Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1919)
- Date
- 1919-05-30
- Page
- Seite 240 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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240 ,,5n§ oithcntmn ist eine Religionseinheit, die sich nuf einer ehelualigen Nationaleinheit aus baut. Tie Nationaleinheit ist verschlvullden, die Religioilseilvheit ist geblieben. 2o bilden die Juden die in der Welt einzig dastehende Erscheinung ei lies Votkes, das religiös eine Einheit, national eine Vielheit darstellt." (£. 20.) Iudaeo-Bavarus behandelt hierauf die Stellung des überlieferten Judentums zur jüdisch-nationalen Frage an Hand der Quellenschriften -der jüdischen Religion und der jüdischen Geschichte. Cr zeigt, daß bei den Juden des Altertums wie des Ntittelalters eine kulturelle und politische Assimilation an die Länder der Diaspora, soweit sie religiöse Gebiete nicht berührte, niemals verpönt lvar. Das Judentum war nicht „kulturfeindlich", daher 'seien auch die Juden aller Länder seit mehr als 1000 Jahren kulturell assnniliert. Das jüdische Volk wurde in nationaler Hinsicht ausgeteilt, während die religiöse Ueberzeugnng es auch fernerhin einte und vor der Allslösung inmitten der nichtjüdischen Umgebung belvahrte. Der Verfasser unterscheidet streng Zlvischon kuttlireller und religiöser Assimilativn. Letztere habe von jeher als Verrat am Judentum, gegolten, während die Treue zum jüdischen Religionsgesetz automatisch jeden Allflösungsprozeß des Jndentnnls' bei seinen Getreuen trotz futtiivelter Assimilation verhinderte. Die Lösung des modernen jüdischen Bitdungsproblems sieht der Verfasser in der Durchführung des altj-üdtschen Prinzips: „Thora im derech erez", d. h. auf deutsche Verhältnisse übertragen: „Jndentum in harmonischer Bereinigung mit Deutschtum", was jedoch nicht zil einer ei n se i t igen Hingabe "an die -moderne Kultur zum Schaden des Jndentnnls führen dürfe. In einem besonderen Abschnitt „Judentlnu und Delltschtitul" weist Iudaeo-Bavarus nach, daß es einen Gegensatz zwischen Judentum ilnd Deutschtum nicht gebe, daß die deutschen Jllden zll einem integrierenden Bestandteil der 'deutschen Nation gelvorden' seien mib daß sie nur eine religiöse, aber keine nationale Scheidelvaud von der christlichen deutschen Bevölkerung. trenne. Die Hoffnung des gläubigen Israels ans seine einstige Rückkehr ins Heilige Land durch Erfüllung der göttlichen Verheißung könne ebenfalls nicht als Zeichen einer nocl> bestehenden jüdischen' Rationaleinheit angeführt werden, denn die Erfüllung dieser Hoffnung 'sei mit dem Glauben an die gleichzeitige Ankunft des Messias und an die Erlösung der ganzen Rienschheit durch die Gottheit selbst unlöslich verknüpft 'lind liege daher nicht aus politischem, sondern ans religiösem Gebiete. Die Kolonisation Palästinas, welche bereits vor mehreren Jahrzehnten begonnen lvvrden sei, bedeute die Schaffung eines religiösen, n i ch t eines n a t i o n a l e n Z e n t r u in s im Heimatlande der Gotteslehre, von dem aus die Reugivnseinheit des Judentums in allen Ländern der Erde gestärkt werden solle. Gleichzeitig solle damit notleidenden heimatlosen Glaubensbrüdern auf dem geheiligten Boden Palästinas eine Heimat gegeben loerden, in der sie ihre Religion frei ansüben und als freie Ballern ans eigener Scholle seelisch und körperlich erstarken tonnen. Die nationale Zugehörigkeit der Inden in Deutschland und in anderen Staaten zur Bevölkerung ihres Wohnsitzes kömie aber durch sie Ansiedlnng eines Bruchteiles der Gesamtjndenheit in Palästiua keinesfalls berührt loerden. Als einen Gewährsmann für seine Anschauungen führt Jndaeo-Baoarus S a ut s o n N a P h a e l Hirsch, den Vorkämpfer des orthodoxen deutschen Jndentnnls im 19. Jahrhundert, an, indem er verschiedene Abschnitte aus dessen Werken zitiert, in welchen Hirsch in klassischen, für die Jetztzeit hochattuelleu Darlegungen über „Zionssehnsucht nit'b Vaterlandsliebe", „staatsbürgerliche Pflichten der Juden im Exil", „Elnanzipation im Geiste des Judentums" sich älißert. Was das Bildungsprvölem der Ostjuden anlange, so biete auch für diese die Durchführung des von S. R. Hirsch und seinen Epigonen als Parole ansgegebenen Prinzips: „Thora im derech erez" die einzige mögliche Lösung im. jüdischen Geiste, während die Schaffung einer besonderen politischen jüdischen Rationalität den Ostjuden — wie der Verfasser unter Berufung auf Zivie r, „Zur Rassen- und Ostjudenfrage", näher ans führt — neben dem Kampfe, den sie ihrer Religion wegen weiter zu bestehen haben würden, den llvch häßlicheren Nationalitätentamps auserlege und sie damit einer Fortsetzung der von den Russen gegen sie großgezogenen Verhetzung und der wirtschaftlichen Verelendung