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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-05-30 · Heft 22 (30.5.1919) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 22 (30.5.1919)
Date
1919-05-30
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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22 Berlin, 27. Mai. lieber die (S n t w i cf 111 u n d e s Verband e s d -e r j ü d i s ch e n I u g e n d v «e r e t n o D e u t s ch l a n d s tvird uns folgendes mitgeteilt: Die Zahl der Verbandsvereine betrug bei KrieaZausbrttch 121, während des Krieges fiiiib 12 neue Vereine entstanden und 25 Nei^ün^nna-on s--t d-^n Wasfeustillstand erfolgt. Diese Vereine haben zum größten Teil schon die Aufnahme in den Verband beantragt oder es schweben diesbezügliche Verhandlungen. Tie Aalst der Mitglieder hat sich vervielfacht, so daß der Verband zahlenmäßig die größte jüdische Organisation Deutschlands ist. Tie Aalst der gefallenen Verbandsmitglieder ist bei einzelnen Vereinen so groß, daß einige Orte ihren gesamten Vereinsvorstand verloren habere. Die Tätigkeit der Verbandsvereine ist trotz aller Schwierigkeiten auch während des Feldzuges eine lebhafte gewesen. Besonders waren es die weiblichen Mitglieder, die sich in den Dienst der Jugendbewegung stellten und zum Teil mustergültig die Vereine leiteten. Dem Verband sind fünf Bezirksverbände angefchlvssen und es ist beabsichtigt, in nächster Zeit mehrere Nengründungen, z. B. einen bayerischen Bezirksverband, ins Leben zu rufen. B. T. Berlin, 27. Mai. Mit der Trage, ob P v g r o m g e f a h r als Notstand anzusehen ist, hatte sich dieser Tage die Strafkammer des Landgerichts I in einer Strafsache gegen den Händler V f i<\ u nt e n b a ti in m\ beschäftigen. Der Angeklagte, der ent § Galizien stammt, war im Jahre 1918 durch Verfügung des Ober- Präsidenten von Pown aus dem preußischen Staatsgebiet ausgewteien Nwrden. Er kehrte itt leine Heimat Zurück und blieb dort, obwohl sich die Anzeichen eines beginnenden Pogroms immer mehr bemerkbar machten. Die Lage war für ihn dadurch noch schwieriger, weit er keut Wart Polnisch lvrach nud nicht wußte, wohin er fluchten "'ollte. Als eines Tages in dem Getto feiner Heimatstadt eine Plünderung stattfand, erarisf PAaumenbanm bei Nacht und Nebel die Altubt und kam, da die österreichische Grenze nicht passierbar war. narb Deutschland und dann nach Berlin. Hier wurde gegen ilm ein Verfahren wegen Bannbrnchs eingeleitet. Vor Gericht machte Rechtsanwalt Dr. Klee darauf anfmerk'am. daß man in dem vorliegenden Talle die Trage des Notstandes in Erwägung sieben müsse, da der Angeklagte zur Abwendung der Ge fahr für Leib und Leben nicht anders handeln konnte. Das Gericht war der Ansicht, daß Notstand nicbt.vorliege, da P. ja auch nach Sachen oder Bavern hätte flüchten können, und verurteilte ihn y»t einer kleinen Haftstrafe. L2 Berlin, 27. Mai. Der „B u n d o ft j ü d i s ch e r V e r o i n e" hielt am 14. Mai seine erste Generalversammlung ab. Herr Lin erstattete einen ausführlichen Bericht über die bisherige Tätigkeit des provisorischen Arbeitsausschusses und wies besonders darauf hin, daß die gegenwärtigen Zeitverhättnisse und der Zustrom zahlreicher jüdischer Ttückstliiige ans den östlichen Pogrvmgebieten