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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-05-30 · Heft 22 (30.5.1919) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 22 (30.5.1919)
Date
1919-05-30
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Berlin, 30. Mai 1919 83. Jahrgang. Nr. 22 Der Gemeindebote. Beilase zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums". korrrspondrn?kn und Machrichtrn. SmtWand. Berlin, 27. Mai. In der letzten Sitzung der Repräi'entauteuversanrmlung wurde, wie berei-tsmitgeteilt, der von den Gemeindebehörden zum höheren Verwaltungsbea inten gewühlte Rechtsanwalt Dr. Banlw in sein Amt eingesührt. Hierbei richtete an-ihucher Borsitzende der R-epräsien tantenversamurlung, Geheim rat Dr. Minden, folgende Ansprache: „Sehr geehrter He r r Recht sei niv alt! Sie sind vom Gemeindevorstand aus ihr Amt als Leiter unserer Wohltätigkeitspflege verpflichtet worden. Es bleibt mir 'daher nur übrig, Sie in dieser Stellung hier zu begrüßen. Wir wissen, daß die irr der heiligen Schrift, im Talmud nnd in seinen Kommentaren gegebenen Vorschriften und Gebo-te für Wohltätigkei-tssinn, für Witlven- und Waisen schuh u. dgl. für die Ethik, der Menschheit maßgebend geworden sind und überall die Grundlage der Gesittung bilden. Aber mit dichen Grundsähen allein kommt man im komplizierten Wirtschafts'getriebe der Jetztzeit nicht aus. Auch die Formen des Wohltätigkeitssinns, wie sie sich bei den Juden Europas vom Ausgang des Altertums her durch das ganze Nt ittel-alter hindurch bis zur Emanzipation, also- bis um die Wende des 18. Jahrhunderts hindurch, in den Kchillot und Gettos ausbildeten, sind helltd nicht mehr durchführbar. Damals brachte am Sabbat jeder Familienvater einen landfremden Gast mit. Bei jedem Todesfall traten die Gemeindemitglieder zusammen, um die Trauernden mit Speise nnd Trank zu versorgen! u-. dgl. Dies ist natürlich heut Boeder ausführbar noch ausreichend. Die Wohltätigkeit ist jetzt auf anderer, wissenschaftlicher Basis gestellt, und Sie, Herr Kollege, haben sich hierin Praktisch und theoretisch bewährt. Wir erwarten und hoffen von Ihnen, daß Sie in unserer Gemeinde Mustergültiges schassen werden. Mustergültiges nicht nur für Juden, sondern etwas, was auch bei anderen Konfusionen nnd bei der konfessionslosen Wohtsahrtspflege anregend wirken kann. Dies ist der erstrebenswerte Zustand der Menschheit, daß Völker und Bolksaruppen miteinander wetteifern, uubt mit den Waffen des Krieges, sondern im Erstreben des höchsten Grades von Wohlfahrt." Berlin, 27. Mai. Am Sonntag, den 18. d. M., beging der B e r ein f n r j ü d i s eh e K r a n k e n p s l e g e r innen i n Berlin die Feier seines 25 jährigen Bestehens. Vormittags fand die Generalversammlung statt. Der Vorsitzende, Herr Berthold Kirstein, gedachte zunächst in bewegten Worten seines heimaegauaenen Vorgängers mi Amte, des Herrn Salomon Seligsohn. der die Geschicke des Vereins durch alle Fährnisse der schweren Kriegszeit mit sicherer Hand und weisem Herzen geleitet habe. Nach dein Tätigkeitsbericht zählt der Verein zurzeit 67 Oberschwestern und Schwestern sowie 18 Schülerinnen. Sämtliche Stationen des Krankenhauses der jüdischen Gemeinde sindmit Schwestern des Vereins beseht, drei Schwestern versehen den ambulanten Pflegedienst bei der Armen- und Fürsorgekonimi-ssion der Gemeinde. Am Abend versammelte sich -eine zahlreiche Gesellschaft in den schönen Räumen des Sehwesternheims zur Jubiläumsfeier. Der Gemeindevorstand und die Nepräsentantenversammlung waren durch ihre Vorsitzenden vertreten, der Krankenhausvorstand nnd die dirigierenden Aerzte waren vollzählig 'erschienen. Nach einem meisterhaften Vorträge der Chaconne von Bach durch Alfred Wittenberg ergriff Herr Rabbiner Dr. Leo Baeck das Wort zur Festrede. Er führte aus, daß der Besuch und die Pflege der Kranken von jeher eine heilige Pflicht in unserer Glaubensgemeinschast gewesen fei. Eine geordnete berufsmäßige Krankenpflege sei aber bei. uns Juden erst geschaffen worden, als eine kleine Zahl loeitschaueuder Männer und Frauen unserer auf so vielen Gebieten bahnbrechenden Berliner Gemeinde troh der Bedenken der Kleinmütigen und Zaghaften erkannt hatte, das; nur auch jüdischen Mädchen und Frauen einen Beruf erschließen müßten, in dem die anderen Konfessionen schon längst Hervorragendes geleistet hatten. Klein wurde begonnen, groß stehe das Werk heute vor uns. Frau Julie G e r s o n - L i e be r m a n n , Louis Sa chs und Frau Dr. F r a n