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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-05-30 · Heft 22 (30.5.1919) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 22 (30.5.1919)
Date
1919-05-30
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Wie groß der Ertrag der Sammlung war, ist mir augenblicklich nicht bekannt, ich weiß aber, daß meine Mitbürger und Glaubensgenossen nicht hinter den Bürgern anderer Städte zurückgeblieben. Damit wäre Ihre geschätzte Aufforderung in Ihrem Sinne erledigt, doch gestatten Sie mir, einige Gedanken daran zu knüpfen, die in gleicher Weise die Gefühle meiner jüdischen Glaubensgenossen wiedergeben. Wir haben, wie Ihnen bekannt sein dürfte, 600 000 jüdische Einwohner in Deutschland. Alte Aufforderungen zu Sammlungen für wohltätige Zwecke, gleichviel ob sie vaterländische, religiöse oder allgemeine wohltätige Ziele haben, werden erfahrungsgemäß sowohl an Juden wie an Christen gerichtet. Seit fünfzig Jahren bin ich jüdischer Lehrer und Prediger, und ich darf versichern, daß kein Notschrei von irgendeiner Seite von den Mitgliedern meiner Gemeinde unberücksichtigt geblieben. Immer aber hat es mich gestört, daß gar oft, wie auch in Ihrem Aufruf, an die ch r i st l i ch e Barmherzigkeit appelliert wird. Wollte!! wir einen solchen Appell sophistisch behandeln, so müßten wir sagen: „Ist es Ch r i st e n p f l i ch t, wie Sie behaupten, geschieht es im Geiste dessen, der die Mühseligen und Beladenen zu sich gerufen." Was kümmert es uns Juden! Unsere Glaubensgenossen, besonders in den Provinzen, wo die verruchten Polen herrschen, leiden die bitterste Not; hier zu helfen ist In den Pflicht! Ich darf versichern, daß eine derartige Auffassung in unfern Kreisen nirgends vorhanden, im Gegenteil, es werden oft große.Summen für speziell christliche Institutionen von Juden gespendet. Wenn doch die Leiter derartiger Sammlungen, die einen hohen ethischen Zweck haben, die gerügte Bemerkung unterlassen würden, wenn sie doch nur an eine vaterländische oder noch besser an die allgemeine M e n s ch e n P f l i ch t appellieren würden, dann würden die Juden ohne bittere Nebengefühle noch bereitwilliger sich beteiligen. Unsere vaterländische Not teilen heute Christen und Juden, und wo wir helfen können, geschieht es nach der Lehre der heiligen Schrift: „Liebe deinen Mitmenschen wie di ch s e l b st!" Mit vorzüglichster Hochachtung Ihr ergebener Lion Wolfs, Prediger der Synagogengemeinde Tempelbnrg (Pommern). .8. Magdeburg, 23. Mai. Im hiesigen Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt Rabbiner Dr. Behrens aus Göttingen einen Vortrag über „Politische und religiöse Strömungen in der deutschen Judenheit". Ausgehend von den großen Umwälzungen, die die Emanzipation und der daraus resultieren de Eintritt in die abendländische Kultur im Gefolge hatte, schilderte Redner "die nun eintretende Neugruppierung in der deutschen Iudenheit. An die Stelle der ehemaligen Geschlossenheit, die der Brauch und die Ueberlieferung bindet, tritt das Parteisystem, das sich in der Entwicklung des konservativen und 'liberalen Judentums ansprägt. Die neuere Zeit ist gekennzeichnet durch die Abwehr, die der Antisemitismus hervorruft. In der Form der Abwehr und des Kampfes gehen die Gruppen auseinander. Die Anhänger des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hakten fest an dein deutschnationäteu Bekenntnis, während der „Zionismus" die Juden um ein jüdischuatiouales Banner vereinigt. Trotz aller tief,gehenden Gegensätze in der deutschen Ju.denheit gibt es in der Betätigung großer sozialer Aufgaben eine gemeinsame Grundlage, die alle einigt, gibt es ein unleugbares Zeugnis lebendiger Kräfte sittlicher und religiöser Art, die kein feindlicher Wille vernichten kann, mag auch die Gegenwart mit tiefer Sorge uns mit unser deutsches Vaterland erfüllen. Der Vorsitzende, Sanitätsrat Dr. Wiesenthal, dankte für den mit lebhaftem Beifall aufgenouunenen Bortrag, der von vornehmer Objektivität durchweht war. E. N. Köthen, 23. Mai. An der hiesigen Handels- und Gewerbehochs hule ist den Polen und polen freundlichen Studierenden das Studium verboten worden., Bon den 19 Immatrikulierten sind 16 Juden. Man darf lvohl die Frage ansioerfen, ob man 'die Inden in Polen, die dort ihren Wohnsitz haben, als solche bezeichnen kann, und ob es Juden gibt, die polenfreundlich sind. Man denke an die 'Pogrome in Lemberg und ganz Polen, um sich ein Urteil über die in obiger. Anstalt getroffenen Härten auszudenkeu. Es sind, wie es scheint, antiselnitische Absichten, die damit oerfolgt werden. — Leipzig, 23. Mai. Tie Lehrer der Religiousschule der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig haben unter Bezugnahme ans den Erlaß vorn 3. Januar 1919 beschlossen, der Bezirksschnliuspektion folgende Erklärung zu unterbreiten: 1. Der Religionsunterricht gehört in die Schule. Die Schule als Erziehungsanstalt kann der erzieherischen Macht der Religion nicht entrateu. 