eine soziale umfassende Hilfsaktion dringlich erforderlich machen. In der darauf folgenden lebhaften Anssprache, an der n. a. sich die Herren Neinhart, Sperber. Backmann. Gerbatzki, Rechtsanwalt Teblowicz und Kraus beteiligten, wurde wiederholt hervorgehoben, daß der Ostjüdische Bund in der verhältnismäßig kurzen Dauer seiner Existenz eine sehr bedeutsame und erfolgreiche Arbeit auf dem Gebiete des Rechtsschutzes und in der sozialen Hilfe geleistet habe. Herr Singnlowski wies ans die Notwendigkeit hin, die kulturelle Tätigkeit mit in den Vordergrund der Wirksantkeit des Ostjüdischen Bundes zu stellen. Ztnn Schluß erfolgte die Wahl eines definitiven Vorstcutdes, der sich folgendermaßen zusammensetzt: 1. Vorsitzender: Josef L i n : 2. Vorsitzender: M. R e i n h a r t : Kassierer: L o w i t; Kassenrevisor: L a n dau: Schriftführer: Nechtsanwalt T e b l o tv i c z : Beisitzer: Kraus, Syman, Backmann, Haltrecht, Spiegel, Pilpel, Grünblatt, Kahan. Garbatzki. Nm auch den Anschluß von Einzelmitgliedern zu ermöglichen und die Organisation auf die breiten ostjüdischen Massen zu stützen, ist der Name ,,Bund ostjüdischer Vereine" in „Verband der Ostjuden in Deutschland" rimgewandelt word-en, der ein eigenes Bureau in Berlin C 54, Gormannstraße 29, eingerichtet hat. — Berlin, 2 7. Mai. Die Kochkiste ist von jeher sehr viel verwandt worden ttub hat i'cknrall Trennde wegen der sicheren und schnellen Handhabung gefunden. Bei der jetzt immer weiter tun sich greifenden Kohlen- und Gasnot hat sie der Hausfrau außerordentliche Dienste geleistet. Viele haben geglaubt, sie sei eine Errungenschaft der lotsten Zeit: diese Anschauung ist irrtümlich. Wenn auch in etwas anderer Tornt war die Kochkiste schon lange da: bereits der römisclie Satiriker Jnvenal spricht von ihr alt vovschiedelten Stellen. Unter anderem berichtet er. daß die Juden im Haut von Eguria an der Bia Appia eine „Synagoge" errichtet Hütten. Dabei nennt er als zum jüdischen Haushalt gehörig einen Korb und Heu. Tie alten Grammatiker erläutern diiese Auslassung folgendermaßen: Das Gesetz Moses verbot den Juden, am Sabbat Speisen zw bereiten. Darum verpackten sie die am-Tage vorher bereiteten Speisen mtd warmes Wasser in Hand- und Mundtücher uttd stellten sie in einen Korb mit Heu, um sie aut Sabbat warnt genießen zu /können. E. M. Berlin, 27. Mai. In der letzten Sitzung der W i hu ers - d o x f e r St a d t v e r o r d n e t e n v e r s a nt nt l n ng kam es bei der Beratung des Schttlhanshaltsplans zu einer stunden lau ge rt Debatte über Politik und Antisemitismus in den Schulen. Stadtverordneter S i nt s o n (Soz.) richtete sich gegen die in den höheren Schulen herrschende antisemitische Hetze und richtete heftige Angriffe gegen den Direktor Dr. L e i ch i c n r i n g von dem Reformrealghmnasium II rveaeu seiner politischen Unduldsamkeit gegen Schüler und Lehrer. Wie der Direktor, so feien auch demgemäß die Lehrer. Flugzettet einer bestimnttert politischen Partei fänden nur Platz an dem schwarzen Brett, für den den tschnati analen Jngendbnnd dürfe nm* allein agitiert werdet!. Der Antrag seiner Traktion laute demgernäß auf Amtsentsetznng des Direktors Dr. Leiehsenring. Ter Redner bemängelte ferner, daß jüdische lntd katholische Lehrer nicht zur