Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1919)
- Date
- 1919-05-30
- Page
- Seite 239 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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m „Verwundet oder toi?" Gold stein schrie es inehr, Une er es sagte. Ihn schwiiudelte. „Tot! Kopfschuß!" kam es dumpf über die Lippen des Gefragten. „Ich «habe ihn zehn Schritte von mir fallen sehen, wir mußten gerade gegen ein. Englän'dernest austürmen. Der Karnps war hitzig und hartnäckig. Ihr Sohn war ein guter, tapferer Soldat gewesen, und er ist für das Vaterland gefallen. Unser Hauptmann wird es Ihnen noch schreiben. Trösten Sie sich!" Und mit 'den letzten Worten reichte der Redende seine Rechte dem Händler, die dieser erfaßte und drückte, und war rm nächsten Moment mit einen: „Auf Wiedersehen!" wieder verschwunden. Goldstein griff.an sRMü'KbM der Schwindel, der ihn erfaßt, wurde heftiger, und er wäre, in der: Laden zurücktretend, zu Boden gestürzt, -wenn ihn nicht Thea, die gerade aus der Wohnung kam, davor bewahrt hätte. „Ephraim ist tot", jammerte Goldstein, auf einen Stuhl sinkend. „Meine Ahnung!" stöhnte Thea, und Tränen stürzten aus ihren Augen. „Gott unsrer Väter, hast d-u uns verlassen?" Und das Lamento des alten Ehepaares wollte gar kein Ende nehmen. ' Goldstein war gebrochen an Leib und Seele, er schlich wie ein 'Träumender dahin. Ephraim, der brave, folgsame Sohn mit seinen reichen Kenntnissen und seiner Herzensbildung, war sein,Stolz, seine Hoffnung gewesen. Er überließ das Geschäft ganz seiner Frau und verbrachte den lieben, langen Tag in einem alten Lehnstuhl am Fenster seines Wohnzimmers sitzend, und wenn er die neuesten Kriegsnachrichten gelesen hatte, döste er vor sich hin. -- Da war eines Abends etwas ganz Unerwartetes eingetreten. Goldstein sitzt im Dunkeln, während Thea, im Laden beschäftigt, gerade einen Kunden ab fertigend, ihren Mann rufen hörte: „Theachen! Theachen!" Der Kunde eilte davon, und Thea stürzt, nichts Gutes ahnend, zu ihrem Mann. Goldstein hat die Hand auf sein Herz gepreßt und die Augen geschlossen und stöhnt: „Theachen hilf mir! O Gott, 0 Gott, mir ist so bang'! Es geht zu Ende mit mir!" Thea holt Wasser herbei und spritzt es dem Leidenden in das Gesicht; dieser öffnet noch einmal die Augen, drückt Thea die Hand, sieht sie wehmutsvoll an, sinkt auf seinen Sitz zurück und ist ----- tot! „Isidor! Lieber, guter Mann!" schreit Thea auf. Die kleine resolute Frau eilt zu einer Nachbarin und bittet diese, den nebenan wohnenden Hausarzt zu holen. Es vergeht eine Viertelstunde, bis ein junger, hübscher Mann das Zimmer betritt. Er untersucht sorgfältigst den Toten und sagt: „Tut mir herzlich leid, Frau Goldstein! Ich komme zu spät, es ist ein Herzschlag, und das kommt rasch/ Mein inniges Beileid!" Der Arzt drückt der Witwe die Hand, sagt noch einiges Tröstliches und verschwindet. Und Thea, die ihre Kräfte verlassen, sinkt in eine tiefe Ohnmacht. Goldstein war zu seinen Vätern versammelt worden. Eine Woche war seitdem verflossen. Thea hatte gerade den Laden geschlossen, als es an der Entreetür der Wohnung zweimal heftig klingelte. Sie öffnete und Ephraim stand vor ihr, schön wie ein junger Gott. Der stattlich gebaute junge Mann in seiner feldgrauen Uniform, die Brust mit zwei Krellzen dekoriert, sah gesund und blühend alls, und seine großen braunen Augen strahlten. ^Ephraim, du?" schrie Thea auf. „Bist du's oder dein Geist?" „Ich -bin's, Mutterl! Gut Schabbos!" versetzte der Ankömmling lachend, seine Erzeugerin stürmisch