Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1919)
- Date
- 1919-05-30
- Page
- Seite 233 (sequence 5)
- Language
- German
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2W geschaffene Kanteten sie vor der Gefahr des Untergangs unter der polnischen Herrschaft nicht genügend schützen würden. Die dänische Zeitung „Politiken" macht ihre Leser in einem Interview mit dem hier weilenden Vertreter der oberschlesischen Juden auf die Bedeutung dieser Frage aufmerksam. •*; Die „Grenzboten" vom 7. Mai erörtern in einem ausführlichen Aufsatz die Frage, ob die Provinz Posen dem polnischen Reiche einverleibt werden kann und soll. Bei der Erörterung der Folgen, welche die eventuelle Angliederung an Polen für die Bewohner der Ostmark haben werden, werden mit' Recht als besonders düster die Zukunftsaussichten der Juden geschildert. „Am traurigsten gestaltet sich die Zukunft für die in Stadt und Provinz Polen lebenden Deutschen jüdischer Konfession die genau wissen, was ihnen blüht, wenn die Provinz Posen, dem polnischen Staate zugeschlagen wird. Sie wissen, daß ihre Gleichberechtigung nur auf dem Papier stehen wird und daß sie in der Praxis auf der ganzen Linie unter einem brutalen Antisemitismus zu leiden haben werden, wie ihn nur der Pole, allenfalls noch der Rumäne zuwege bringt. Diese Juden, die sich von den Deutschen genau so wenig unterscheiden wie der moderne englische Jude von dem Engländer, also selbstverständlich nur als Deutsche jüdischer Konfession bezeichnet werden können, sind in einer gefahrvollen Situation. Sie nicht allein wie jeder posensche Deutsche christlicher Konfession' tri der fürchterlichen Gefahr, mit einem Lande verbunden zu werden, das kulturell ungeheuer rückständig ist, vielmehr fürchten sie mit Recht, zu einer Art von Gettojuden herabgedrückt zu werden. Sollen sie doch zu einem Lande kommen, das die ungeheure Zahl von zirka drei Millionen Ostjuden beherbergt. Und dieses Land denkt nicht etwa daran, wie es in einem analogen Falle etwa England oder Amerika tun würde, die drei Millionen Ostjuden, in denen eine ungeheure intellektuelle Kraft steckt, durch nicht bloß auf dem Papier stehende, sondern auch in der Praxis ausgeübte paritätische Behandlung möglichst schnell zu gleichwertigen Staatsbürgern zu machen. Vielmehr haben schon wiederholt die politischen Führer der Polen in vertrautem Kreise erklärt, daß sie selbstverständlich keine Ausnahmegesetze für die Juden schaffen werden, schon allein aus dem Grunde nicht, weil das ja die Entente nicht zulafsen werde, daß sie aber durch einen wohlorganisierten Boykott den größten Teil der Juden zwingen würden, das Land, das sie schon seit Jahrhunderten bewohnen, möglichst schnell zu verlassen. Und wie systematisch die Polen gerade in bezug auf wirtschaftlichen Boykott Vorgehen, haben sie schon wiederholt bewiesen." * Professor O. Knopp aus Rogasen veröffentlichte vor Jahren mit Unterstützung der Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen ein umfangreiches, für die Völkerkunde äußerst wichtiges Werk: „Sagen und Erzählungen aus der Provinz Posen" (p63 Seiten, Lexikonsormat). Auf Seite 311 bis 314 finden sich zwölf besondere Sagen, die von Juden als Erinnerung aus vergangenen Zeiten namenlosen Schreckens und furchtbarer Drangsale noch erzählt werden. Die Erzählung lautet: Dem Fürsten Sapieha (der Schluß und Land Fi lehne besaß, im 16...Jahrhundert) wurden einst mehrere Pferde gestohlen. Ter Verdacht lenkte sich auf einige Juden, und es wurde mit den Verdächtigen kurzer Prozeß gemacht: sie wurden alle zehn gehenkt. Aber da erhob der Nachbarmagnat aus Czarnikau, der Edle von Czarnkowski, Einsprache. weil die Juden aus seiner Grundherrschaft waren. Er verlangte ernste Genugtuung. Der Fürst Sapieha ließ nun in Filehne zehn beliebige Juden aufgreifen und schickte sie dem Nachbar mit dem Bedeuten, er möge ihnen ein Gleiches tun. Das geschah auch. Nach vielen Jahren jedoch stellte sich die Unschuld der Verurteilten heraus und, um sich mit seinem Gewissen äbzufinden, ließ der Fürst an