Anstellung gelangten, obwohl 18 09 jüdische Kinder die Wilmersdorfer Schule besuchten. Stadtverordneter Dr. Lewiniti (Dem.) trat auch für die Gleichberechtigung der jüdischelt Lehrer an den höheren Schulen ein. Professor Dr. He lmke (Deut.) machte darauf austnerksant, daß die Versammlung den Direktor Dr. Leichenring nicht absetzen, sondernihm nur das Gehalt sperret! könne. Bürgermeister Peters bat, die Vorwürfe in der Schrstdepntation zu Prüfen. Nach eingehender Aussprache überwies die Versammlung die sozialdemokratischen Anträge dem Magistrat zur Beratung in der Schnl'depntation. -kV/) Ostrowo (Posen), 23. Mai. Herr Rabbiner Dr. N e u h a u s . der znm Direktor der höheren jüdischen Töchterschule in Lei p z i g gewählt worden ist, verabschiedete sich am Sabbath von der Gemeinde im feierlichen Gottesdienste mit enter inhaltsreichen, ergreifendelt Abschiedsrede. Elf Jahre hat Herr Dr. Netthaus segensreich gewirkt, was Herr Städtrat K r a tt s f o P f namens des Borstatldes der Shnagogengeuteinde in besonders ehrenden Worten zum Ausdruck brachte. Ehorgesnug umrahmte die schlichte Abschiedsfeier. Der Vorstand und die Nepräseutantenversauuntnng gaben zu Ehren des Scheidenden ein Essen, bei dent der Vorsitzende der Repräsentanten, Herr W c g n e r, eine unseren Rabbiner feiernde Ansprache hielt. Die Ehewra kadischa ernannte Herrn Dr. Nenhans znm Ehrernnitgliede unter Ueberreichung einer Adresse, der Jugendbund widmete ihm eine Radierung. Anch'die Egerloge veranstaltete' ein Essen zu Ehren von Herrn Dr. Nenhans, der sechs Jahre ihr Präsident war. Vorher hatte eine schlichte Teier in den Waisenhäusern in Kali sch, deren Begründer Herr Dr. N. war, stattgefunden, bei der die kleinen Insassen weinten über den Abschied ihres Wohltäters und Freundes. er. Breslau, 28. Mai. Die Repräsentantenversammlung unserer Gemeinde hielt eine außerordentliche Sitzung ab, um gegen die Triedensbedingungen der Entente zu protestieren. Nach einer Ansprache des Vorsitzenden, Prof. Dr. Wohlan er-, gelangte eine Entschließung zur Annahme, in der gegen die Triedensbedingungen mit allem Nachdruck Einspruch erhoben wurde. §2 Tempel'burg, int Mai. D a s d e n k s ch e H i l f s w e r k f ü r K r i e g s - u n d Z t v.i> lgef a n g e n e i n Berli n versendet auch an jüidische Seelsorger eine Aufforderung', in einer Predigt und im Religionsunterricht der zurückgebliebenen Kriegsgefangenen zu gedenken, und schreibt unter anderem: „sich an der Sanunlnng für diese Armen zu beteiligen, ist nicht allein Pflicht eines jeden guten Deutschen, sondern es ist auch E h r i st e n p f l i ch t". Darauf erfolgte au die Reichszentralstelle folgende Erwiderung: L ö b l. Deuts ch e s H i l f s w e r k f ü r K r i e g s - und Z i v i l g e f a n g e ne, Berlin. Noch bevor Ihre Aufforderung vom 8. Mai, der Kriegsgefangenen und der Sammlungen für dieselben in eitter Predigt zu gedenken, an mich ergangen, habe ich die Mitglieder meiner Gemeinde, uteine Bekannten und Freunde dringend ermahnt, sich für diese Sammlung ganz besonders zu interessieren. Ich durste hervorheben, daß Hilfe, Beistand und Linderung der Notlage für diese Unglücklichen nicht bloß eine patriotische, sondern Herzenspflicht sei.

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