, u. a. Aper auch die einheimische Intelligenz, das Urbayerntum, auch Offiziere, Hochadelige, stellten ihr reichlich Teil zu der Galerie aus dem geistigen Gleich? gewicht gebrachter Revolutionshelden. In Würzburg stehen mit an der Spitze die Söhne von Professor Seiffert, ferner der Sohn des verstorbenen Würzburger Oberbürgermeisters Ningelmann sowie das Mitglied des Stadttheaters Rolf Gärtner. Daß die Antisemiten am liebsten das ganze bayerische Ministerium als Hauptquartier eines „geheimen Judenverschwörerbundes" ausgeben möchten und — wie der bekannte Mitarbeiter der „D. T. Z.", Dr. Stolzing, in der Wiener „O. R." — auch die kernarischen Minister Simon, Sauber (ein früherer Hotelhausmeister) und den. Volksschullehrer Niekisch zu Juden stempeln, sei zur Charakteristik-Antisemitischer Wahrheitsliebe nur nebenbei erwähnt. Verschiedene Rassen und Konfessionen waren an dem Wahnsinn beteiligt. Es ist sonach eine historische Fälschung, nur von Inden zu reden." * Die polnischen Judenpogrome in Wilna. Die litauische Regierung an «die Entente. Ter bevollmächtigte Ministerpräsident des litauischen Staates in Berlin hat jüngst folgende Note an den Reichsminister des Auswärtigen Amtes, Grasen Brockdorff-Rantzau, gerichtet: „Euerer, Exzellenz bringe ich hiermit zur Kenntnis, daß an alle Regierungen der Entente und des neutralen Auslandes eine Note folgenden Inhalts gerichtet ist: Unter dem Vorwände, die Bevölkerung gegen die Bolschewiki beschützen zu wollen, haben die Polen einen großen Teil Litauens, darunter die Hauptstadt Wilna, besetzt. Aber anstatt der Bevölkerung Schutz zu -gewähren, vollbrachten und vollbringen sie Mordtaten, Räubereien, Vergewaltigungen und verhaften zahlreiche ganz unschuldige Leute. - Nachdem die.Ermordung von Dutzenden von Juden in P-insk straflos für die Polen ausgegangen ist, haben sie vom- 19. bis 24. April d. I. derartige Pogrome in Wilna veranstaltet, wie sie selbst die Geschichte des dunkelsten Mittelalters nicht kennt. Nach dem Sterberegister der Wilnaer jüdischen Gemeinde sind viele Hunderte getötet worden. Nach kontrollierten Erkundigungen sind über mehren tausend Menschen, darunter - viele alte ' Männer und Frauen, von Wilna nach Lida und von dort nach einem unbekannten Orte verschleppt, worden. Auf dem Wege nach Lida find viele getötet .worden. Unter anderem sind in einer der größten Synagogen m Wilna alle sich dort zum Sabbatgottesdienst Versammelten ermordet worden. Der Oberrabbiner, Herr Rubinstein, wurde für stine Weigerung, eine fälschliche Bescheinigung auszustellen, daß der Pogrom von den Bovschewiki veranstaltet sei, verprügelt un'd verhaftet. Fast alle jüdischen Häuser und Geschäfte sind geplündert. Unter dem Vorwand von Haussuchungen beraubt man die Litauer und die Juden allen baren Geldes und ihrer Habe. Die Verhaftungen von Litauern und Juden dauern immer noch. an. Die Polen sind bestrebt, den Schein zu erwecken, daß dies lediglich Opfer der Straßenkämpfe seien. Allein abgesehen davon, daß Räubereien mit Kämpfen nichts zu tun haben, läßt sich diese' aus der Lust gegriffene Behauptung leicht widerlegen: denn.einmal haben die Pogrome zu einer Zeit stattgefunden, als die Bolschewisten Wilna bereits geräumt hatten und es infolgedessen Straßenkämpfe zwischen Bolschewisten und Polen überhaupt nicht geben» konnte. Ferner hat weder die litauische noch die jüdische Bevölkerung mit den Bol-schewisten sympathisiert, vielmehr die Befreiung von diesen herbei gesehnt, so daß die Einwohnerschaft Wilnas schon aus diesem Grunde den polnischen Legionären unmöglicherweise feindlich entgegengetreten sein kann. Schließlich haben die Einwohner Wilnas überhaupt keine Waffen besessen, weil schon die Deutschen und nachher die Bolschewik! unter Verhängung der schwersten Strafen die Bevölkerung systematisch entwaffnet hatten, so daß irgendwelcher Widerstand ausgeschlossen war. Erst die angekommenen Legionäre haben dem polnischen Elemente Wilnas Waffen gegeben nnd dieses hat sodann mit den Legionären die Pogrome veranstaltet. Indem die litauische Regierung gegen diese Grausamkeiten auf das allerenergischste protestiert, fordert sie, daß die Polen: 1. Wilna und das übrige von ihnen besetzte litauische Gebiet sofort räumen, da ihr Aufenthalt dort eine stete Bedrohung für die litauische und jüdische Bevölkerung dieses Landes bedeutet; 2. daß sie unverzüglich alle gewaltsam aus Wilna verschleppten Einwohner zurückführen; 3. daß sie die Familien der Ermordeten sicherstellen und ihnen den Materialschaden ersetzen, der durch eine Kommission, bestehend aus Vertretern der Ententemächte unter' Beteiligung von Litauern und Juden, festgesetzt werden soll." # Interpellation über die polnischen Pogrome im englischen Parlament. Am Montag, den 19. Mai, richtete in der Sitzung des Unterhauses der Abgeordnete von Whitechapel, James Kileh, an den Staatssekretär des Aeußeren die Frage, ob er davon Kenntnis habe, daß, -seit Polen seine Unabhängigkeit wiedergewonnen habe, antijüdische Pogrome in über 140 Städten und Dörfernvon Polen und Galizien stattgesunhen halben, die beträchtliche Verluste au Menschenleben und Eigentum verursacht haben, und daß erst vor kurzem wieder Judenmassakres in Pinsk, Lida und Wilna stattgesunden haben. Der Abgeordnete fragte, ob die englische Regierung bereit sei, eine Aktion zu unternehmen, um die Fortdauer der Judenverfolgungen in Polen zu verhindern. Cecil Harmsworth, Unterst-aatssekretnr des Aeußeren, antwortete: „Die Aufmerksamkeit Seiner Majestät Regierung ist auf die Berichte über antijüdische Pogrome -in verschiedenen Teilen von Polen nnd Galizien, sowie die Massakres in Pinsk, Lida und Wilna gelenkt worden, und Anfragen darüber sind an den englischen Vertreter in Warschau gerichtet worden, mit der Instruktion, dringende Vorstellungen bei der polnischen Regierung zu erheben, falls die betreffenden Nachrichten sich als wahr erweisen. Am Dienstag, den 20. Mai, fragte Colonel Wedgwood den Unterstaatssekretär des Aeußeren, ob er Nachrichten über die Ermordung von 56 polnischen Juden in Pinsk, die am 5. April von polnischen Soldaten ermordet wurden, erhalten, und ob Seiner- Majestät Regierung Vorstellungen bei der poln-i-schen Negierung erhoben habe, daß die Pogrome aufhören müssen, oder daß jede britische Hilfe für Polen ein Ende haben werde. Unterstaatssekretär Harmsworth antwortete: Die Regierung hat Informationen über die Erschießung von 34 Inden in Pinsk

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