preisgebe. Auch die Kultur der Ostjuden sei ja nicht altjüdische Ratwnalkultur, sondern, von ihren religiös-jüdischen Bestandteilen abgesehen, ein Werk der Assimilation, eine Mischung von mittelalterlich-deutscher und nenzeitlich-slawischer Kultur. Gegenlvärtig gelte es, den Ostjuden, die geistig-k'llltllrell großenteils noch im mittelalterlichen Getto leben, die Errungenschaften der modernen Kultur zugänglich zu machen, ohne daß sie dabei ihrer religiösen Kultur verlustig gingen. — Im Abschnitt „Glauben oder Nationalbewußtsein" widerlegt Iudaeo- Bavarus die Brenersche Auffassung von der jüdischen Religion als „Rationalgesetz", indem er an Hand der überlieferten Quellen nachweist, daß der jüdische Glaube völlig unabhängig von irgendwelchem Rationalbewußtsein sei. Im Schlußkapitel seiner Arbeit zeigt der Verfasser, daß die Lösung des Judenproblems entsprechend dem Wesen des Judentums nur im Bereiche des Religiösen, Nicht aber im Zusammenhänge mit der Lösung Politisch-nationalep Fragen gefundewr werden könne. In den Bemühungen, das Judentum als „Nation" zu deuten, sei die Anpassung an den Geist der Zeit, in der so viel von den Rechten der kleinen Nationen gesprochen werde, unverkennbar. Die politischen Fragen, welche unsere Gegenwart beschäftigen, dürfen aber kein Anlaß sein, die jüdischen Ewigkeitswerte in ein modernes Gewand zu hüllen und so, politischen Strömungen Rechnung tragend, aus dem Judentum etwas zu machen, was es in Wahrheit nicht sei. Wir haben die Schrift mit großem Interesse gelesen und können sie als anregende, instruktive Lektüre aufs wärmste empfehlen. A—tz. * Der B r i e f w e ch s e l zwischen Paul Heyse und Theodor Storm. Herausgegeben und erläutert von Georg L Plotke. 2. Band. 1881 bis 1888. Verlag I. F. Lehmann, München. - < Dieses Buch erhielt ich an einem der trüben Tage dieser an traurigen Tagen so reichen, schweren Epoche. Ich stüxMi wich hinein, um eine Ablenkung zu finden, zugleich in der Hoffnung, manches zu entdecken, woraus ich die Leser dieser Zeitung Hinweisen könnte. Diese Hoffnung wurde aber zunächst getäuscht; denn Juden kommen in den ersten hundert Seiten und auch später verhältnismäßig selten vor. Rur gelegentlich wird Sonnenthal erwähnt, Berthold Auerbach wird genannt; aber statt literarischer Urteile findet sich nur die Bemerkung, daß Heyse «mit ihm täglich Franzefuß spiele; Lazarus, bekanntlich ein intimer Freund Hehses, wird einigemal angeführt. In den späteren Teilen kommen Franzos, Otto Brahm gelegentlich vor. Ueber des ersteren „Kampf ums Recht" heißt es (S. 180): „Vortrefflich, nur im Teil 1 zeitweilig etwas peinlich". Solche kleinen Bemerkungen würden es kaum rechtfertigen', von diesem Buch zu sprechen. Doch stieß ich dann auf einige andere Stellen, die mich veranlassen, nachdrücklich auf bie ^öeröffentli-cfjunö hinzuweisen. Storm schreibt am 10. August 1884: „Gestern kam ein achtseitiger«.Brief nebst Buch: „Sollen die Juden Ehristen werden?", von Singer. Er will die Briefe, die er darüber erhalten, drucken lassen und verlangt auch einen von luir. Das nicht uninteressante Buch übergeht nun alles Bedenkliche, z. B. rechnet es den Talmud (ob den ein- oder zwanzigbändigen?) zu den heiligen Bückfern; daß er aber un- und widerchristlich ist, sagt er nicht, läßt er ganz ruhen. So führt er den Spruch: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" ans der Thora an; daß dort unter den Reichsten nur der Jude verstanden loerden kann, verschweigt er und hundert Etceteras. Daß ich übrigens weit vom Antisemitismus entfernt bin, lveißt Du! — Auch auf Dich bezieht sich der Verfasser. Aber nicht mehr." Am 10. August 1884 schreibt derselbe: „Wenn ein Langbehn ans Potsdam Dir seine Gedichte in Folio sendet, ich habe sie eben gehaibt und ihn gründlich abgewiesen." Das bezieht sich auf die „Lieder eines Deutschen", die freilich erst 1891 im Druck erschienen und durchaus antisemitisch sind; der Verfasser war das Jahr vorher durch sein Buch' „Rembrandt als Erzieher" sehr begannt geworden. Ferller mag darauf hingewiefen loerden, daß an verschiedenen Stellen (S. 118, 122, 126) manche sehr lesenswerte Bemerkungen über Paul Hehses Drama „Simfon" stehen, Stellen, in denen Storm die biblische Darstellung, namentlich der Delila, gegenüber den Erfindungen Hehses verteidigt. Endlich ist daraus hinzuweisen, baß Seite 210 und Seite 212 interessante Ausführungen über Otto Ludwigs „Makkabäer" sich finden. Zu der Stelle Storms über den Talmud bemerkt der Herausgeber: Storms Ansicht über den Talmud ist irrtümlich. Auch hat die Bibelforschung den Nachlveis erbracht, baß mit dem Nächsten (hebräisch reu) nicht der Jude, sondern der Mitmensch überhaupt gemeint ist. (Vgl. auch Hermann Eohens „Ethik", S. 207 f.) L. G.