Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-05-30 · Heft 22 (30.5.1919) · p. Seite 238

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 22 (30.5.1919)
Date
1919-05-30
Page
Seite 238 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3229392-3229412--74912-3287389
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Beide Männer begaben sich tu das Innere des Ladens, der vollgepfropft war van alten Kupferilnd Stahlstichen, Möbeln aller Stilarten, Waffen, darunter ein malaiisches Dolchmesser, Tassen, Uhren, Tellern, Leuchtern, Tabatiären, Bier- und Weingläsern; in einer Ecke stand eine mit dem Kopfe wackelnde Pagode. Kur; und gut, es war ein wahres Raritätenmnsenrn. Simonsohli, ein Liebhaber und Sachkenner, hatte all diese Herrlichkeiten schon so oft erschaut und geprüft, aber immer wieder zogen sie ihn an! „Es ist geradezu erstaunlich, was man bei Ihnen nicht alles oorfhtbet", sagte der kleine Mann und atmete schwer, da er an Asthma litt. „Wie geht denn das Geschäft?" „Mies, Herr Simonsohn", seufzte der Gefragte. „Der Krieg ist schuld daran." „Und wie geht es Ihrem Sohn? Haben Sie gute Nachrichten?" „Die besten", sprach Goldstern eifrig weiter. „Mein Ephraim schreibt mir, die Verpflegung sei gut und reichlich, aber das ewige Geschieße, ach Gott, den 'ganzen Tag, bis es dunkel wird, die Nacht kommt, die armen Kerls todmüde Umfallen und dann oft noch keine Ruhe eintritt. Ist es nicht ein -reiner Jammer, diese Menschenschlächterei, wie man sie nie gekannt hat, und wozu? Sagen Sie mir eins, Herr Simonsohn, w o z u?" „Ja, das fragt so mancher und findet schwer eine Antwort darauf", erwiderte der Bankier ernst. „Der Neid des Engländers und der durch die Presse künstlich geschürte Haß des Franzosen und Nüssen haben diesen unseligen Krieg entfesselt, und wer die besten Nerven hat, der gewännt ihn, lvie unser Hindenburg einmal richtig gesagt hat." „Und wer hat sie?" Ganz ängstlich kam es ans dem Munde von Gold'stein. „Nun, hoffentlich wir Deutsche!" Und Simonsohn lachte kurz auf und sah auf seine Uhr. „Ich habe nicht viel Zeit. Also was 'soll ich meinem Sohn schenken?" Goldstein verfügte sich in den hintersten Teil seines Ladens und kehrte im nächsten Moment zurück, ein reinsilbernes und vergoldetes Zigarettenetui in der Hand haltend. „Ist Ihr Herr Sohn Raucher, Herr Simonsohn?" „Fast zu viel", lachte dieser von neuem „er qualmt wie ein Fabrikschlot, und wenn er einmal zu uns nach Hanse kommt, glaubt meine liebe Frau ersticken zu müssen. Es ist eben eine Passion, und jeder hat fein Steckenpferd, sonst glaubt er, er könne nicht leben. Ich rauche nicht: mein Steckenpferd ist die Börse. Mit den Papierchen geh' ich zu Bett und steh' mit ihnen wieder ans. Aber ich rede zu viel und vertrödle meine Zeit, und Zeit ist Geld, mehr denn je." Und der Sprecher sah wiederum auf seine Uhr. „Wie wäre es mit diesem Etui, Herr Simonsohn?" sagte jetzt Goldftein. „Das wäre wohl etwas für Ihren Herr:: Sohn, wird ihm Freude machen." „Hm! ja!" rief der Bankier ans. „Oder diese Eule da, die ihre grünen Augen so schön verdrehen kann? Was meinen Sie?" Und Simonfohn nahm eine Eule vom Ladentisch — es war ein Feuerzeug — betrachtete sie von allen Seiten imb sagte bann: „Nein, nein! Bleiben wir bei dem Etui!" Ueber den Preis des Kaufobjektes war man bald einig geworden. Währenddem hatte sich der Regen verstärkt, es goß in Strömen. Ter Bankier steckte das Etui ein, verab-. schiedete sich rasch von dem alten Händler, rief vor dem Laden eine gerade frei gewordene Autodroschke heran, bestieg dieselbe und ließ sich nach seinem ziemlich entfernt liegenden