Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1919)
- Date
- 1919-06-06
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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243 Grundgedanken init> Vorschläge der Denkschrift erläuternden I Mantelnote. . Die deutschen Gegenvorschläge, die die systematische Vernichtung und Verelendung Deutschlands abwenden wollen, wirken nicht minder niederdrückend als die Bedingungen der Entente. Der Tert des deutschen Friedensvorschlags, der dieser Tage zur Veröffentlichung gelangte, umfaßt folgende Titel: Bereitschaftserklärung auf Zahlung von hundert Milliarden Goldmark an die Entente; Ablehnung der Abtretung Oberschlefiens und Westpreutzens sowie von Danzig und Memel; Danzig Freihafen; Jnternationalifiernng der Weichsel; Abrüstung zu Lande, Auslieferung des letzten deutschen Kriegsschiffes; Schaffung eines neutralen Gerichtshofes. Ergänzung der Commission des reparations durch eine deutsche Kommission. „Regierte in Paris ruhige Vernunft", bemerkt, der „Vorwärts" in der Besprechung der deutschen .Gegenvorschläge, „sie würde mit beiden Händen nach diesem Vorschlag greifen. Für die Entente müßte es ja unendlich wertvoller sein, einen solchen von der rechtmäßigen deutschen Regierung selbst entuwrfenen und garantierten Pakt nach Hause zu tragen als i ein Stück Papier, unter dessen unerfüllbare Bedingungen! irgendeine Scheinregierung gezwungenermaßen ihre Unterschrift gesetzt hat. Auf der einen Seite bietet man ihr einen Schuldschein, der alle inneren Garantien der Güte und Solidität in sich trägt, auf der anderen Seite kann sie sich höchstens einen faulen Wechsel holen, dessen Betrag sie zum größten Teil unter die uneinbringlichen Aktiven buchen kann. Aber in Paris regiert nicht die Vernunft, sondern die Leidenschaft und die politisch-taktische Erwägung. Darum wird man dort dem ungeheuren! Vorteil, den der deutsche Vorschlag bietet, einen glitzernden Scheinerfolg vorziehen und - wahrscheinlich — auf der Unterzeichnung des Ententeentwnrfs ohne wesentliche Aenderungen bestehen. In diesem Fall werden wir in kürzester Frist vor einer neuen.europäischen Krise stehen — und dann allerdings wird uns der deutsche Gegenvorschlag durch die Weitherzigkeit seines Entgegenkommens gute Dienste leisten. Denn da. werden die Völker drüben einsehen'müssen, daß man sie aus Gründen des Prestiges, der Eitelkeit, der unersättlichen imperialistischen Rasfsucht zwingt, für einen schlechten Frieden unter den Waffen zu bleiben, während man einen guten Frieden, der die sofortige Demobilmachung bringt, durch ein einfaches Kopfnicken hätte haben können. Die deutsche Regierung hat sich natürlich nicht dem Glauben hingeben können, daß die Entente ihren Vorschlag ohne weiteres annehmen würde. Was sie wollte und noch will, das sind Verhandlungen. Sie hat ihren Wunsch, zu wirklichen Friedensverhandlungen zu kommen, aufs deutlichste zu erkennen gegeben, indem sie ihren Vorschlag so verlockend wie möglich für die Gegner gestaltete. Aus der anderen Seite entsteht dadurch freilich die Gefahr, daß die Gegner den deutschen Vorschlag als eine erste Serie freiwilliger Zugeständnisse betrachten könnten, der im Laufe von Verhandlungen weitere folgen würden. Da muß denn gleich gesagt werden, daß die deutsche Regierung mit ihren Vorschlägen - sicher nach der einmütigen Ueberzeugung des ganzen deutschen Volkes — bis hart an die Grenzen des 'überhaupt Möglichen und Erfüllbaren gegangen ist. Wollte man den Versuch machen, sie über diese hinauszudrängen, so würde eine gleich hoffnungslose Situation geschaffen werden wie in dem Falle, daß uns die Entente durch Drohungsdruck zur Unterzeichnung ihres unmöglichen Diktatfriedens zu. zwingen versucht. Niemand soll sich darum einbilden, mit dem Vorschlag der deutschen Regierung sei der Stein der Weisen gefunden und wir marschierten nun ohne Widerstand