Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1919)
- Date
- 1919-05-30
- Page
- Seite 232 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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232 und ferner haben wir von gutunterrichtetm Persönlichkeiten des oberschlesischen Großhandels Auskünfte erhalten, so daß wir in der Lage sind, folgende skizzenhafte Darstellung der Bedeutung! der Juden im oberschlesischen Wirtschaftsleben zu geben. I. Industrie. Schon zu Beginn der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts lag der Erzbergbau Oberschlesiens in jüdischen Händen. Die Hauptbeteiligden: Moritz Friedländer. Sinai Levy und David Löwenfeld errichteten dann zur eigenen Verhüttung ihrer Erze das Hochofenwerk Friedenshütte, das später, den: Zuge der Zeit folgend, in die Oberschlesische Eisenbahnbedarfs-Aktiengesellschast umgewandelt wurde und heute das größte Hochofen^- Stahlwerk Oberschlesiens ist. An der Spitze, des Aufsichtsrats steht der Bankier Generalkonsul Engen Landau in Berlin. Die weltbekannte Bismarckhütte ist von den Kausleuten Elias Sachs und Salomon Hannuer begründet worden. Den Vorsitz im Aufsichtsrat führt der Bankier Sigismund Born«. Die großen Röhrenwerke Huldschinskh Werke A.-G. sind von Moritz Hahn und Simon Huldschinfky begründet worden. Die Oberschlesische Eisenindustrie A.-G. mit ihrem großen Hochosenwerk Julienhütte und den Stahlwerken Baildonhütte und Herminenhütte ist von der bedeutenden Eisenhandelsfirma M. I. Caro n. Sohn begründet worden, und noch heute ist der Geheime Kommerzienrat Oskar Caro Vorsitzender des Aufsichtsrates der Gesellschaft. Die Gründung der „Silesia", Paruschowitz, eines der größten Emai^i^rwerke Deutschlands, geht ans die Firma Gebr. Lachmann zurück. Die Aktiengesellschaft Ferrmn wurde von dem Eisenbahnmsternehmer Rudolf Pringsheim in Beuchen gegründet. ',"Äe Oberschlesische Zinkhütten - Aktiengesellschaft stammt in der Hauptsache aus bcm Besitze des Kaufnianns Hei mann Roth in Breslau. Die Oberschlesischen Kvkswerke und Chemischen Fabriken wurden durch die Firma Emannel Friedländer in Gleiwitz gegründet, und zwar durch Uebernahnre seiner eigenen und der Firma M. I. Caro u. Sohn gehörigen Koksan statten: später wurde noch die große Koksanstalt Glückauf, den Herren Moritz Mannheimer und Hermann Zerkowski gehörig, angegliedert. Aber nicht nur in der Eisen- und Zinkindustrie ist die Betätigung jüdischer Persönlichkeiten unter Einschlag jüdischen Kapitals ersichtlich, sondern auch irn Kohlenbergbau ergibt sich die gleiche Erscheinung. Die bedeutende Kohlengrube Heinitz ist von Otto Friedtänder aufgeschlossen worden, und die meisten Kohlengruben des Rhbniker Reviers befinden sich in den Händen von Fritz Friedländer, Gebr. Guttmann, Baron v. Rothschild und Bankier Sternberg. Die in Oberschlesien vorhandenen Lederfabriken, Mühlenwerke, Textilfabriken und Zigarrenfabrikelr befinden sich ebenfalls in größerem Umfange in jüdischen Händen. Auch bei der Begründung der bedeutenden oberschlesischen Portsiandzement- und Kalkindustrie waren jüdische Unternehmer stark be* teiligt. II. Verkehrslvesen. Ter schon oben erwähnte Eisenbahnunternehmer Rudolf Pringsheim hat zum leichteren Verkehr zwischen den Erzgruben und den Hüttenwerken eine den ganzen, oberschleiischen Jndustriebezirk muspannende Kleinbahn gebaut, die vor ungefähr zehn Jahren in den Staatsbetrieb übernommen wurde und einen sehr wichtigen Faktor des internen Verkehrs bildet. Eine gleiche Kleinbahn, wenn auch geringeren Umfangs, die heute nicht mehr entbehrlich wäre, ist von dem Unternehmer Engen Siegheim erbaut worden! III. Handel. Die weltbekannten Koh-lenfirmen Cäsar Wollheim und Emanuel Friedländer u. Co., die sehr bedeutende Erzfirma Rawack u. Grünfeld, die