umarmend und küssend. Und beide traten hierauf in das Wohnzimmer ein „.Vater ist nicht zu Hause?" fragte Ephraim. Keine Antwort. „Ist er krank?" „Ach, Ephrailn", calinb-evte endlich Thea, und es klang recht elegisch, „ich t-ann es dir nicht länger verbergen, dll hast feinen Vater mehr, du Aermster. Er ist dort, von wo kein Sterblicher mehr zurückkehrt. Vor acht Tagen war's, es kam so plötzlich, sein altes Herzleiden „Tot! Hör' ich recht? Mein lieber, guter Vater tot?" Und Ephraim warf sich auf das Sofa, vergrub seinen Kopf in die Kissen und weinte wie ein Kind. Die Mutter ließ ihn ruhig gewähren. Und als er sich wieder gefaßt hatte, erzählte ihm die Mutter, wie sein Unteroffizier gekommen llnd die Todesnachricht gebracht, worauf Ephraim erwiderte: „Das war Marx, ein lieber, anständiger und gerechter Vorgesetzter, und er hatte mich mit meinem Nebenmann verwechselt. Das kommt häufig vor in der Hitze des Gefechtes. Ich bin pünperlgesund, Muttert, wie der Wiener sagt. Morgen will ich Marx besuchen, er ist auf Urlaub hier bei seiner alten Mutter. Und der meinige lautet auch auf vierzehn Tage. Das ist fein, was?" Es war ein Sonnabend, an dem Ephraim eingetroffen war, llnd als der Sonntagnachm-ittag erschienen war, setzten sich Mutter und Sohn auf die Straßenbahn llnd fuhren nach dem in einem östlichen Vororte der Residenz liegenden neuen Friedhofe, um das Grab des Vaters zll besuchen. Und hier, des tellren Entschlafenen gedenkend, weinten sie sich noch einmal aus. Nuth. er Ost erstarb in Palästinas Farben, Da ging die schöne Rilth noch spät nach Garben. Weil Boas es erlaubt, der Reiche. — Schlank Schritt sie dahin, indes die Sonne sank, Am Abendhimmel letzte Lichter starben. Und Boas sah sie: „Viele doch erwarben Ein reines Weib. Ich bin vor Sehnsucht krailk. Wie wüßt' ich dieser Schlanken heißen Dank!" Er sprach mit Noemi. Und Ruth war Brallt. Sie hatte längst den stolzen Mann erschaut Und nicht nach Aehren nur allein gesehen. „Wohin du gehst, dahin will ich auch gehen!" Sie schllfen sich ein reines Glückeseiland, Und dem Geschlecht entsproßt' der Christen Heiland. A l f r e d F r i e d m n 1111. Literarische Mitteilungen. — o u dae 0 - Bavar it s : D n § „In denpr 0 bl e in" n it d seine L ö s n n g. Ein Wort zur Klärung. Regensbnrg 1919, Verlag der „Laubhütte". Die uns vorliegende Publikation ist gegen eine von I. B r e n e r verfaßte Schrift „Judenproblem" gerichtet, behandelt von Grund nilf die Frage, vb die Inden eine Nation oder religiöse Einheit bilden, und widerlegt die von Breuer aufgestellten Theorien. Unter Heranziehung eines erheblichen Beweismaterials vertritt Iudneo Bavarus den Standpunkt, daß die Inden and) heute noch eine r e l i - g i ö s e Einheit vorstellen,, während sie irr national-kultureller Hinsicht in eine unendliche Vielheit zerfallen, lehnt dagegen die von Breuer geprägten Begriffe von den Inden als einer „Einheit des Hasses" n.nd einer „Einheit der Liebe" als verallgemeinernde Uebertreibnngen ab. Weder die Einheit der Religion, noch die Einheit der Geschichte, noch die Euil>eit der Rasse .- falls von einer solchen bei den Juden gesprochen werden könne genüge, um die Juden für eine „Nation" zu erklären, denn der Sprachgebrauch verstehe unter „Nation" eine Einheit, die sich ans gemeinsamer Heimat, Landessprache, K-ultur und Sitte und e i n h e i t l i ch e n f> 01 i t i s che n Zielen ausbaue. Eine solche Einheit seien die Juden nicht. Das Judentum sei zwar Volkseinheit i m w e i t c x e n S i n ne, aber keine „N a t i 0 n":