k l haben ihre Lebensaufgabe darin erblickt, eine Schwesternschaft heranzubilden, die in dem abgelaufenen Bierteljahrhundert nut liingebungsvoller Aufopferung Tausenden vvn Kranken in der Privatpslege und im Krankieuhausdienst die loertvollste Hilfe zu bieten vermochte. Aus Louis Sachs., der in Gemeinschaft mit seiner edlen Gattin neben so vielen Liebeswerkeu auch den Schwestern durch Stiftung des Hauses in der Auguststraße ihr erstes -behagliches Heim bereitete, Passe die Inschrift, die das Denkmal George Washingtons ziere: „Gott hat dir Kinder versagt, damit du uns allen, ein Vater werdest". Frau Dr. Frankl, die seit der Geburtsstuude des Vereins wie eine Mutter für die Schvesternschast gesorgt habe und noch heute aus die ethische Erziehung der Schvestern in täglicher Arbeit einen bestimmenden Einfluß ausübe, habe trotz ihres steten Blickes aus das Große auch das Kleinste nie vernachlässigt. Das Werk, das diese drei geschaffen, sei zu einer Wohltat nicht nur fl'ir unsere in jeder Beziehung hochstehenden jüdischen Berufsschvesteru, sondern für das gesamte Judentum geworden. Mit einem ergreifenden Dank an die versammelte Schvesternschast schloß der Redner seine inhaltsvollen Attsführungen. Klavier- und Geigeuvorträge beendeten die eindrucksvolle Feier. - Im Schivesternheim Ererzierstraße 11b finden auch fernerhin jüdische junge Mädchen und Frauen mit entsprechendem Bildungsgrad und Liebe zum Schwestcrnberuf Aufnahme als Schulerinnen und sorgfältigste Ausbildung. ys Berlin, 27. Mai. Aus dem Arbeitsgebiet der Zens^glw o h l s a h r t s st e l l e der de u t s ch e n I u d e n , das sieh seit dein letzten Bericht an dieser Stelle bedeutend erweitert hat, sei nachstehend das Wesentliche hervorgehoben: Eine besonders rege Tätigkeit wurde auf dem so wichtigen Gebiete der I u g e n d s ü r s o r a e und Jugendpflege entfaltet. Der Krieg und die lange Abwesenheit der Väter bat auch auf die jüdische Jugend, insbesondere die männliche, demoralisierend gewirkt, und die dringende Notwendigkeit, hier mit größter Beschleunigung eine planmäßiae Erziehungsarbeit einznietzeu, bat aus Anregung der Zeutralwohlsahrtsstelle zur Schaffung eines Heimes für schwer erziehbare Knaben in Halbe bei Königswnsterhausen geführt. Es ist von einer jüdischen Siedlii.nasgenosseuschast gearündet und nimmt Knaben im Alter von 10 bis 16 Jahren auf. Unter Leitung eines landwirtschaftlich geschulten Lehrers sollendie Kinder durch das Leben in der Natur den schädlichen Einflüssen der Großstadt entzogen und von ihnen geheilt werden. Die Erziehung ist streng jüdisch: das Heim ist bereits seit dem 1. Mai im Betrieb. Eine ähnliche Gründung ist ebenfalls auf Anregung des Jüdischen Frauenbundes in Süddeutschland geplant: leider hat sich noch kein aeeianetes Grundstück rinden lassen, doch ist zu hoffen, das; auch dieser Plan bald in die Wirklichkeit umae'etzt werden kann. Auch die körperliche Schädigung, die die jüdischen Stadtkinder durch die vielen Entbehrunaen der Krieaszeit davonaetragen haben, hat die Beachtung der Zentralwohlfahrtsstelle gefunden. Im Verein mit der Großloge für Deutschland, dem Jüdischen Frauenbund, dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund und dem Verein für Ferienkolonien jüdischer Kinder ist auch in diesem Jahre versucht worden, jüdische Stadtkinder auf dem Lande unterzubringen. Es wurde insbesondere darauf hingearbeitet, in der Nähe von größeren Städten Landerholungsheime zu schaffen, in welchem die Kinder aus dem betreffenden Bezirk für die Ferien untergebracht werden, nachdem sich die Unterbringung in Familienpflege aus dem Lande nicht als zweckmäßig und auch nicht durchführbar erwiesen hat. — Aus der Tätigkeit der innerhalb der Zeutralwohtfahrtsstellc bestehenden W a i s e n k o m m i s s i o n sei erwähnt, daß ein Verband der jüdischen Waisenhäuser und Erziehungsanstalten gegründet worden ist, dem sich fast ausnahmslos alle in Betracht ko rum enden Anstalten angeschlossen haben. Zweck des Verbandes ist, die jüdischen Waisenhäuser and Erziehungsanstalten den Forderungen der Zeit entsprechend, von jüdischem- Geist erfüllt, auszugestalteu. Eirre weitere wichtige Ausgabe des Verbandes ist die Schaffung von Ansbildungsstätten jüdischer Beamtinnen für wirtschaftliche und erzieherische Betätigung. Der Verband wird seine Praktische Tätigkeit durch eine in nächster Zeit stattsindeude Tagung der Vertreter aller ihm augeschlossenen Anstalten einleiten.

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