2. Der Religionsunterricht ist den Kindern verschiedenen Bekenntnisses gesondert innerhalb des Bekenntnisses zu erteilen. Allgemeine Religion ohne feste Gestaltung durch das Bekenntnis und ohne Hebung nach dessen besonderen Forderungen ist ein bloßer Begriff, der des erzieherischen Einflusses ans die Persönlichkeit ermangelt. 3. Auch den Kindern israelitischer Religion ist. wo ihre Anzahl es möglich und demgemäß erforderlich macht, Reliaionsunterricht ihres Bekenntnisses in der Schule zu erteilen. 4. Wird trotzdem ein allgemeiner Religionsunterricht eingeführt, so sind von der Teilnahme daran iene Kinder zu befreien, die einen Unterricht in der Religion ihres Bekenntnisses Nachweisen. Es ist beschlossen worden, diese Resolution auch der Lehrerschaft auswärtiger jüdischer Gemeinden zur Zustimmung. zugänglich zu machen. er. .Herford i. W., 23. Mai. In der letzten Stadtverordnetenversammlung lag ein Antrag der jüdischen Gemeinde vor, einigen strenaaläubiaen jüdischen Familien statt des amerikanischen Schweinefleisches Butter zukommen zu lasten. Der Antrag wurde abaelehnt. Auf Anfrage erklärte der Vorsteher des Lebensmittelamtes. daß 13 indische Familien bis vor etwa drei Worben statt Margarine stllls Butter.bekommen bätteu. Dieses wurde allseitig, a n ch v o n d e n s o z i a l d e in o k r a t i t cb e n Vertrete r n . verurteilt und für notwendig erachtet, diew Butter an kranke und alte Leute zu verteilen. Wie nur erfahren, beabsichtiat die indische Gemeind". aeaen diesen ablehnenden. Beschluß sich beselnverdeführend au .die oberen Instanzen zu wenden. er. Esten. °9. Mai. Eine w ü st e \ n d e n h e tz e leiste! sieb ein biesiaer ..Ausschuß mm Zwecke der Aufklärung der Deutschen über indische Machenschaften". Die Flugblätter des ,.Aufklärnnas(!)-AnSschusses" enthalten schwere Beschimpfungen der indischen Reliaion und ihrer Einrichtungen, insbesondere ihres Gottesbegriffes: ihre geplante Verbreitung sollte ein Teil der Planmäßig betriebenen Hetzarbeit sein, durch welche in den vergangenen Monaten fortgesetzt gegen die jüdische Bevölkerung aufgereizt wurde. Die in den Flugblättern wiedergegebenen Aeusteruugen sind teils erfunden, teils entstellt. Was der Ausschuß iu Wirklichkeit Nult, zeigt die Art. in der er sich setzt in der Oefsentlichkeit bemerkbar macht: er läßt neuerdinas überall an Schaufenstern, Läden. Bureaus unv. gegen den Willen der Inhaber kleine Zettel anheften mit der Aufforderung: „Kauft nicht bei Juden!" Das stellt für jeden Unbefangenen klar, daß wirtschaftlicher Eigennutz die Triebfeder der ganzen Hetze ist. Die hiesige Ortsgruppe des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens wird in einer öffentlichen Erklärung in der Essener Presse Stellung zu diesen antisemitischen Machenschaften nehmen. er. Mannheim, 23. Mai. Das hiesige „I ü d i s ch e I n g e n d - heim" ist mit dem 1. Mai d. I. in die Hände des „Indischen Iugendbundes" übergegangen, der dasselbe neu organisiert hat. Das Jugendheim, das während der Sounnermonate jeweils abends von 8 10 Uhr geöffnet ist, soll allen jüdischen jungen Leuten und Mädchen vom 14. Lebensjahr ab ein Heim bieten, in dem sie Gleichdenkende treffen und in dem sie sich unterhalten und unterrichten können. Es liegen ständi-g eine große Anzahl Tageszeitungen aller Richtungen ans, ebenso Zeitschriften für jüdische und künstlerische Interessen. Weiter ist eine Bibliothek vorhanden, die von allen Besuchern des Jugendheimes benutzt werden kann, und eine Reihe guter Gesellschaftsspiele. Für Schreibgelegenheit ist ebenfalls gesorgt. DruM-SelterreiÄ. Z. Wien, im Mai. Das Komödienhaus brachte jüngst eine 'Ihr interessante Borstellnng. Zinn sünfnndzwanzigjährigen Dichkerjnbilämn des ostjüdischeu Dramatikers D a v i d P i n s k i wurde dessen Schauspiel „Eisik Scheftel" ausgeführt. Ein sehr merkwürdiges Werk. Sichtlich von westlichen Kulknreinslüsien berührt, ist es doch eine seltsam und unvergleichbare Frucht seines Bodens. (Ganz anders als etwa die moderne ungarische Literatur, die in der französiscl.en Hypnose jede nationale Wesenheit verloren hat.) Es ist ein Milieustück, in der exakten und reinlichen Methode seiner Schilderung gewiß in einem unmittelbaren oder ln ittelbaren Zusammenhang mit Zola oder Hanpkmann. Aber man fühlt ein starkes unendliches und dichterisches Erlebnis, und dieses Gefühl rückt uns das Werk auch heute noch nahe. Es schildert das tragische

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