Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1919)
- Date
- 1919-06-06
- Page
- Seite 242 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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aller religiöser Vorstellungen bar und ledig ist, so gibt es auch kein normal veranlagtes Kind, bei dem erst der Boden für das. religiöse Fühlen und Empfinden künstlich geschaffen werden'-müßte. Es ist in einer jeden Menschenseele eine natürliche Anlage zum Göttlichen und Religiösen vorhanden, die wohl im Leben wieder verkümmern kann, die andererseits aber auch erfolgreicher Ausbildung fähig ist und das Religiöse zur herrschenden Macht im Leben werden lassen kann. Dies kann aber nur, und hier muffen wir Pestalozzi recht geben, durch das Mittel der religiösen Erfahrung, durch religiöse Erlebnisse geschehen. Doch nicht bloß das Elternhaus, auch die Schule vermag solche zu bieten und dadurch zur Entwicklung und Ausbildung der religiösen Anlagen beizutragen. Freilich! werden die von der Schule gebotenen künstlichen religiösen Erlebnisse der Frische und Lebendigkeit entbehren, die die wirklichen Lebenserfahrungen umfließen, dafür aber werden sie planmäßiger dargeboten und in -ihrer Wirkungskraft auf das Gemüt besser ausgenützt. Und indem die Schule ihre Zöglinge mit Männern und Frauen bekannt macht, die vorbildlich für sie werden sollen, bietet sie ihnen künstliche religiöse Erfahrungen dar, die mit um so größerer Unmittelbarkeit und Kraft auf das Gemüt einwirken, als es das Lehrgeschick des Lehrers versteht, das zu klarer Anschauung, zu bringen und nachempfinden zu lassen, ums an jenen Gestalten heiligend und weihend wirkt. Diese analogischen Erfahrungen besitzen in gewisser Beziehung einen Vorzug vor den lebendigen Erfahrungen, die die Umgebung des Kindes bietet. Die im Leben und im Hause sich geltend machenden religiösen Einflüsse wirken oft zufällig, zerstreut und spärlich. Der Religionsunterricht geht dagegen gang planmäßig vor, und die von ihm vor die Kindesseele, gestellten biblischen Charaktere sind von einer Reinheit und Größe, wie sie das wirkliche Leben gar nicht zu bieten vermag. Auch vermag der Religionsunterricht bei seiner Einwirkung auf die Kindesseele das Wortvolle und Bedeutsame ausznwählen und das Störende und Unwirksame beiseite zu lassen, während in der täglichen Umgebung des Kindes sich häufig widerstrebende Einflüsse geltend machen, die bald schwächend, bald anregend auf seine religiöse Herzensbildung wirken. Das gilt vornehmlich für die Unterstufe, doch dürste es bis zu einem gewissen Grade für alle Altersklassen und auch für die oberen Klassen der höheren Lehranstalten eine teilweise Geltung bewahren. Zwar erhält in diesen der Unterricht eine inehr wissenschaftliche Gewandung. Wir haben es hier mit bildungseifrigen Schülern zu tun, die überall angeleitet werden, den Erscheinungen auf den Grilnd zu gehen und sich zu selbständiger Beobachtung heranzubilden. In diesem Lebensalter pslegb sich oft ein inneres Stürmen und Drängen gelterid zil machen, bei dem all das bisher im Unterricht Gebotene euren gewaltigen Gärungsprozeß dnrchmacht und das jugendliche Kraftgefühl sich verflicht fühlt, an den Säulen des Ueberli^ferten zil rütteln. Zwar wird man davon' Abstand nehmen müssen, den Schülern eine fertige Ueberzeugung beizubringen. Es würde diese nur von kurzer Tarier sein und beim erstell Sturmhauch des Zweifels wiederum verfliegen. Aber es soll ihnen wenigstens eine gründliche Anleitung zur Bildung einer eigenen Ueberzerlgimg und einer selbständigen Welt- und Lebens-, anschailung gegeben werden. Dadurch! roird der .Schüler vor einer seichten, leichtfertigen Auffassung der