großen Holzhandelsfirmen S. Goldstein, S. Grünfeld, W. Sternberg, S. Fuchs, Mar Möller, die seit Jahrzehnten die Erz- und Kohlengruben mit erforderlichem Grubenholz versorgen, sind sämtlich von Juden gegründet worden unb werden auch weiterhin von ihnen geleitet: auch die Deckung des sehr erheblichen Kolonialwarenbedarfs des stark bevölkerten oberschlesischen Bezirkes wird fast ausschließlich durch jüdische Firmen bewirkt. IV. Der Steueran'teil der Juden. Am besten gibt hierüber die nachstehende kleine Znsam men fass uug Ausschluß, welche den Anteil der jüdischen Zensiten unter den genannten Steuerzahlern und der von ihnen aufgebrachten Summe vorführt: % d. v. Juden % der jüd. aufgebrachten Steuerzahler Steuerst m me Kattowitz .... . . . . 8,50 33 Oppeln-. . . . . 2,40 22 Hindenbnrg . . .? 15 Lipine.? 15 Königshütte . . . . . . . 1,21 7,46 Bismarckhütte . . . . . . 2 10 Ratibor. . . . . 3,35 30,30 Groß-Strelstitz . . . . . . 7 13 Rybnick. . . . . 4,07 30 Sogall'.? 40 Nicolai. . . . . 2,09 9,5 So rau. 2 16 Leobschntz .... . . . . 1,57 10 Koset . . . . . 3 5 Neustadt .... . . . . 1,43 55 Kätscher .... . . . . 0,40 5 Grottkau .... .... 0,92 11,5 V. Anteik der Juden innerhalb der - Verwaltung. Kattowitz: unter 42 Stadtverordneten 13 Juden, unter 13 Magistratsmitgliedern 5 Juden, unter 42 Bezirksvorstehern 10 Juden, 1 Jude Provinzial-Landtagsabgeord-ueter, Schöffen 20 Prozent, Geschworene 1 Prozent, 2 Juden Mitglieder der Haudelskauuner. Hindenbnrg: 1 Jude Magistratslnitglied, 5 Juden Gerne indevertreter, 7 Jriden Kreistagsabgeordnete, 15 Jrrden Schöffen. Königshütte: unter 45 Stadtverordneten 8 Inden, unter lOJ'Stadträten 2 Inden. Achslowitz: 8 Stadtverordnete, 2 Stadträte, 1 Waisenrat. Ratibor: unter 42 Stadtverordneten 6 Juden, unter 14 Stadträteu 1 Jude. Rhbmck: unter 30 Stadtverordneten 7 Juden, unter 7 Al'ag ist rätsln itgliedern 1 Jude. Nicolai: 3 Stadtverordnete, 6 Schöffen, 5 Geschworene. Levbschütz: 2 Stadtverordnete, 1 Magistratsnütglied. Pleß: unter 18 Stadtverordneten 4 Juden. Neustadt: unter 30 Stadtverordneten 9 Juden, unter 9 Magistratsmitgliedern 2 Juden. Guttentag: 1 Stadtverordneter, 1 Kreistagsabgeordneter, 1 Waisenrat, 1 Schöffe, 1 Geschworener. Kätscher: 2 Stadtverordnete. Grottkau: 1 Stadtverordneter. # Dem Kopenhagen er Zionistischen Bureau wurde von einem in Kopenhagen weilenden Mitgliede der führenden Kreise der oberschlesischen Iudenheit ein Memorandum vorgelegt. Dieses beschäftigt sich mit den Aussichten der jüdischen Bevölkerung in Oberschlesien im Falle einer Eingliederung des oberschlesischen Gebietes in das polnische Reich. Das Memorandum verweist auf die unglückliche Lage der polnischen Juden, die durch wirtschaftliche Boykotts und neuerdings durch furchtbare Pogrome dem Untergang entgegengeführt werden. Das oberschlesische Judentum bildet einen besonders durch sein reges geistiges Leben bedeutsamen Teil der Gesamtbevölkerung. Dieses verrät sich schon darin, daß sich auf dem verhältnismäßig kleinen Landteil mit einer jüdischen Bevölkerung von etwa 10 000 Seelen 12 Rabbinatsgemeinden finden. Zu allen akademischen Berufen, Stellungen in der Verwaltung und Ehrenämtern stellen die oberschlesischen Juden einen großen Prozentsatz. Noch wichtiger ist ihre Bedeutung für die Entwicklung des Wirtschaftslebens. Dank der Blüte ihrer wirtschaftlichen Existenz sind sie an allen philanthropischen Bestrebungen in hohem Maße beteiligt. Tie oberschlesische Iudenheit, die das Schicksal der Bevölkerung in den Provinzstädten Posens vor Augen hat, sieht nun mit banger Sorge einer Zukunft entgegen, die sie der polnischen Herrschaft und damit dem polnischen Inden- Boykott, vielleicht sogar noch schlimmeren Heimsuchungen ausliefern würde. Sie befürchtet, daß auch vom Völkerbund