Geschäftshanse fahren. Kaum hatte der Bankier den Laden verlassen, als eine kleine, zierlich gebaute Frau, in mittleren Jahren befindlich, eintrat. Sie hatte feuerrote Haare, und ihr milchweißes Gesicht war von Sommersprossen verunschönt. Dell großen Marktkvrb, den sie trug, setzte sie keuchend ab. „Theachen", rief Goldstein seiner Frau zu, „hast du soeben reu Herrn mit dein Auto abfahren sehen?" „Nein, ich Hab' nir gesehen." „Es war der Bankier Simonsohn und ich Hab' gemacht mit ihm ein feines Geschäft", und der Sprecher klimmperte mit den Goldstücken, die noch auf dem Tische lagen. „Freu' dich mit mir, Theachen!" „Kann ich's?" entgegnete Thea und setzte sich auf -einen Stuhl. „Ja, wenn der Krieg nit war, der einem alle Freud' am Leben raubt. Unser Ephraim, unser einziges Kind. Die Angst um ihn bei Tag und Nacht, und seit zwölf Tagen wissen lvir nix von ihm. Mocht man da nit verzweifeln? Wenn ich illeine Ahnungen nicht IjättT „Was ahnst du denn schon wieder?" Goldsteins gute Stimmung war wie weggeweht. „Hellt' nacht könnt ich nit einschlafen,", erzählte nun Thea, „ich wälz' mich iln Bett herum, steh' endlich wieder ans, zieh' ulich an, guck' zum Fenster hinaus. Der Mond scheint in den alten, verschlossenen Friedhof, der hinter unserm Hanse liegt, hinein und versilbert Baum und Strauch, und mir wird's ganz sonderbar zumut' und ich denk' an unfern Ephraim. Mit einem Male ruft's: Kiwitt, Kiwitt! Es ist das Käuzchen, und wenn es sich hören läßt, dann muß jemand in der Familie sterben. Weißt dll noch, wie im vorigen Jahve die alte Goldschmidt starb, da - " „Ach, dummes Z-eng!" brrumnte Goldftein. „Weiber- §eträtsch!" „Ja, dll bist der ungläubige Thomas!" entgegnete Thea mißmutig. „Aber wivst's sehen, lvie es eintrifft. Und ich habe recht, was ich gesagt habe." „Ihr Frauen habt ja immer recht", ironisierte Gvldstein. „Was soll uns zustvßen? Ich bin zwar ein alter Knabe, fühle mich aber wohl wie der Fisch im Wasser, wenn auch das alte Herz nicht mehr so ganz kapabel ist. Und du, Theachen, hast and) nix zu krächzen. Und unser Ephraim wird eines schönen Tages wiederkommen, gesund an Leib und Seele; jede.Kugel trifft ja nicht, und in der vordersten Linie ist er ja nicht. Wie kann man in lmserm aufgeklärtem Jahrhundert noch so abergläubisch sein! Ich begreif' dich gar nicht, Theachen." „Ich kann das Tierchen nicht mehr sehen", sagte Thea, ergriff die Eule und warf sie in eine Ecke. „Verschenk' sie, Alaun!" Die kleine Frau war sehr leidenschaftlich veranlagt. „Aber, Theachen! Ich kann dich wirklich nicht begreifen!" „Mach' mich anders, wenn dn's kannst!" Es klang recht I gereizt. ' Goldstein zuckte mit den Achseln und schwieg. Er lvnßte; nicht, was er hierallf antworten sollte. In der Frühe des anderen Tages war's. Während der; Nacht hatte Jupiter Pluvius, seines Amtes milde geworden, j seine Schleusen wieder geschlossen, die Sonne schien frenndlich,! lind der Tag schien schon zil werden, j Wieder stand Goldstein auf der Schwelle seines Ladens! und musterte, lvie dies seine Gewohnheit war, die immer j zahlreicher werdenden, vorbeihastenden Passanten. Er hakte, , lvie meist, gut geschlafen und war guter Laune, j Ta trat ein Unteroffizier in Feldgrau mit stark mosaischem j Typus und stramm salntierend an ihn heran. I „Herr Goldstein?" I „Der bin lch. Was ist gefällig?" „Fassen Sie sich, Herr Goldstein!" sprach der baumlange > Krieger, der den Händler gut um Kopfeslänge überragte, weiter und lein Auge umflorte sich. „Ich bringe Ihnen eine Nachricht von Ihrem Sohn. Er ist gefallen."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.