dem! Orte, wo die Juden gehenkt waren, an der Stelle deö alten Galgens, eine Kapelle errichten, die den: Schutzpatron der Stadt Filehne, dem heiligen Lorenz, geweiht wurde und die noch heute steht. Nicht übel ist die daran sich schließende Geschichte, die freilich nicht von einem Juden handelt, aber uns deutlich zeigt, wie noch vor hundert Jahren das christliche „Volk" begnadet wak, dem die Apostel des Judenhasses so rn-aincherlei von ehemaliger und unverjU'deter Glückseligkeit des Volkes vorzuplauschen wissen. Friedrich der Große äußerte einmal seine Freude über die lange, Prächtige Kastanienallee vor dem Schlosse der Fürstin, Sapieha. Als er jedoch ein andermal wieder in die Gegend kam, fand er die ganze Allee niedergehauen; die Fürstin hatte das, was dem ihr verhaßten Deutsches! Freude machte, beseitigen lassen. Nur einen Baum hatte der Beamte, der das Fällen der Bäume leitete, durch einen Fnßfall vor der Fürstin gerettet, und zwar hatte er seine Bitte mit dem Bemerken begründet, daß der Baum für ihn einen großen Wert habe und eine wichtige Erinnerung sich, für ihn daran knüpfe; denn vor Jahren habe die gnädige Fürstin seinen Sohn an diesem Baume aufhängen lassen. * Pogrorriprorest des Bischofs Povlsen. Der dänische Bischof Po u Isen veröffentlicht gemeinsam mit dem Propst Munck folgende Protestresolution gegen den Judenpogrom in Proskurow: „Die am 7. Mai in Nästved versammelten christlichen Freundendes jüdischen Volkes sprechen ihren tiefen Abscheu und Kummer aus über .den bluttriefenden Judenhaß, der kürzlich wieder in dem fürchterlichen Pogrom in der kleinen ukrainischen Stadt Proskurow zum Ausbruch kam. Fünftausend Inden, Männer, Frauen, Kinder und Greise, wurden im Lause weniger Tage in qualvollster Weise von den in der Stadt in Garnison befindlichen Soldaten abgeschlachtet. Wir wünschen, daß die Regierungen aller zivilisierten Länder sich endlich zusammenschli>eßen, um dieser Mmenschlichen Barbarei ein Ende zu machen. Insbesondere möchten w,ir die Hoffnung au ssp rechen. daß die Machthaber der Welt, deren Vertreter jetzt in Paris versanunelt sind, nicht allein erlvägen, sondern wirklich energische und entscheidende Schritte tun werden, damit dies das letztemal war, daß der Wahnsinn des Judenhasses einen solchen Schandfleck aus die Völker heftete, die sich mit dem Namen Christen schmücken." * Aus Bukarest wird geschrieben: Die Frist zur Einreichung des Gesuches um Einbürgerung auf Grund des königlichen Dekrets vom 6./19. Januar 1919, welches dem Bewerber unter anderem die famose Beweislast der Geburt in einem Lande auferlegte, wo die GeburtsMatrikeln fehlen, oder daß der Petent nicht den Schutz irgendeines anderen Staates genießt, also etwa* Negatives, ist für die im alten Rumänien wohnenden Juden bereits abgelaufen. Die Juden haben es abgelehnt, auf derartige Tricks aufzusttzen. Nicht fünfzig Gesuche wurden überreicht. In diesem Verhalten ist der einmütige Protest der Juden des Landes gegen jede derartige Gesetzgebung zum Ausdruck gekommen. * Der Jüdischen Pressezenträle Zürich wird aus London berichtet: Hier herrscht große Aufregung über einen von zehn prominenten ..Israeliten" in der antisemitischen „Moruing Post" namens der Liga der britischen Juden veröffentlichten Brief, worin, um die britisck)en Juden vom Verdacht des Bolschewismus reinzuwaschen, darauf hingewiesen wird, daß diese Ideen nur bei den „fremden Juden" Eingang gefunden hätten. Der „Jewish World" nennt diesen Brief eine Denunziation und die Gefährlichkeit liege nicht nur in der Teilung in „britische" und „fremde" Juden, sondern auch im Hinweis, daß die „fremden" Juden mit dem Bolschewisurus sypathisierten oder mit andern Worten, nach einer Revolution in diesem Lande trachteten. Dr. Ga st er schreibt, der Versuch, die eigene Stellung auf Kosten anderer zu retten und die hilflosen Massen zu denunzieren, um die versteckten Interessen weniger zu schützen, sei zwar nicht neu in der Geschichte, doch sei es letzten Endes von Mitgliedern der Anglo Jewish Community zu erwarten gewesen.