religiösen Tinge bewahrt. Tenn wie überall, so äst das Halbwissen auch auf dem Gebiete der Religion roeit nachteiliger und schädlicher als das Nichtwissen. Soweit es angängig ist, sind die Schüler zrr beit Quellen hinzuführen, damit sie einen klaren Einblick in das gedankliche System der jüdischen Religion, in seinen praktischen Aufbau und seine Ausgestaltung gewinnen und dadurch -einen Maßstab für die verschiedenen religiösen Erscheinungsformen erlangen. Dadurch wird zugleich das Interesse für religiöse Probleme erweckt und die Fähigkeit erzeugt, den entgegengesetzten religiösen Meinungen und Ansichten bei der Beurteilung gerecht zu werden. Besonderes Gewicht ist aus den Nachweis von der welthistorischen Bedeutung der jüdischen Religion und von ihrem segensvollen Einfluß auf die Kultur der Menschheit zu legen. Es ist darzutun, wie Israel der ihm gewordenen Bestimmung gemäß, ein Segen für die Menschheit zu werden, von Anfang an entsprochen hat und nach welcher Richtung ihm auch für die Zukunst ein segensvolles Wirken winkt. An der Gedankenarbeit unserer großen Männer sollen die Schüler beobachten lernen, wie sich das Judentum mit den verschiedenen Weltanschauungen aibgesunden und sich ihnen gegenüber siegreich bewährt hat, um im Anschluß daran zu erkennen, wie ihm aus der Reinheit seiner Gottesidee und der Hoheit seiner sittlichen Anschauungen auch in der Gegenwart die Kraft ersteht, den aus der Zeitströmung erwachsenden antireligiösen Angriffen erfolgreich zu widerstehen. Der umfassende allgemeine Bildungsstand der Schüler dieser Stufe bietet die Möglichkeit, sie in Beziehung auf die Religionsgeschichte genauer zu informieren und ihnen eine tiefere Auffassung vom Wesen und der Bestimmung der Religion zu übermitteln. Bor allem aber muß das Streben darauf gerichtet fein, ihnen auf Grund der erlangten umfassenderen religiösen' Kenntnisse ein solches religiöses Interesse einzuslößen, daß sie im späteren Leben eine ihrem Bildungsgrad entsprechende Teilnahmefreudigkeit für die Erhaltung und Vollführung ihrer Religion bekunden und betätigen. Was mm die einzelnen Unterrichtsdisziplinen anbelangt, so soll auch auf dieser Stufe die Bibel den Brennpunkt bilden, in dem sich alle Strahlen des Unterrichts einen. Von ihr sott man ausgehen, auf sie immer wieder Hinweisen; sie bilde also die Basis des zu errichtenden religiösen Lehrgebäudes. Zwar muß schon in den mittleren Klaffen eine gewisse Bekanntschaft mit dem Inhalt und der Bedeutung sämtlicher biblischer Bücher übermittelt werden, doch kann diese dem höheren Bildungsgrad der oberen Klassen gegenüber nicht mehr als ausreichend gelten. Ein, Aares und umfassendes Bild von der überwiegenden, weltumfassenden Wirksamkeit der Propheten kann man erst in zusammenhängender Lektüre ihrer Schriften erlangen, und eine solche ist jetzt vornehmlich zu pflegen, während in den mittleren Klassen nur eine kurze Auswahl geboten wird. Hierzu kommt die Lektüre des Buches Hiob und die Koheleths, für deren Verständnis erst jetzt die erforderliche Reife vorhanden ist. Auch auf manche Partien in den anderen biblischen Büchern wird man gelegentlich zurückgreifen müssen und auch noch nicht bekannte Psalmen in Betracht ziehen können. (Schluß folgt.) Die Woche. B e v (i n , 2. Juni. eichsminister Graf B r o ck d o r f f - R a n tz a n hat mit 28. Mai namens der deutschen Friedensdelegation dem Ministerpräsidenten Elemenceau den ersten Teil der ausführlichen deutschen Denkschrift ztl dem von den Gegnern überreichten Friedensvertragsentwnrf mit einer kurzen Begleitnote übermittelt. Die Ueberreichnng des zweiten Teiles der Denkschrift erfolgte am 29. Mai, zusammen mit einer die