in. den Weltfrieden hinein. Die Lage bleibt schwierig, verworren und gefährlich in einem Maße wie noch keine, die wir in diesen harter! Kriegsjahren erlebt haben. Ob die Gegner gleich jetzt unter Beiseiteschjebung der deutschen Vorschläge die Unterzeichnung ihres im wesentlichen unveränderten Entwurfs verlangen, oder ob sie sich auf Verhandlungen einlassen, in denen sie Deutschland Schritt für Schritt zurückzudrängen suchen, ans alle Fälle bleibt die Gefahr eines neuen Bruchs bestehen, und es gilt sich bereitzuhalten mit allen m o r a l i s ch e n Kräften des Widerstandes, die aufzubringen das deutsche Volk noch fähig ist." Letzte Machrichten. Der Sonderberichterstatter des „Berliner Tageblatts" meldet: - Versailles, 1. Juni. Wie der „Tcmps" mitteilt, ist es wahrscheinlich, daß die Antwort der Alliierten ans die deutschen Gegenvorschläge Ende dieser Woche übergeben wird. „Daily Mail" glaubt, daß der Vertrag vor Ende Juni unterzeichnet werden kann, und deutet an, daß den Deutschen eine Frist von. 10 bis 14 Tagen znm Meinungsaustausch über einige Punkte der Gegenvorschläge gelassen werden soll. Nach dieser Frist würde ein Ultimatum gestellt werden. Marcel Sembat tritt im „L'Heure" lebhaft für die Zulassung Deutschlands znm Völkerbund ei«, sonst könne es . wohl einen Austausch von Unterschriften, aber keinen Frieden, geben. Sembat widmet seinen ganzen Leitartikel dem Begleitbrief Brockdorss-Rantzaus zu den deutschen Gegenvorschlägen, der unzweifelhaft auf die öffentliche Meinung Frankreichs starken Eindruck gemacht habe. Er nennt es ungerecht und geschmacklos, das; . einige französische Blätter versuchen, den Werk des Dokuments herabznsetzen. Ter Brief erfordere eine Antwort, did wohlüberlegt werden müsse;^ein einfaches Ja oder Nein. Mündliche Verhandlungen? Amsterdam, 1. Juni.' Der Pariser Korrespondent des „Daily Herald" meldet: Hier neigt man zu der Ansicht, daß die Alliierten d'ie deutschen Gegenvorschläge als Grundlage für ernste Besprechungen annehmen dürsten. Er erfahre, daß drei Mitglieder des Biererrats willens find, mündliche Besprechungen zuznlassen. Nur Elemencean bleibt halsstarrig und wird dabei anscheinend von Pichon beeinflußt. Es besteht also jede Aussicht auf weitere Verhandlungen, und-es ist sehr gut möglich, daß Deutschland in der Frage der östliches Grenze wichtige Zugeständnisse gemacht werden. Versailles, 2. Juni. Havas meldet halbamtlich: Ter deutsche Gegenvorschlag wird von den Kommissionen geprüft. Am Dienstag wird er im Viererrat erörtert werden. Alan glaubt, daß die Antwort der Alliierten an den Grasen Brockdorff Ende der Woche übermittelt werden dürfte. Basel, 2. Juni. Eine Neuterdepesche vom Sonntag meldet ans Paris: Die deutschen Gegenvorschläge werden von den Alliierten eingehend geprüft werden. Tie Beratungen sollen unter allen Umständen so beschleunigt lverden, daß der 15. Juni als Endtermin für die Unterzeichnung des Friedensvertrages eingehalten wird. * Tod den Indern Wo bleibt die Ordnung? Wir haben bereits vor einiger Zeit auf das höchst, geineingefährliche Treiben eines in der Köthener Straße beheimateten antisemitischen ^Vereins für Volksanfttärnng" Hingelviesen. Diese Organisation hatte es fertig gebracht, in unzähligen Flugzetteln zu Pogromen anszusvrdern. Wer der Meinung gewesen ist, daß der famose Verein aus die allseitigen Angriffe seine Tätigkeit eingestellt hätte, wird gewiß enttäuscht sein, wenn er erfährt, daß erst in diesen Tagen wieder derartige Hetzblätter verteilt worden sind. „Tod den Juden!" riefen die Verteiler der Zettel aus, in denen unverblümt zu einer Nachahmung der Wilnaer Pogrome aufgefordert wird. Daß ein derart skandalöses Treiben geduldet wird, bemerkt die „Berliner Bolks-Zeitüng", wundert uns, nach' mancherlei anderen Dingen, ja nicht mehr. Wir können dein „Vorwärts" aber nur voll zustimmen, wenn er bitter dazu bemerkt: