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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-05-30 · Heft 22 (30.5.1919) · p. Seite 236

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 22 (30.5.1919)
Date
1919-05-30
Page
Seite 236 (sequence 8)
Language
German
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9HR -- bevor, welche czanz im Schoße des unbedingten Glaubens ruhen, konnte gegen die ungeheure Mehrheit schon nicht mehr in Betracht kommen, welche mit den Füßen allenfalls noch auf den alten Vorstellungen weilt, das Haupt hingegen längst von demselben abgewendet hat- Und wenn ich nicht nur auf den Glauben, sondern auch auf -den Wandel und die Werke seihen wollte, so dürfte ich mit allem Rechte gegen meine jüngeren Freunde und auch gegen Steffens und Schlexermacher die ärgerliche Forderung aufstellen, m a n m ö ch t e m i r d o ch einmal E h r i st e n zeigen, denn ich hätte d e r e n l e i d e r n o ch k e i n e g e t r offen, w e n n i ch n i ch t et wa ein paar fromme Inden so nennen sollte, die i ch i n A r m it t und Beracht it n g nicht n n r st reng r e ch t s ch a f f e n , s o n d e r rl a u ch g o t t e r g e o e n n n d m i l d e i h r e n B ed r ü dem Liebes erzeigen g e s e h e n." Rahel Levin (die wenige Tage, bevor sie Varnhagen zum Altäre folgte, zur Taufe geschritten war) mußte also, wie man aus diesem enthusiastischen Erguß ersieht, keine Anstrengungen machen, um ihrem Gatten philo semitische Ueberzeugungen einzuslößen. So Paradox es klingen mag: es wäre vielleicht nötiger, den Nachweis zu erbringen, daß Rahel - - wenn man schon zugibt, daß die Taufe bei ihr ein rein äußerlicher, durch ihre Heirat zwar nicht gerechtfertigter, so doch erklärter Schritt war — nicht auch wegen der innerliche^ ^Entfremdung vom Judentum strengen Tadel verdiene. Wenn Gutzkow sagen mochte, Varnhagen sei durch Rahel Jude geworden, so findet man vielfach die von jüdischer Seüe ausgesprochene Beschuldigung, Rahel habe — durch ihre Ehe mit Barnhagen -- aufgehört, Gefühl und Sinn für das Judentum und seine treugebliebenen Bekenner zu hegen. Es ist heute an dieser Stelle nicht unsere Aufgabe, die Stichhaltigkeit dieser Anklage zu prüfen; aber es dürfte auf alle Fälle beachtenswert sein, daß Rahel hie und da nicht nur in kühlen Worten, sondern gelegentlich auch in der nachdrücklichsten Weise ihr Interesse für jüdische Angelegenheiten betonte. E i n k a it m b x s h e r beachtetes Zeugnis hierfür bietet ein Brief Rahels an ihren Gatten, in welchem sie nicht nur das feinste Berständnis für die epochale Bedeutung der Mendelssohnschen Uebersetzung an den Tag legt, sondern auch zeigt, daß ihre enthnsiastische Ausdrucksweise, auch wenn es sich um eine jüdische Frage handelt, durch das Wasser der Tailfe keine Abkühlung erleidet. Ter vom 18. Oktober .1817 datierte Brief" enthält in seinem ersten Teile einige Wünühe, die ihr Gatte einem Freunde - Theodor mitteilen möge, und hat dann im weiteren folgenden Wortlaut: . . Tn mir den Gefallen und trag' ihm (Theodor) auch diese ineine mir sehr am Herzen liegende Angelegenhext vor! Ta die Nenjndeu es nun einmal -- mit den Ehristen in der Wette durchgesetzt haben, ihre Mädchen einzusegnen, die bisher rein unter Gottes Obhut blühten und in besonderen Kapellen und Tempeln Teutsch zu predigen und 31t beten, und modernen Zeremonien zu folgen, so soll er mir helfen, daß auch das Gute davon entstehe, daß des Moses Mendelssohn Uebersetzung der Bücher Moses in wirklich deutschen Lettern — aber nicht lateinischen, sondern deutschen wie Luthers Bibel gedruckt werde. Es schreibt bis jetzt niemand besser deutsch als dieser wahrhafte Künstler in d e r Sache; Hebräisch wußte er gewiß sehr gut; ich bin gewiß, die Uebersetzung ist ein Meisterstück, ganz deutsch, unt) doch dem Originale nah. Wer aber kann sie mit den jüdischen Lettern lesen? Mache, daß dies durch Jakobsohn, den alten David Friedländer, Liebermann, Schlesinger und andere solche durch eine Subskription bei den Juden zustande kommt. Ich unterzeichne gleich. Ich halte unendlich auf die Ausführung dieses Gedankens, der — Du weißt es — so ein alter von mir ist: wär' ich nicht nur ein toller, sondern auch ein reicher Engländer, ich hätte es sängst allein getan UNS diese Uebersetzung mit deutschen Lettern drucken lassen- Es ist gewiß vortrefflich und ersprießlich; wie alles sehr gute und Schöne. Ich will mal sehen, was Du vermagst." Barnhagen antwortet Rahel am 4. November 1817 bezüglich dieses Wunsches folgendes: „ ... Mendelssohns Uebersetzung der Bücher Moses ist schon mit deutschen Lettern erschienen, vor zwei Jahren, durch zwei Lehrer der jüdischen Schule zu Dessau besorgt., Bücher find' ich bald auf; ich habe dieses schon heute -aufgetrieben und bring es Dir mit. Dein redlicher Wunsch ist also schon erfüllt, liebe, gute, brave Rahel!" Die Auskunft Barnhagens ist im wesentlichen richtig. Nur darin irrt er, daß er z w e i D e s s a u e r L elhr er n das Verdienst vindiziert: Tie Arbeit wurde von dem Schuldirektor D. Frä nk e l zu Dessau und dem Schulvorsteher Dr. M. v. Bock zu Berlin unternommen und erschien im Jahre 1815 zu Dessau und Berlin in Großoktav. Das hundertjährige Jubiläum dieser Arbeit, die Erinnerung -an die Mendelssohnsche Uebersetzung in deutschen Lettern, hätte somit gefeiert werden müssen, xxnd wohl mehr als manches andere Buch, dem solche Ehre zuteil ward. Das jetzt wohl schon zu einer großen Seltenheit gewordene Buch hat noch einen besonderen und wohl auch bemerkenswerten Titel: „Die fünf Bücher Mose, übersetzt von Moses Mendelssohn. Für B ib elfr eun'd e aller Konfessionen und zunächst für Israeliten bestimmt. Herausgegeben von D. Fränkel, Herzoglich Anhalt-Tessaxlischer Direktor der Israelitischen Schulen, und von M. H. Bock, Doktor der Philosophie und Vorsteher einer Lehr-, Erziehungs- und Pensionsanstalt in Berlin. Dessau, zu haben bei dem Direktor Fränkel; Berlin, in Kommission bei Friedrich N ik0 l a i. 1815." Im Vorworte weisen die Herausgeber darauf hin, daß durch den Mangel einer Uebersetzung mit deutschen Lottern die Arbeit „für viele Israeliten größtenteils und für Christen im allgemeinen völlig unbrauchbar war". Die Herausgeber bemerken dann noch: „Diesem wesentlichen Mangel also abzuhelfen und diese vortrefflichen Uebersetzungeu gemeinnütziger zu machen, entschlossen wir uns, die von dem Mitherausgeber Tr. Bock in Berlin schon im Februar 1811 anderweitig angekün'digte Herausgabe der Heiligen Schrift mit deutschen L e t t e r n g e d r u ck t, endlich, besonders da bisher kein aynluher Versuch irgendeines änderen in der Tat zur Reife 0. buchen, gehörig zu realisieren." Ter Versuch einer Herausgabe der M-endelssohnschen xleberstzung mit deutschen Lettern war bereits im Jahre 1780 unternomm'-n worden; aber es erschien nur das erste Buch .-Roses. Ter Versuch war gescheitert. „Vermutlich fehlte es au Abonnenten" meint Kayserling m seiner Biographie Mendelssohns. G. Engel 8 mann (Wien). Das Plagiat in der Aukksllung Mischer Denker. Von Dr. M n x Steif (Neu-Routzriitz). er Begriff -des literarischen Diebstahls hat erst in unserer Zeit jene Erweiterung, wie jene verfeinerte Auffassung erfahren, die in der Aneignung fremden, geistigen Eigentums zumindest etwas ebenso Strafbares und Verdammenswertes erblickt wie in einer solchen greifbar materieller Güter. Man betrachtete eben in früheren Zeiten alles, was an geistigen Werten produziert wurde, als allgemeinen Besitz, in den man ohne jede Gewissensbisse hineingreifen dürfe. Skrupellos eignete man sich im Altertum und weit bis ins Mittelalter hinein fremdes, geistiges Gut an, wo

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